Reformerfolge der Krisenländer

6. Juli 2012, 18:49
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Die "innere Abwertung" von Spanien bis Irland zeigt Wirkung. Die Produktivität und Exporte steigen, die Handelsbilanz gesundet

Wien - Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau, Proteste: Die Bilder aus den europäischen Krisenländern zeigen vor allem, dass der Sparkurs zu einer konjunkturellen Abwärtsspirale ohne Beispiel führt. Wenngleich Arbeitslosigkeit und Einkommensverluste nicht wegzudiskutieren sind, werden die damit einhergehenden Strukturverbesserungen oft ausgeblendet.

Bei allen Unterschieden von Griechenland bis Portugal: Der durch starkes Lohnwachstum und sinkende Produktivität gekoppelt mit steigenden Preisen hervorgerufene Verlust an Wettbewerbsfähigkeit hat die industrielle Basis der Staaten geschwächt. In der Folge erwirtschafteten die Pigs immer größere Leistungsbilanzdefizite, die lange Zeit durch Kapitalzuflüsse aus dem Ausland kompensiert wurden. Seit Ausbruch der Finanzkrise fehlt diese Füllmasse, die Lücken werden vom Eurosystem maßgeblich über EZB-Spritzen an die Banken der Südländer gestopft. Das hat die Forderungen der Deutschen Bundesbank, des größten Gläubigers im Eurozahlungssystem ("Target2"), auf 700 Milliarden Euro anschwellen lassen.

In den letzten Wochen und Monaten deuteten allerdings einige Indikatoren auf zarte Reformerfolge in der Europeripherie hin. Verbessert haben sich vor allem die Lohnstückkosten, die das Verhältnis von Arbeitskosten zur Produktivität messen und somit ein wichtiger Gradmesser für die Wettbewerbsfähigkeit sind. Im letzten Jahrzehnt verschlechterte sich die Position Portugals, Italiens und Spaniens gegenüber Deutschland um rund 20 Prozent, jene Griechenlands um 30 Prozent. Doch in den letzten Jahren hat sich der Trend umgekehrt. Irland, Portugal, Spanien und Griechenland haben ihre Lohnstückkosten deutlich gesenkt, auch Italien verbessert seine Position relativ zu Deutschland.

Exportsteigerungen seit Ausbruch der Krise

Spanien, Irland und Portugal belegen auch bei den Exportsteigerungen seit Ausbruch der Krise die vordersten Plätze. Das Konzept der Preis- und Lohnsenkung, das wegen der nicht möglichen Währungsabwertung verfolgt wird, sei somit "nicht hoffnungslos", erklärt Zsolt Darvas von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. Nachsatz: Die Erfolge in Griechenland sind überschaubar.

Die Entwicklung schlägt sich deutlich in den Leistungsbilanzen nieder, die den Saldo aus Importen und Exporten von Waren und Dienstleistungen darstellen. Spanien, das seit dem Tiefpunkt 2008 die Ausfuhren um 36 Prozent steigern konnte, reduziert sein Leistungsbilanzdefizit laut Währungsfonds heuer von zehn Prozent im Jahr 2007 auf gut zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Ratingagentur Fitch rechnet sogar schon mit einem ausgeglichenen Saldo. Irland kam bereits 2010 in den grünen Bereich, nachdem zwei Jahre zuvor noch ein roter Fünfer aufgeschienen war. Griechenland schafft seit 2008 eine Halbierung des Leistungsbilanzdefizits auf sieben Prozent.

Darvas macht keinen Hehl daraus, dass die interne Abwertung wegen der hohen Arbeitslosigkeit in den Krisenländern "sehr schmerzhaft" sei. Unter Verweis auf die Rosskur in den baltischen Staaten kommt er aber zu dem Schluss, dass ein Aufschwung nach der Anpassung in Reichweite sei. Viel hängt freilich nach den Jahren hoher Einkommenssteigerungen von der verlangten Senkung der Löhne ab.

In Spanien beispielsweise sind die Entgelte bisher gar nicht gesunken, weshalb die Produktivitätssteigerungen nur durch die Freisetzung von Mitarbeitern erreicht werden konnten. In Griechenland kam es zwar bis 2010 zu einer Reduktion der Löhne um vier Prozent, seither stagnieren sie aber, während die Arbeitslosigkeit steigt. Ohne eine stärkere Anpassung des Lohnniveaus dürfte also keine Besserung bei der Beschäftigung in Aussicht sein. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 7.7.2012)

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