"Die Griechen"

Einserkastl6. Juli 2012, 18:38
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Wenn der Mehrheit der Bevölkerung etwas vorzuwerfen ist, dann, dass sie sich selbst belogen hat

"Die Griechen lügen wie gedruckt." Diese apodiktische Feststellung aus dem Mund eines (deutschen) Wirtschaftswissenschafters wird einer Mehrheitsmeinung in Deutschland und Österreich entsprechen. Lassen wir beiseite, ob das "politisch korrekt" ist. Political Correctness ist manchmal in Ordnung, manchmal heuchlerisch, manchmal dazu da, die (traurige) Realität zu verschleiern.

Die wahre Frage ist: Stimmt es auch? Tatsache ist, dass die seinerzeitige griechische Regierung sich in den Euro geschwindelt hat. Die Zahlen wurden - durchschaubar - gefälscht. Seither hat Griechenland - zuerst die konservative, dann die sozialdemokratische Regierungspartei - eurowidrige Politik betrieben. Der Staatsapparat wurde weiter aufgebläht, die Parteianhänger weiter massenhaft mit Pöstchen und Alimentierungen versorgt, man lebte auf Schulden.

Diese zu machen war leicht, weil die Kredite durch den Euro billig waren. Reformen, um Griechenland wettbewerbsfähig(er) zu machen, unterblieben. Dann kam unvermeidlich die Pleite. Seither "lügen" "die Griechen" wieder. Sie behaupten Reformen, die sie nicht umsetzen. Aber sind das "die Griechen"? Oder eine Elite, die seit Jahrzehnten unseriös, populistisch regiert? Wenn "den Griechen", also der Mehrheit der Bevölkerung, etwas vorzuwerfen ist, dann, dass sie sich selbst belogen haben. Dass sie die Scharlatane gewähren ließen. Das aber kann man - graduell abgeschwächt - woanders auch haben. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 7.7.2012)

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