Reise durch sich selbst

6. Juli 2012, 17:32
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Pianist Herbie Hancock beim Jazzfest Wien

Wien - Eine Menge Tastengeräte hat Herbie Hancock in der Staatsoper um sich geschart. Allein, man weiß bei diesem Veteranen, der im Zentrum so vieler Innovationen stand: All der Technikaufwand war und ist ihm nur inspirierende Voraussetzung von Musik. Nie wird das Material in der Art einer sterilen Soundmesse vorgeführt; immer mutiert es zum Teil komplexer Arrangementgebilde oder zur Quelle markanter Themen.

Logisch insofern, dass Hancock auch im rein akustischen Kosmos überzeugt. Wie er beim Klaviersolo rhapsodisch ausschweift, kleine Ausflüge in die Romantik unternimmt und dann eine seiner wesentlichen Kompositionen (das modal orientierte Maiden Voyage) aus dem harmonischen Dickicht aufsteigen lässt, um sogleich wieder in die Klangduftwelt Debussys abzutauchen - das bezeugt spontane Ideenkraft.

Es zeigte aber auch, dass dieser Abend eine Reise durch verschiedene Hitstationen der Karriere des als Jungjazzer bei Miles Davis groß gewordenen stilflexiblen Könners aus Chicago ist. Eine Reise, die sich jedoch nie im reinen Abspulen von Kompositionen wie Watermelon Man, Canataloupe Island und dem genialisch funkigen Chameleon erschöpft. Vielmehr: Zusammen mit Gitarrist Lionel Loueke (auch ein toller Vokalist), Bassist James Genus und Schlagzeuger Trevor Lawrence Junior baut Hancock die Hits in komplexe Formen ein, in denen rhythmische Raffinesse mit cooler Leichtigkeit zelebriert wird.

Ein bisschen tat es weh, dass der Sound in der (eigentlich nur bei akustischen Instrumenten zur Hochform auflaufenden) Staatsoper holzhammerartig daherkam, da hier vor allem eine Elektrofusion-Band auftrumpfte, die schließlich auch das mit seiner Stumpfheit immer noch verhaltensauffällige Rockit herausbolzte. Schön allerdings, durch Come Running To Me (1978) und einen mit Vocoder singenden Hancock daran erinnert zu werden, dass ihm einst nicht jeder Ausflug ins Kommerzielle würdevoll gelang. Auch Genies haben ihre Schwächephasen.  (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 7./8.7.2012)

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