Federer und Murray greifen nach Nummer 1

6. Juli 2012, 23:20
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Nach Sieg in vier Sätzen gegen Djokovic hat der Schweizer nun die Chance auf Platz eins der Weltrangliste - Im Finale wartet die Britenhoffnung Murray

London - Roger Federer steht in Wimbledon vor seinem siebenten Titel und der Rückkehr auf den Tennis-Thron. Der 30-jährige Schweizer besiegte am Freitag im Giganten-Halbfinalduell mit einer mutigen Weltklasse-Vorstellung den Weltranglisten-Ersten und Titelverteidiger Novak Djokovic mit 6:3,3:6,6:4,6:3. "Dafür spielt man Tennis - um um die Wimbledon-Trophäe zu spielen", sagte der sichtlich gelöste Federer.

Mit seinem siebenten Wimbledon-Triumph würde Federer die Bestmarke des US-Amerikaners Pete Sampras einstellen - und erstmals seit Mai 2010 wieder die Spitze im ATP-Ranking übernehmen. "Natürlich habe ich jetzt auch viel Druck, weil für mich viel auf dem Spiel steht", betonte der Schweizer. Gestoppt werden könnte Federer nun nur noch am Sonntag vom britischen Hoffnungsträger Andy Murray, der den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga am Freitag im zweiten Semifinale ebenfalls in vier Sätzen besiegte.

Novak Djokovic zeigte sich als fairer Verlierer. "Wenn Roger gewinnt und wieder die Nummer eins wird, ist das sehr verdient, er hatte ein fantastisches Jahr", sagte der Serbe. Der Noch-Weltranglisten-Erste legt jetzt eine Pause ein, um bei den Olympischen Spielen topfit ins Rennen zu gehen. "Es waren fünf, sechs lange Monate für mich, ohne viel Pausen. Jetzt nehme ich mir die Zeit, um ein bisschen vom Tennis abzuschalten, und dann will ich bei Olympia wieder voll angreifen", sagte der 25-Jährige.

Unter dem geschlossenen Centre-Court-Dach im verregneten Londoner Südwesten standen sich zwei Kontrahenten auf Augenhöhe gegenüber. Zwar ging Federer noch mit einer 14:12-Bilanz gegen Djokovic in die Partie, von den vorigen fünf Grand-Slam-Halbfinal-Spielen gegen den Serben hatte der 16-fache Grand-Slam-Rekord-Champion aber vier verloren.

Letzter Grand-Slam-Titel bei Australian Open 2010

In dem mit Spannung erwarteten ersten Rasen-Aufeinandertreffen der beiden erwischte Federer den besseren Start. Der Routinier setzte von Beginn an auf Attacke und konnte so den Branchenprimus in Satz eins überrumpeln. Das Break zum 4:2 hielt er zum Gewinn des ersten Satzes. Der zweite Durchgang allerdings ging ähnlich schnell an Djokovic, der aufblitzen ließ, weshalb er drei der vorigen vier Grand-Slam-Turniere gewonnen hat. Ein frühes Break zum 2:0 reichte ihm.

Richtig hochklassig wurde die Partie dann im dritten Satz. Federer zeigte imposante Entschlossenheit und ein wie verwandeltes Nervenkostüm im Vergleich zu seiner French-Open-Halbfinalpleite gegen den Serben. Bei 4:4 wehrte er selbst einen Breakball ab und nahm dann Djokovic den Aufschlag ab, um sich bärenstark Satz drei zu holen. "Come on" brüllte er. "Das war der Schlüsselmoment des Matches", sagte der fast 31-Jährige nach dem Match.

Im vierten Satz wirkte der sonst so unbändige Kampfgeist von Big-Point-Mann Djokovic gebrochen. Der daueraggressive Federer machte ein schnelles Break zum 2:0 und verwandelte schließlich nach 2:19 Stunden Spielzeit seinen ersten Matchball. In dieser Verfassung scheint Federer in seinem 24. Grand-Slam-Finale kaum zu schlagen. Es ist überhaupt seine erste Endspielteilnahme bei einem der vier "Majors" des Jahres seit den French Open in Paris 2011. Auf seinen letzten Grand-Slam-Titel wartet er seit den Australian Open 2010 und auf einen Wimbledon-Triumph gar schon seit dem Jahr 2009.

Erster Titel für Murray in Griffweite

Im Finale könnte es auch für Andy Murray um die Nummer 1 gehen - nämlich seinen ersten Grand Slam-Titel. Zum vierten Mal steht der Brite in einem Finale eines solchen Turniers, erstmals als "Lokalmatador" am heiligen Rasen von Wimbledon. bei den US Open 2008 und den Austrial Open 2010 hatte Murray gegen den diesmaligen Konkurrenten Federer verloren. 2011 war in Australien gegen Djokovic Endstation. Nur in Paris hat es der Schotte noch nicht ins Finale geschafft.

Im Halbfinale gegen Tsonga siegte der 25-jährige in vier Sätzen nach starkem Beginn doch noch etwas zittrig mit 6:3, 6:4, 3:6, 7:5. Nachdem Murray in nur etwa einer Stunde bereits die ersten beiden Sätze eingesackt hatte, kehrte Tsonga mit hochklassigem Tennis im dritten Satz noch einmal in das Spiel zurück. Auch von einem Break im vierten Satz erholte sich der Franzose noch einmal, ehe Murray den Sack doch noch zumachen konnte.

"Es war ein enges Match, und ich bin einfach nur glücklich, jetzt im Finale zu stehen", betonte Murray. Verständlich, wenn man bedenkt, dass es seit Austin kein Brite in elf Wimbledon-Halbfinal-Anläufen, darunter auch dreimal (2009, 2010, 2011) Murray, ins Endspiel geschafft hat. Die Nummer vier des Turniers ist sich nun bewusst, dass "alle Unglaubliches von mir erwarten".

Der unterlegene Jo-Wilfried Tsonga freut sich nach seinem Ausscheiden vor allem auf den anstehenden Urlaub. "Ich habe eine kleine zweijährige Nichte und habe sie erst zweimal gesehen. Deshalb werde ich die Zeit nutzen, um die andere Seite meines Lebens zu genießen", sagte der Weltranglistensechste. Murray sagte der Franzose für die Zukunft den Kampf an. "Eines Tages wird es sicher eine Revanche geben", erklärte Tsonga, der im Head-to-Head mit dem Schotten nun bereits 1:6 zurückliegt.

Für das Publikum in London ist Murrays Finaleinzug auch etwas besonderes: Seit Bunny Austin 1938 hat kein Brite es mehr ins Endspiel des vielleicht bedeutendsten Tennisturniers der Welt mehr geschafft. Mit einem Sieg des Schotten würde gar eine seit 1936 andauernde Durtstrecke Ende. Damals hatte Fred Perry als letzter Brite das "Heimspiel" gewonnen. Auch wenn die Grand Slam-Statistik klar für Federer und gegen Murray spricht, das persönliche Duell der beiden Asse führt immerhin Murray mit 8:7 an.  (APA/red, 6.7.2012)

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    Ein glücklicher Sieger.

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