Ein apologetisches Ärgernis

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    foto: suhrkamp

Sympathisches Anliegen, schlechtes Buch: Dietmar Dath und Barbara Kirchner scheitern am "Implex"

Der Journalist, Pop-Philosoph und Schriftsteller Dietmar Dath und die Chemieprofessorin Barbara Kirchner haben ein Buch geschrieben, das den Rahmen des Gewohnten sprengt. Aber bevor die Leser das merken, sind sie schon auf einer strapaziösen Reise. Dabei erfahren sie allerhand, auch über Abgelegenes - etwa die Urhorde, die siliziumlebendigen Xümerls auf dem Planeten Gikhna im Hysenstirz-System und andere Welttatsachen, aber auch vieles aus Fantasy und Science-Fiction.

Dath/Kirchner verstehen ihr Buch nicht als wissenschaftliche Monografie oder philosophischen Traktat, sondern als politisches Buch. Sein Ursprung ist die These, dass mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert eine "intellektuelle Kriegsmaschine" erfunden wurde, die der alten, feudal-obrigkeitsstaatlich-klerikal geprägten Welt den Garaus machte und die bürgerliche Emanzipation in Gang setzte. Mit der Aufklärung wurde "sozialer Fortschritt" erstmals als denkbar und machbar begriffen. Damit wurden Ungleichheit und Ungerechtigkeit - ja dem menschlichen Leiden überhaupt - die letzte (theologische) Rechtfertigungsbasis entzogen.

Heute, so der sympathische Schluss, gehe es darum, das Erbe der Aufklärung zu bewahren und das Unabgegoltene darin - das "Nochnichtgedachte", "Nochnichtgelebte" - zu verwirklichen. Das Mögliche, aber Übersehene nennen sie im Anschluss an Paul Valéry "Implex", was man auch Implikation oder Implikatur oder - mit Ernst Bloch - "Vorschein" nennen könnte. Wen das Programm an die Philosophie der Hoffnung Ernst Blochs (1885- 1977) erinnert, liegt richtig. Wie dieser lehnen sich Dath/Kirchner an Marx und Engels an. Im Gegensatz zu diesen behandeln sie aber Bloch, dem sie viel mehr verdanken, als sie an nur drei Stellen deutlich machen, nur am Rand. Doch das ist der geringste aller Mängel und hy briden Pirouetten.

Erstens: Der Buch umfang ist zahlreichen Wiederholungen geschuldet. Das gilt für die schulmeisterliche Repetition von Merksätzen und Lehrbuchversen aus der Marx'schen Theorie ebenso für den Dauerrefrain zum Los von "Zurückgesetzten, Übervorteilten und Benachteiligten" oder für das Referieren historischen Handbuchwissens.

Zweitens: Wo Dath/Kirchner ihre Thesen mit historischem Material unterfüttern, verfangen sie sich in Vereinfachungen und Pauschalisierungen. Bei der Darstellung geschichtlicher Prozesse bevorzugen die Autoren den Schweinsgalopp und übersehen dabei manches - etwa wenn sie der deutschen Aufklärung pauschal ein Defizit an gesellschaftlicher Einsicht unterstellen. Die auf gerade einmal drei Seiten entwickelte These, in Deutschland hätten seit dem 18. Jh. Naturkategorien wie "Rasse" oder "Geschlecht" das Denken bestimmt statt soziologischer Kategorien wie "Klasse", ist eine grobianische Verkürzung. Diese lebt von Vorstellungen, die mehr der "Wucht des Manifestschreibergestus" der Autoren als soliden historischen Kenntnissen zuzuschreiben sind.

Das gilt auch für die Meinung, "in Deutschland" gehöre "das Wort 'Klasse' exklusiv den verbohrtesten unter den verbliebenen Marxianerinnen und Marxianern". Das kann nur jemand behaupten, der die Sozialgeschichtsschreibung, wie sie sich in der BRD - nach 1968 - herausgebildet hat, nicht kennt.

Drittens: Die Unebenheiten bei der Präsentation des historischen Materials wiederholen sich auf theoretischer Ebene. Bei der Diskussion über den Klassenbegriff zitieren sie - unter dem Fanal "ad fontes" - Lenin mit einer Klassendefinition von 1919. Lenin beurteilt Klassen "nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (...) Verhältnis zu den Produktionsmitteln". Das ist weder falsch noch überholt, nur etwas allgemein und berechtigt nicht dazu, den Soziologen Pierre Bourdieu, der Lenin haushoch übertrifft bei der Analyse der Spaltung der Gesellschaft in Klassen, als "Lebensstil- und Geschmacksanalytiker" abzufertigen und sein Werk als "Begriffsbudenzauber".

Viertens: Je länger man liest, desto gravierender werden die Mängel des Buches. Wer sagt, sozialer Fortschritt sei möglich, handelt sich ein diffiziles Problem ein. Dath/Kirchner wissen das und diskutieren nichts intensiver als das Problem, dass aus analytischen Sätzen logisch direkt keine normativen folgen: Aus der Tatsache, dass jemand eine Frau ist, folgt nicht, dass sie Kinder gebären muss. Logisch resultiert aus dem Sein kein Sollen: "No ought from an is" - so David Hume (1711-1776). Das tangiert auch Marx' These, wonach es eine Klasse gibt, die ein Interesse daran hat, das System der Klassenherrschaft zu überwinden. Damit ist nicht ausgemacht, wer, wann und unter welchen Bedingungen dazu fähig und bereit ist.

Dath/Kirchner kennen die komplexen Debatten über Humes Gesetz und setzen sich mit den Philosophen von Wittgenstein über Quine bis zu Davidson, Rawls, Rorty, Habermas, Luhmann und Brandom auseinander - alle erhalten Bescheide ihres Ungenügens. Dath/Kirchner verzaubern das Wollen unter der Hand in ein Sollen und behaupten forsch, die englische Dichterin Anna Laetitia Barbauld (1743-1825) habe den Schlüssel längst gefunden für den Übergang "des aufgeklärten zum Klassenbewusstsein", woran Bacon, Descartes, Spinoza, Voltaire, Marx, Engels, Rosa Luxemburg und Lenin scheiterten. Das ist hochstaplerisches Imponiergehabe: Die Autoren wissen, dass es jemanden braucht, der "das Implizite explizit macht", aber sie können auf 800 Seiten keinen benennen, der logisch dafür zuständig ist. Das kürzeste Kapitel - eine Seite! - ist dem Thema "Wen braucht eine Revolution?" gewidmet.

Fünftens: Neben Hochstapelei und Pathos tritt die bohemienhafte Apologie von Terror, und das macht das Buch, das mit radikaler Kapitalismuskritik begonnen hat, zum Ärgernis: Angeblich bahnten 1789 wie 1917 "verbliebene Reste angestammter (...) oder quislinghafter (...) Feinde der Revolution (...) Bürgerkrieg und Terror den Weg". Das ist nur einfältige Geschichtsklitterung. Wie Robespierre 1793/94 verklärte Lenin 1922 den Terror als Staatsdoktrin: "Das Gericht soll den Terror nicht beseitigen, sondern ihn prinzipiell, klar, ohne Falsch und Schminke begründen und gesetzlich verankern." - Neben solchen Abstürzen wird die verquaste Syntax des Buches zur minderen Zumutung: Sätze von 35 Zeilen gehören dazu. (Rudolf Walther, Album, DER STANDARD, 7./8.7.2012)

Dietmar Dath und Barbara Kirchner, "Der Implex. Sozialer Fortschritt. Geschichte und Idee". Euro 25,90 / 880 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2012

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2 Postings

Ja oh ja. Man muß aus Menschen Steine machen, um versteinerte Verhältnisse abzusichern. Nur, warum in der "taz"?

Eigentlich ein Armutszeugnis für die Redaktion des Standard-Albums, dass ihr zu diesem wunderbaren Buch nichts anderes einfällt, als einen eher unnötigen Verriss abzudrucken, der vor mehr als vier Monaten (!) bereits in der taz erschien: http://www.taz.de/!88150/

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