Die Stunde der Pionierinnen

6. Juli 2012, 19:01
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Mit der Revolution ziehen auch die Frauen in die Politik

Tripolis - Im konservativ geprägten Libyen haben noch viele Vorbehalte gegen Frauen in der Politik. Doch Ibtisam Ben Amer lässt sich nicht beirren. "Libyen gewinnt", ist sie sich am Ende einer Wahlveranstaltung sicher. Die 60-jährige Geschäftsfrau und Mutter von fünf Kindern hat in die Handelskammer in Tripolis geladen. Etwa zwei Dutzend, meist Frauen aus dem Bekanntenkreis, sind gekommen, um die Kandidatin der Libyschen Nationalpartei zu treffen. Dieser Partei aus dem liberalen Spektrum habe sie sich angeschlossen, weil sie die Frauen als gleichberechtigt betrachte, sagt sie im Standard-Gespräch.

Sie selbst habe im Wahlkampf keine schlechten Erfahrungen gemacht, betont sie, sondern im Gegenteil viel Zuspruch erfahren. Ihr Mann sagt, er sei sehr stolz auf die Initiative seiner Frau. Tochter Dina kümmert sich um die Werbung. Ben Amer ist überzeugt, dass auch Männer Frauen wählen werden, weil sie der Meinung seien, dass ihr Beitrag für den demokratischen Aufbau notwendig ist.

Von der Regierung ist die Beteiligung der Frauen an der Wahl aktiv gefördert worden. Die Frauenunion lud alle Kandidatinnen zu einem Seminar ein. "Die Unterstützung, die wir da gespürt haben, gab uns einen echten Schub", erzählt die Besitzerin eines Geschäftes für belgische Schokolade.

Frauenquote auf Parteilisten

Auf den Parteilisten, über die 80 der 200 Sitze vergeben werden, muss die Hälfte Frauen sein, und es muss immer zwischen Mann und Frau gewechselt werden. Für die 120 unabhängigen Wahlkreise sind hingegen von den 2500 Kandidaten nur 85 Frauen. "Ohne den Rückhalt einer Partei ist es für Frauen schwierig", so Ben Amer.

Sie hätte sich mehr Echo für diesen Abend gewünscht, denn die Konkurrenz ist groß. Der erste libysche Wahlkampf ist Knochenarbeit. Alles ist für alle neu.

"Viele Frauen, insbesondere auf dem Land, werden ihren Mann oder ihre Söhne fragen, wen sie wählen sollen. Frauen hatten bisher ein behütetes Leben, waren vor allem zu Hause und sind es nicht gewohnt, Entscheidungen alleine zu treffen", erklärt eine ältere Diskussionsteilnehmerin. Nicht so die Damen im Saal: Hier finden sich vor allem gebildete, weltoffene Frauen, die genau wissen, was sie wollen. (afr, DER STANDARD, 7.7.2012)

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