Nachdenkübung für Matratzensportler

  • Mit dem erotischen Elan von vor hundert Jahren: Petra Morzé und Miguel Herz-Kestranek nehmen Tuchfühlung auf.
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    Mit dem erotischen Elan von vor hundert Jahren: Petra Morzé und Miguel Herz-Kestranek nehmen Tuchfühlung auf.

Als Echo aus einer fernen Vergangenheit nimmt Helmut Wiesners Inszenierung von Schnitzlers "Reigen" prächtig Fahrt auf: Den Damen gehört die Gabe der Einsicht

Reichenau/Rax - Über seinen Reigen hat Arthur Schnitzler etwas Wesentliches in einem Brief an Olga Waissnix ausgesagt. Seine Szenenreihe sei "vollkommen undruckbar". Die Skandalgeschichte der nachfolgenden Jahrzehnte sollte dem Dichter recht geben. Das Stück " heiße" literarisch "nicht viel" (hier muss man den Autor der Koketterie zeihen). Würde der Reigen indes "nach ein paar hundert Jahren ausgegraben", so Schnitzler, dann würde er "einen Teil unserer Kultur eigentümlich beleuchten". Das tut er.

Das Licht fällt zunächst nur zögerlich in den zweiten Spielraum des Reichenauer Theaters. Es malt ein Gitter auf den samtenen Untergrund. Helmut Wiesners Reigen-Inszenierung beginnt zurückhaltend kühl: Sie gibt in einem ersten Arbeitsschritt Figuren aus dem k. u. k. Museum ("die Dirne", "den Soldaten") zur Besichtigung frei. Martina Spitzers Gunstgewerblerin könnte sogar einer Rosenkavalier-Inszenierung entstiegen sein. So lockt sie ihren Freier nur mechanisch spröde: "Komm, mein schöner Engel ..." Und nichts klingt obszöner und verkehrter als dieser Lockruf einer, freundlich gesprochen, Unselbstständigen an ihren Konsumenten.

Im Reigen (1897) läuft der Sexualakt wie ein Riss durch jede der zehn Szenen. Man sieht nicht etwa, wie sich der Soldat mit dem Stubenmädchen vergnügt, wie sich dieses dem jungen Herrn hingibt, dieser die verheiratete Frau beglückt usw. Man hört nur, was sich Mann und Frau vorher und nachher zu sagen haben. Das ist kein reines Honiglecken. Der Voyeur der Reigen-Szenen schüttelt betrübt den Kopf. Bei jener Gelegenheit, bei der die Bürgerinnen und Bürger am zwanglosesten zueinanderfinden, lieben sie am allermeisten nur sich selbst.

Wiesner will es nicht besser wissen als jene armen Tröpfe, die sich um einer flüchtigen Umarmung willen um Kopf und Kragen reden. Spätestens mit David Oberkoglers trotziger Liebesanbahnung als "junger Herr" nimmt der Abend auf geradezu verwegene Weise Fahrt auf. Ein blank poliertes XL-Messingbett, das aus London importiert wurde (Bühne: Peter Loidolt), dient als Kampf- und Richtstätte der Matratzensportler.

Wiesner gelingt ein entscheidender Erfolg. In seinem Reigen behalten die Frauen die Oberhand. Er nimmt ihnen nicht die Mieder und die ondulierenden Strumpfbänder weg. Wiesner stattet die Damen nur mit reichlich Selbstbewusstsein aus.

So nimmt diese famose Reigen-Inszenierung mit heiterem Schwung alle Klippen. Sie deckt jene Zehntelsekunden auf, in denen den Männern ihr eigenes Geschwätz über die weibliche Moral peinlich wird (Jürgen Maurer als "der Ehegatte"). Sie entlarvt die Nachgiebigkeit als Kalkül auf dem Weg zum Glück, das unter den Bedingungen der Jahrhundertwende eben nur im Verborgenen gedieh.

Chris Pichler ("die junge Frau") trägt den Strauß davon. Als Ehefrau ist sie das ironische Echo auf die Madame Bovary, nicht umsonst heißt sie Emma. Sie, aber auch Katharina Straßer und die atemberaubende Petra Morzé stellen die maskuline Überlegenheit als Produkt der Einbildung bloß. Es ist der k. u. k. "Graf" Miguel Herz-Kestraneks, mit dessen erotischem Verlöschen dieser heftig akklamierte Reigen sich schließt.  (Ronald Pohl, DER STANDARD, 7./8.7.2012)

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