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"Blamage! Geschichte der Peinlichkeit"
Zu Beginn des Buches gleich eine wuchtige These: So viel Peinlichkeit wie heute war nie, behauptet der deutsche Kunsthistoriker, Künstler, Publizist und Peinlichkeitsforscher Christian Saehrendt.
Natürlich muss das Fernsehen als Beleg herhalten, und dies auch zu Recht: Exhibitionsshows, bei denen man sich winden möchte, freche, aber "mediengerechte" Ansagen inkompetenter Politiker und Banker, und "zwischendurch essen C-Promis Insekten". Es kann kein historischer Zufall sein, wenn der deutsche Wortschatz in den letzten Jahren durch das neue Verbum "fremdschämen" bereichert wurde.
Andererseits ortet Saehrendt in seiner Geschichte der Peinlichkeit aber auch eine verstärkte Sensibilität gegenüber schamlosem Gebaren - sei es, dass man es an anderen verstärkt wahrnimmt, sei es, dass man es selber intensiver zu vermeiden versucht.
Beide Trends, der zu den "unangenehm Lauten" und jener zu den "bedenklich Stillen", tragen eine gemeinsame Botschaft: Peinlichkeit, ob sie nun frech in Kauf genommen oder zwanghaft vermieden wird, ist eine sehr starke, gesellschaftsprägende Emotion.
Saehrendt geht das Peinlichkeitsphänomen methodisch von zwei Seiten an. Fünf der insgesamt zehn Kapitel stehen unter dem Überbegriff "Panorama der Peinlichkeiten", jedes von ihnen enthält eine ausladende Liste peinlicher Personen, Situationen, Konstellationen und Verhaltensweisen: sitzenbleiben, beim Abschreiben erwischt werden, nicht einparken können, der Lüge überführt werden, furzen im Aufzug, lächerliche Kindernamen, sich zum Verschwörungstheoretiker wandeln oder im Puff erwischt werden - das liest sich alles amüsant und treibt dem mit einem halbwegs intakten Empfinden ausgestatteten Leser wohlige Schamschauer über den Rücken.
Anderes in Saehrendts Peinlichkeitsenzyklopädie wirkt weiter hergeholt: Sollte es wirklich peinlich sein, wenn man "kein Zelt aufbauen kann"?
Die andere Hälfte des animiert geschriebenen Buches gilt einer theoretischen Durchdringung des Peinlichkeitsphänomens. Saehrendt grenzt Scham und Peinlichkeit gegeneinander ab, er befasst sich mit dem Wandel des Peinlichkeitsbegriffs (von der "peinlichen" Körperstrafe bis zur Strafe des sozialen Ausgeschlossenseins) und listet - ein nützliches Feature für alle Sommerurlauber - typische Fehlleistungen und Fauxpas auf, die man sich auf Reisen lieber nicht zuschulden kommen lassen sollte: "Die Welt ist ein Fettnapf".
Wer in der Schweiz über hohe Preise jammert, in Frankreich nach dem Einkommen fragt oder in den USA öffentlich uriniert, darf sich nicht wundern, wenn ihm ungemütliche Töne entgegenschallen.
Das Buch endet mit einer unerwarteten Handlungsempfehlung: der, sich doch öfter einmal absichtlich zu blamieren, womöglich gar unter der Anleitung eines einschlägig versierten Verhaltenstherapeuten, wenn die Überschreitung der Schamschwelle schwerfällt.
Denn, so Saehrendt: "Die Blamage hat durchaus ihren Wert. Wer die Selbstkontrolle im Alltag allzu stark perfektioniert, bringt sich um den Nutzen der als peinlich empfundenen Emotionen. Und derartige Gefühle dienen als elementare, spontane Lagebestimmungen des Individuums im Zusammenspiel mit seiner Umgebung." (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 7./8.7.2012)
Christian Saehrendt, "Blamage! Geschichte der Peinlichkeit". Euro 14,90 / 270 Seiten. Bloomsbury, Berlin 2012
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Schade, dass der Artikel lediglich erwähnt, dass Hr. Saehrendt in seinem Buch die Scham von der Peinlichkeit abgrenzt, nicht aber näher auf eben jene Abgrenzung eingeht. Was Peinlichkeiten sind, ist nicht allzu schwer aus dem eigenen Lebensumfeld herauszufiltern, welche Auffassungen von Scham, gerade auch in anderen Ländern, existieren, wäre interessant gewesen und hätte mich eventuell für den Kauf des Buches interessieren können.
Wird sogar strafrechtlich verfolgt als: "Indecent exposure"
Selbst wenn man in der weiten Wüste stehen bleibt, um sich hinter einem Felsn zu erleichtern und beim Zurückkehren zum Auto eine Highway Patrol wartet (herrenloses Auto = unheimlich verdächtig) und man sagt, dass man nur einem menschlichen Bedürfnis nachging, kann man verhaftet werden.
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