Die großen Furten dieser Welt

6. Juli 2012, 17:13
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Ausziehen, um das Schweigen zu lernen

Große Literatur und große Niederlagen beginnen meist mit einer großen Sehnsucht. Was natürlich nicht ausschließt, dass auch großen Niederlagen nur kleine Literatur voranging. Das größenwahnsinnige "Nach Frankfurt, nach Frankfurt!" wird nur noch übertroffen vom masochistischen "Nach Klagenfurt! Nach Klagenfurt!".

Egal wohin: Hauptsache Furt halt. Während Österreich in der stehenden Hitze brütet, begab sich auch dieses Jahr eine Handvoll Wagemutiger nach Klagenfurt, um dort im Schweiße ihres Angesichts die Werke in der Arena vorzutragen, anschließend das schwere Schweigen zu üben und den Daumen des Cäsar abzuwarten - wobei dieser siebenfach vervielfältigte Daumen quasi reloaded werden kann: am Morgen des vierten Tages. Wenn die Shortlist erstellt wird und vorher gefallene Entscheidungen aus ebenso rätselhaften wie mannigfaltigen Gründen plötzlich nicht mehr gelten. Es ist eine Lotterie.

Ein Kräftemessen der Juroren. Ein Schau-Spiel. Ein Pfauenradschlag der Verlage. Ein Chaos. Eine Familienaufstellung ohne Leiter. Eine Psychiatriesitzung ohne Psychiater. Ein Debakel. Ein Orakel. Die Dichtenden und Schreibenden sind vom Blick dieser unberechenbaren Jury-Sphinx seit Jahrzehnten ungebrochen angezogen - abgestoßen. Dieses Jahr beschloss ich, mich am Orakelbusiness zu beteiligen und der Kuh Yvonne, die schon erfolgreich bei der EM beschäftigt war, in Form meines Hundes Konkurrenz zu machen. Ich vertraue seiner weisen Wahl. Unberechenbarer als die Jury kann auch er nicht werden.

Mein Hund wird nun Dieter Bohlen. Ich bin ja so stolz. Der Bachmannpreis: diese erste Castingshow im ORF. Das Drama wird streng nach immer gleichem Prinzip des survival of the angeblich fittest inszeniert. Gemixt mit einer geschüttelt Portion Voyeurismus. Die Kamera zielt aufs schwitzende Gesicht, der Blick des Transpirierenden auf jene der Juroren. Schweißperlen lösen sich in Zeitlupe.

Ja kein Sex, keine Witze, kein Aufdonnern, kein Aufbegehren ... Ich bin allerdings absolut auch für Sex, Witze, Aufdonnern, Aufbegehren. Schwerpunkt auf "auch". Ich bestehe darauf, dass auch schmerzhaft ernste Literatur Sex, Witz und Randale beinhalten kann.

Ein Paradoxon darstellen. Ein Paradoxon ist doch Qualitätsmerkmal einer Literatur, die sich nicht einfach einordnen lässt. Es gibt verdammt noch mal mehr zwischen Himmel und Erde als trübe Nasen und clowneske Hysteriker! Den Antretenden aber sei als Stärkung auf dem Weg in die Arena oder bei der Rückkehr trosthalber gesagt: Es gibt nur zwei Dinge auf dieser Welt, auf die es ankommt. Der Tod und die Liebe. Der Rest ist vernachlässigbar.   (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 7./8.7.2012)

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