Geld, begehrt und verachtet

6. Juli 2012, 18:40
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Die Krise hat die Sympathie­werte für das Medium "Geld" rapide sinken lassen. Die Ver­teufelung des Geldes ist politisch gefährlich

In meiner Heimatstadt Drosendorf kann man seit einiger Zeit mit dem Thaya-Taler zahlen. Dabei handelt es sich um eine Form von Geld, die auf die ganz enge Umgebung von Drosendorf beschränkt ist, zum anderen dient diese Form von Geld ausschließlich als Zahlungsmittel. Es lässt sich nicht vermehren. Derlei territoriale Zahlungsmittel existieren mittlerweile in verschiedenen Kleinregionen. In Oberösterreich gibt oder gab es zudem ein Netzwerk, das ausschließlich auf direktem Tausch beruht, zum Beispiel Lebensmittel gegen Autoreparatur.

Solche regionalen Tauschprojekte sind an sich harmlos und sollen hier auch nicht skandalisiert werden. Aber symptomatisch sind sie gleichwohl. Anlass, über (das) Geld zu sprechen, gibt es nämlich derzeit zuhauf. Korruptionsskandale führen uns eine Konfiguration des Politischen vor, dessen "Markenzeichen" die allgemeine Käuflichkeit zu sein scheint. Es ist da ein doppeltes Phantasma mit umgekehrten Vorzeichen im Spiel: hier die Panik, alles und jedes könnte in der hyperkapitalistischen Welt zu Geld gemacht werden, dort die positive Idee, alles verfügbar machen zu können, mittels des Geldes.

Historischer Wandel

Was käuflich und was nicht-käuflich ist, unterliegt ganz offenkundig historischem Wandel. Wenn Marx den Lohnarbeiter als jenen definierte, der nichts als seine Ware Arbeitskraft zu verkaufen hat, dann rückte er diesen rhetorisch nicht nur in die Nähe des Sklaven, sondern verwies auch auf den Skandal, dass der Mensch in bisher nie da gewesener Form verkäuflich geworden sei.

An der Finanzkrise entzündet sich ein weiterer Anlass für das Unbehagen am Geld. Wie kein anderes Phänomen, eignet sich das Finanzkapital als Feindbild schlechthin. Dafür sorgen die schier unfassbaren Summen - das, was ich den Nihilismus der unzähligen Nullen nennen würde. Zugleich ist es ein völlig undurchsichtiges und virtuelles Spiel, bei dem keinerlei eigenes Verdienst und keine Arbeit im Spiel ist. Die märchenhaften Transfers von Geldsummen produzieren keinerlei reellen oder gar ideellen Wert.

Das wichtigste Medium

Dass in Finanz- und Wirtschaftskrisen das Geld ins Gerede kommt, ist nicht weiter verwunderlich. Geld ist nämlich, in all seiner Ausdifferenzierungen, das wichtigste Medium der modernen, mittlerweile nicht mehr ausschließlich westlichen Welt.

Ohne Geld, diese symbolische zweite Haut des modernen Menschen, ist diese unsere Kultur undenkbar, sind doch viele Projekte, kleine wie große, nur durch komplexe Vorfinanzierungen möglich. Geld, als Medium betrachtet, verändert unser soziales Verhalten und ist eine Hohe Schule strategischen Denkens. Individuen, Gruppen und ganze Gesellschaften leben heute unter dem Diktat des Kalküls. Das Medium Geld enthält eine globale Botschaft. Wir sind allesamt Bewohner einer Kultur des Geldes, wie sie der deutsche Sozial- und Kulturphilosoph Georg Simmel vor mehr als hundert Jahren beschrieben hat.

Wunderding Geld

Aber das Wunderding Geld, das vormodern schon als Gold im Märchen schlummert, ist zugleich begleitet von einem tiefsitzenden Misstrauen. Das Geld erzeugt Ambivalenz. Eine gewisse Unauflöslichkeit ist da am Werk: ein Begehren, das mit Verachtung einhergeht. Deshalb auch macht das Geld, das sich in den Händen der anderen befindet, diese tendenziell hässlich. Die Geschichte des abendländischen Antisemitismus ist ein Schulbeispiel für jenes Phänomen, das man im Gefolge Freuds als Projektion und Abspaltung bezeichnen kann. Die problematischen Aspekte des Geldes werden ähnlich wie das eigene Begehren auf ein Gegenüber übertragen, das dann die hässliche Fratze des Kapitals trägt.

Schließlich tritt Geld, man kann dies bei Molière oder Balzac sehr schön studieren, mit allen problematischen Seiten menschlichen Trachtens und Strebens auf: mit Gier, Neid, Geiz, Egoismus, Gefühlskälte. Geld scheint ein amoralisches Ding zu sein, das uns alle zu Medien, zu Mitteln nämlich, zu machen droht. Wenn wir unerschrocken in den Spiegel schauen würden, dann müssten wir akzeptieren, dass in uns allen, Bewohnern der Geldkultur, solch prekäre Eigenschaften schlummern. Stattdessen sind es stets die anderen, die im Gegensatz zu uns immer nur ans Geld denken.

Ambivalentes Verhältnis

In die Geschichte des europäischen neuzeitlichen Antisemitismus ist unser verdecktes ambivalentes Verhältnis zum Geld eingeschrieben. Bekanntlich nahm dieser seinen Ausgangspunkt in den Zeiten des Frühkapitalismus, in der Geld, viel Geld für große politische oder ökonomische Projekte vonnöten war. Der moralische Skandal des Financiers besteht letztlich darin, dass er Vorteil aus einem zeitlichen Umstand zieht, nämlich jenem, dass er über Geld verfügt, das der andere, wenigstens zum gegebenen Zeitpunkt, nicht besitzt. Er nutzt also, so lautet der Vorwurf, eine missliche Situation eines anderen für seine Zwecke aus.

Der "jüdische" Financier, der sich im Kreislauf des "schieren" Geldes alles zu kaufen vermag, am Ende auch "unsere" Frauen und natürlich die willfährige Politik, ist nichts anderes als das entstellte Wunschbild unserer selbst, die Fratze des Geldes, die mit unserem schmeichelhaften Selbstbild im Kontrast steht. Übrigens ist dieser Mechanismus auch gegenüber anderen Kulturen wirksam, man denke nur an den Antiamerikanismus: Geschäftstüchtigkeit erscheint dann mit dem Odium des Geldmenschen behaftet zu sein. Die deutsche Kulturkritik der 1920er-Jahre, ich denke an Werner Sombart, hat die gefühlsgeladene Gegenüberstellung von Händlern und Helden geschaffen. Man braucht nicht zweimal zu raten, wo sich das deutsche Selbstbild und wo sich das Feindbild befand.

Geldlose Welt

Von Platon über den Sonnenstaat und zu Nova - Atlantis: Es gibt keine neuzeitliche Utopie, in der nicht das Bild einer geldlosen Welt, einer Welt ohne Medien, beschworen wurde. Die ideale Welt wird durch Weisheit und Vernunft gelenkt. Es gilt nur das beste Argument oder das persönliche Verdienst, nie das Widerspiel von mir und dir, wie es für Tauschgeschäfte charakteristisch ist. Eine Sehnsucht nach Unmittelbarkeit ist hier wirksam. Wie jedes Medium etabliert auch das Geld eine Trennwand zwischen den Menschen. Es lässt keine Nähe zu und stiftet Distanz, ja Entfremdung. Das teuflische Geld, das mit allen heißen Begierden verbunden sein kann, produziert Kälte ohne Ende. Kurzum, hinter all diesen Fantasien spukt der Traum von einer Menschheit, die einander nahbar wäre. Die Utopie lautet: Die Welt ohne Geld wäre viel menschlicher.

Das Unbehagen am Geld hat eine problematische Tradition. Beinahe sämtliche Totalitarismen des 20. Jahrhunderts haben den Traum von einer geldlosen Welt genährt: Das gilt nicht zuletzt für die Naziparole, in der das "schaffende" fein säuberlich vom "raffenden" Kapital geschieden wurde und die "Zinsknechtschaft" gebrochen werden sollte. Der Antisemitismus der Nazis ist undenkbar ohne diesen affektiven Impuls gegen das Geld. Er ist verbunden mit dem positiven Selbstbild einer organischen Gemeinschaft, in der kein Platz ist für die eigenen begehrlichen Ansprüche des Individuums. In dieser Ideologie sind das Geld und sein Repräsentant, "der Jude", Feinde einer als gerecht und solidarisch und somit geldlos imaginierten "Volksgemeinschaft".

Mediales Missverhältnis

Der Bolschewismus trug in all seinen Schattierungen das utopische Ziel in sich, das Geld abzuschaffen. Zwar ist es nicht zur Abschaffung des Geldes gekommen. Was den realen Sozialismus bis zu dessen unrühmlichem Ende auszeichnete, war indes der Umstand, dass die Möglichkeiten des Mediums Geld quantitativ wie qualitativ auf die Funktion des Zahlungsmittels für den alltäglichen Konsum beschränkt war. Schon der Kauf eines Autos war nicht so ohne weiteres möglich. Im Sozialismus, dieser merkwürdigen Taschengeldgesellschaft, konnte man tatsächlich nicht alles kaufen. An diesen medialen Missverhältnissen ist er nicht zuletzt zugrunde gegangen; ganz offenkundig bestand ein enger Zusammenhang zwischen der medialen Rückständigkeit dieses Systems und seinen vielen Unfreiheiten.

Die für manche ungemütliche These lautet also, dass Geld in all seinen Funktionen die Bedingung der Möglichkeit unseres modernen Daseins darstellt, als Individuen wie als Bürger der Zivilgesellschaft. Das impliziert nicht, alle Entwicklungen des hypermodernen Kapitalismus gutzuheißen: Es bedeutet nur, gegenüber unserer tief verwurzelten Animosität dem Geld gegenüber wachsam zu sein. Wer die andere Seite des Geldes gegen andere auszuspielen trachtet und wer das Geld als Medium prinzipiell einschränken möchte, der muss sich nach dem politischen Preis seiner Vorschläge fragen lassen.

Der Geist des Kriegerischen

In seiner umfassenden Analyse der Geldkultur verschweigt Simmel keineswegs die Aberwitzigkeiten des Geldes, etwa die Tendenz zur Verselbstständigung des Mittels zum einzigen Zweck; er macht aber unerschrocken geltend, dass all jene Eigenschaften, die gemeinhin zur Verurteilung des Geldes im Namen der Gerechtigkeit führen, auch eine ganz andere Seite in sich tragen, die vielbeklagte Gleichgültigkeit dämpft, so Simmel, die politischen Leidenschaften und den Fanatismus; die Idee des friedlichen Tausches widerspreche seiner ganzen Struktur nach dem Geist des Kriegerischen und fördert Kompromiss und Interessenausgleich; die vielgescholtene Oberflächlichkeit ermögliche zugleich eine Entlastung von der Macht und Autorität der Tradition; der Relativismus, der dem Geld zugrunde liegt, ermöglicht es, in Beziehungen zu anderen Menschen einzutreten, die nicht von persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse bestimmt sind. Selbst die Entfremdung, das Atout eines kritischen Marxismus, hat doch immerhin jene Kehrseite, dass sie mit Reflexion einhergeht, wenn ich akzeptiere, mir fremd zu sein. Demokratie, Feminismus, Pluralismus und Pazifismus sind in Simmels kulturellem und medialem Materialismus Ausflüsse der Wirkungsweise des Mediums Geld, das den Habitus des modernen Menschen nachhaltig prägt und verändert. (Wolfgang Müller-Funk, DER STANDARD; 7.7.2012)

Wolfgang Müller-Funk, Kulturphilosoph und Essayist, lehrt am Institut für Europäische und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien.

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    Lieber wieder zurück zur Tauschwirtschaft? Antikapitalistischer Protest mit Feuer und Flamme.

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