Wachstum in Osteuropa flaut weiter ab

6. Juli 2012, 13:53
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Das Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche senkt seine Prognose für Mittel- und Osteuropa. Slowenien gilt weiter als Rettungsschirm-Kandidat

Wien - Die Wirtschaftsforscher des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) erwarten eine weitere Verschlechterung der Konjunktur in Mittel- und Osteuropa (CEE). Für heuer haben sie die Wachstumsaussichten von acht Ländern, für 2013 für vier Länder gegenüber ihrer März-Prognose weiter gesenkt. Laut WIIW-Volkswirt Peter Havlik steht die EU und die CEE-Region vor einem Scheideweg, das BIP-Wachstum werde 2012 "enttäuschend niedrig" ausfallen, "fast überall" gewinne die Austerität an Oberhand, auch wenn zuletzt die Stimme für eine Wachstumspolitik lauter wurden.

Das Wachstum schwäche sich ab, eine Rezession sei in Sicht, betonte Havlik am Freitag vor Journalisten in Wien. Während der Eurozone für 2012 eine milde Rezession von 0,3 Prozent droht, dürfte die zehn neuen EU-Mitgliedstaaten um 1,2 Prozent wachsen. Die Wiederherstellung der externen Gleichgewichte 2009/10 und teilweise 2011 sei nur vorübergehend gewesen. "Trotz schwacher Binnennachfrage steigen die Handelsdefizite erneut", erläuterte er.

Als einen besonders bedrohten Raum nannte er Südosteuropa: Von den sechs Ländern, deren Wirtschaft 2012 nach WIIW-Ansicht schrumpfen wird, liegen vier in Südosteuropa: Bosnien-Herzegowina (-0,5 Prozent), Serbien (-1 Prozent) , Slowenien (-1,5 Prozent) und Kroatien (-1,5 Prozent). Sollte es zu einer Eskalation der Krise in Griechenland kommen, wäre Südosteuropa davon besonders hart betroffen, so Havlik.

Rettungsschirm-Kandidat Slowenien

Dass Slowenien, das noch vor einigen Jahren als Musterschüler im Aufholungsprozess gegolten hat, derzeit als Rettungsschirm-Kandidat gehandelt werde, führt WIIW-Direktor Michael Landesmann auch auf eine extensive Kreditpolitik des Zwei-Millionen-Landes nach dem EU-Beitritt zurück. Als erstes Land der Region kämpfe Slowenien aufgrund einer Bankenkrise mit einer Staatsschuldenkrise - trotz relativ geringer Staatsschuldenquote. Slowenien habe keine wesentlichen Anteile an den staatlichen Banken verkauft, erinnerte Landesmann. Die Zinsen für slowenische Staatsanleihen befindet sich in der Nähe jener von Spanien.

"Wir haben alle mitgezittert, was mit der Rekapitalisierung der Nova Ljubljanska Banka (NLB) passiert", die letztendlich gestemmt wurde, sagte WIIW-Slowenien-Expertin Hermine Vidovic. Derzeit werde erneut ein Rekapitalisierungsbedarf geprüft: Dieser könnte nochmals zwischen 300 und 500 Mio. Euro betragen, so Schätzungen - aber auch darüber hinaus. Auch weitere Banken könnten Hilfen brauchen, sodass ein Antrag Sloweniens auf EU-Hilfen derzeit nicht ausgeschlossen werden könne.

Kritik an Sparpolitik

Die überhandnehmende Sparpolitik ist aus Sicht des WIIW in der Region aber nicht überall notwendig. So erweise sie sich etwa in Tschechien, das bei den öffentlichen Finanzen gut dastehe, als kontraproduktiv, meinte Havlik, der die Sparmaßnahmen dort als "ideologisch" bezeichnete. Ratsam hält Havlik dagegen die Sparpolitik in Ungarn und dem Baltikum. In der sogenannten Peripherie der Region, zu der das WIIW Russland, Kasachstan, die Ukraine und die Türkei zählt, werde eine solche Austeritätspolitik gar nicht angestrebt. Diese Region sei aber auch Widerstandsfähiger als die Kern-Region Europa. Sie werde vor allem von den Rohstoffpreise, allem voran dem Ölpreis, beeinflusst.

WIIW-Forscher Leon Podkaminer betonte, dass Tschechien mit einem Haushaltsdefizit in Höhe von rund 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gut dastehe. Die Programme würden geblendet durch Angst vor einem Griechenland-Szenario umgesetzt. Ganz generell warnte er davor, in einer so großen Region wie der Eurozone eine flächendeckende Sparpolitik zu betreiben. Das würde in eine Stagnation führen. Seiner Ansicht nach war die Eurozone mit den Maastricht-Kriterien von Anfang an zu restriktiv ausgerichtet, was sich letztendlich auch in einem durchschnittlich relativ bescheidenen Wachstum von 2 Prozent widerspiegle.

Als Gegenbeispiel nannte Podkaminer Japan, die USA und Großbritannien, wo die Notenpressen angeworfen wurden. Dass müsse nicht in einer Hyperinflation enden, Japan habe eher Probleme mit einer Deflation. WIIW-Wirtschaftsforscher Josef Pöschl erläuterte, dass in einer Krise die Geldmenge - zu der nicht nur Barbestände, sondern unter anderem auch Kredite gehören - sinke. Die Notenbanken könnten diesen Rückgang zu relativ günstigen Kosten kompensieren. (APA, 6.7.2012)

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    Für heuer haben die Wirtschaftsforscher des WIIW die Prognose in acht osteuropäischen Ländern gesenkt.

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