General aus innerem Führungszirkel aus Syrien geflohen

6. Juli 2012, 12:56
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Bisher wichtigster Angehöriger der Führungsschicht desertiert

Beirut - In Syrien hat ein Mitglied des innersten Führungszirkels Oppositionellen zufolge Präsident Bashar al-Assad den Rücken gekehrt. Mit Manaf Tlas, General der Republikanischen Garde, sei der bisher wichtigste Angehörige der Führungsschicht desertiert. Die Republikanische Garde ist eine Eliteeinheit innerhalb der syrischen Armee, die von Bashars Bruder Maher befehligt wird, und als Stütze des Assad-Regimes gilt.

Maher al-Assad ist auch Befehlshaber der vierten Panzerdivision des Heeres. Der 45-Jährige gilt als gewalttätig, aufbrausend und skrupellos. Nach Bashar al-Assad ist er der zweitmächtigste Mann in Syrien, manche bezeichnen ihn als die "eiserne Faust" des Regimes, da die vierte Panzerdivision ganz besonders für das blutige Vorgehen gegen Regimegegner verantwortlich gemacht wird.

Aber auch die republikanische Garde soll nach Angaben von Oppositionellen und Menschenrechtskreisen mit Helikoptern, Panzern und Artillerie gegen Aufständische vorgehen. Es wird ihnen auch vorgeworfen, mit Messern auf die Bevölkerung loszugehen und etwa Kindern die Kehlen durchzuschneiden. Maher al-Assad ist zudem Mitglied des Zentralkomitees der herrschenden Baath-Partei.

Die Republikanische Garde, mitunter auch als Präsidenten-Garde bezeichnet, soll - eine offizielle Bestätigung gibt es nicht - rund 10.000 Mann umfassen. Sie gilt als wichtigste Kraft zum Schutz des Regimes, auch vor inländischen Bedrohungen. Sie ist beispielsweise für die Aufrechterhaltung der Sicherheit in der Hauptstadt Damaskus zuständig. Sie kontrolliert die Region rund um den Präsidentenpalast und das Nobel-Viertel rund um die Malki-Straße, wo Mitglieder der syrischen Führungsschicht aber auch ausländische Botschaften zu Hause sind.

Der im Juni 2000 verstorbene frühere syrische Präsident Hafez al-Assad - Vater von Bashar und Maher - gründete die Wache im Jahr 1976, nach einer Serie von gewalttätigen Übergriffen in Damaskus durch palästinensische Gruppen. Diese hatten gegen den syrischen Einfluss im Libanon protestiert. Er vertraute die Garde zuerst Adnan Makhlouf an, einem Cousin seiner Frau. Später überwarf sich Makhlouf angeblich mit Assad, jedenfalls wurde seine Macht 1995 deutlich beschnitten.

Chancen auf einen Posten im Offizierskorps der Republikanischen Garde hatten bisher nur Männer von unzweifelhafter Loyalität gegenüber dem Regime und der Präsidentenfamilie Assad. Um ihre Loyalität zu gewährleisten, erhält die die Republikanische Garde angeblich einen bedeutenden Anteil der Einnahmen aus den Öl-Feldern in der Dair al-Zur Region.

Auch Bashar al-Assad diente als Offizier in der Republikanischen Garde, während er nach dem Tod seines Bruders Basil - der eigentlich als Nachfolger seines Vaters Hafez vorgesehen war - auf das Präsidentenamt vorbereitet wurde. Seither pflegte der Präsident enge Kontakte zu vielen Garde-Offizieren.

Auch General Tlas galt als Freund von Assad. Er war einer der wenigen sunnitischen Muslime in der von Alawiten dominierten Führungsschicht. Sollten sich die Berichte bestätigen, könnte seine Flucht darauf hindeuten, dass der Rückhalt für den autokratisch regierenden Staatschef in den Reihen der wohlhabenden Sunniten schwindet.

Aus Oppositionskreisen hieß es, der General Tlas sei erbost über die Entscheidung Assads gewesen, militärisch gegen die Rebellen vorzugehen. Sein Vater Mustafa Tlas - von 1972 bis 2004 Verteidigungsminister Syrien und enger Vertrauter der Assads - sowie ein Bruder von Tlas haben Syrien nach Ausbruch der Revolte vor mehr als 16 Monaten bereits verlassen. Seitdem sind nach Angaben von Regimegegnern Tausende Syrer getötet worden.

Die syrischen Streitkräfte - vor dem Bürgerkrieg knapp 300.000 Mann - sind internationalen Medienberichten zufolge nach sowjetischem Vorbild aufgebaut und verwenden bis heute fast ausschließlich sowjetische Waffen. Das Material soll dementsprechend veraltet sein. Neue Waffen kauft Syrien vorwiegend in Russland.

Zwischen 2010 und 2011 importierte es Luftwaffenabwehrsysteme und Raketen im Wert von 540 Millionen US-Dollar, wie das schwedische Friedensforschungsinstitut Sipri neulich laut der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) vorrechnete. Das Szenario einer Intervention von außen, ähnlich der NATO-Attacke auf Libyen im vergangenen Jahr, ist unwahrscheinlich. Die Experten sind sich jedoch einig, dass die syrische Armee kaum in der Lage wäre, einer solchen Intervention lange standzuhalten. (APA, 6.7.2012)

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    Das Victory-Zeichen: Ein Bub in Sarmada in der Provinz Idlib. Am Freitag beschoss die Armee nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle in London die Stadt Daraja.

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    Mustafa Tlas, Vater des geflohenen Manaf Tlas, war von 1972 bis 2004 syrischer Verteidigungsminister. Auf diesem Bild ist er mit Bashar al-Assad im Jahr 2003 zu sehen.

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    2004 besuchte eine Delegation der FPÖ Syrien. Von links: Der damalige Klubobmann Herbert Scheibner, Ex-Verteidigungsminister Mustafa Tlas, Kärntens damaliger Landeshauptmann Jörg Haider.

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