"Ich hasse es, zweiter zu sein"

30. Juni 2003, 13:33
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Oracle-Boss Ellison will mit der Übernahme von PeopleSoft gegen SAP und Microsoft ins Feld ziehen

"Es sind die Eigentümer, die über einen Verkauf von PeopleSoft entscheiden. Da Craig Conway (der CEO von PeopleSoft, Anm.) erklärte, über einen Verkauf nicht verhandeln zu wollen und PeopleSoft nicht besitzt, haben wir uns entschlossen, den Shareholders unser Übernahmeangebot zur Entscheidung vorzulegen", verteidigte ein kämpferischer Oracle-Boss Larry Ellison bei einer internationalen Oracle Konferenz in London sein feindliches Übernahmeangebot für den Konkurrenten. Oracle hat den Eigentümern von PeopleSoft ein Angebot von inzwischen 19,5 US-Dollar pro Aktie gemacht; in Summe würde das Unternehmen damit über 6 Mrd. Dollar kosten.

"Ich hasse es, zweiter zu sein"

"Ich hasse es, wenn ich zweiter beim Segeln bin und genau so hasse ich es, zweiter im Geschäft mit Applikationen zu sein", lieferte Ellison ein einleuchtendes Motiv für sein Übernahmeangebot. Allerdings will Oracle dieses Motiv wirtschaftlich, und nicht persönlich verstehen: "Der Markt für Unternehmenssoftware ist extrem fragmentiert", erklärte Charles Phillips, der als Stratege der Übernahmeschlacht erst im Mai von der Investmentbank Morgan Stanley an Bord geholt wurde und jetzt als Executive Vice President rechte Hand von Ellison ist. SAP, der größte Anbieter von ERP-Software zur Steuerung von Geschäftsprozessen, habe nur 18 Prozent des Marktes, und wenn Oracle die Übernahme gelinge würde sein Marktanteil von derzeit 5,4 auf 10,8 wachsen, sagte Phillips gegenüber einen kleinen Runde internationaler Journalisten in London.

Den Markt für ERP-Software bezifferte Phillips auf 23,5 Mrd. US-Dollar, den Bereich SCM (Supply Chain Management) auf 8,5, CRM (Customer Relationship Management) auf 6,4 Mrd. Dollar. Mit seiner E-Business-Suite ist Oracle ebenso wie PeopleSoft in all diesen Bereichen tätig.

"Oracle will auf dieser kürzeren Liste stehen"

Phillips sieht anbetracht der schlechten Wirtschaftslage einen zunehmenden Trend seitens der Kunden, nur mehr bei wenigen Anbietern einzukaufen: "Sie wollen die Zahl ihrer Lieferanten verkleinern, und Oracle will auf dieser kürzeren Liste stehen."

Garantien

Ellison präzisierte auf der Oracle Konferenz seine Garantien gegenüber bestehenden Kunden von PeopleSoft, die am selben Tag auch in ganzseitigen Inseraten geschaltet wurden. Oracle zwinge niemand zum Umsteig auf seine eigen E-Business Suite und würde im Gegenteil die Unterstützung für bestehende Produkte länger als PeopleSoft selbst gewährleisten; nur wenn sich Kunden dafür entscheiden, könnten sie kostenneutral auf gleichwertige Oracle-Produkte umsteigen. Phillips erklärte, dass er im Falle eines Kaufs erwarte, dass in zehn Jahren noch wenigstens 70 Prozent der derzeitigen PeopleSoft-Kunden das Produkt verwenden würde.

Über eine Übernahme von PeopleSoft habe das Board von Oracle im vergangenen Jahr wiederholt beraten und wollte dafür den günstigsten – billigsten – Einstiegszeitpunkt abwarten, sagte Phillips. Der jetzige Zeitpunkt sei jedoch davon diktiert worden, dass PeopleSoft seinerseits ein Übernahmeangebot für den Softwarehersteller J.D. Edwards gemacht habe, an dem Oracle nicht interessiert sei.

Gut gerüstet

Für die Übernahmeschlacht haben sich beide Seiten bereits gerüstet: Oracle präsentiert seit einiger Zeit bei institutionellen Investoren sein Angebot, um Zustimmung zu erhalten. PeopleSoft wiederum hat eine "Poison Pill" (Giftpille) im Talon, um Oracle eine Übernahme zu vermiesen – im Falle eines Erwerbs von substantiellen Anteilen, die aber keine Mehrheit sind, würde das Unternehmen junge Aktien auf den Markt werfen und so die Anteile Oracles verwässern. Auch ein "White Knight", ein weisser Ritter, wurde bereits ins Gespräch gemacht – ein freundliches Unternehmen oder Investor, an den anstelle von Oracle substanzielle Anteile verkauft würden. "Selten werden Poison Pills aber auch tatsächlich genommen", weiß der im Investmentgeschäft erfahrene Phillips.

Für PeopleSoft-CEO Craig Conway wird die sehr persönlich geführte Schlacht nicht überraschend sein: Als früherer enger Mitarbeiter von Ellison kennt er den aggressiven Stil des ehemaligen Bosses nur zu genau.(Helmut Spudich aus London)

  • Foto: NIGEL MARPLEOracle-Boss Larry Ellison

    Foto: NIGEL MARPLE

    Oracle-Boss Larry Ellison

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