Archaische Alarmglocken

26. Juni 2003, 13:09
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Der Mensch sucht die Welt ständig, aber unbewusst nach Gefahren ab

Genf/New York - Bisher dachten viele Hirnforscher, Wahrnehmung spiele sich nie ohne die Großhirnrinde ab. Neueste Experimente legen indes nahe, dass archaische Netzwerke unter dem Kortex fortwährend und völlig unbemerkt des Menschen Sinnesdaten auswerten. Ist Gefahr im Verzug, lassen sie den Menschen dadurch schneller reagieren.

Dort, im limbischen System, das zwischen Hirnstamm, dem evolutionsgeschichtlich ältesten Teil, und den höheren Etagen des menschlichen Denkorgans vermittelt, bewerten Neuronen offenbar seit dem Strampelalter alles Tun und Lassen.

Unbewusste Auswertungen

Der an der Genfer Universität forschende Patrik Vuilleumier hat in einem Artikel im Fachjournal Neuroscience neuronale Alarmglocken beschrieben, die des Menschen Wahrnehmungen eigenständig auswerten, ohne dass es dem Menschen auch nur annähernd bewusst wird.

Entdeckt hat er dieses Alarmsystem, als er Versuchspersonen klare und verschwommene Gesichter zeigte, die dem Betrachter teils Furcht erregend, teils nur ausdruckslos anstarrten. Währenddessen beobachtete er die Hirntätigkeit seiner Probanden mit einem Computertomografen. Ergebnis: Angesichts unscharfer bedrohlicher Physiognomien feuerte die Amygdala - wegen ihrer Form auch Mandelkern genannt - im limbischen System Impulse und löste Unruhe aus, noch ehe der Betrachter den Gesichtsausdruck bewusst registrierte. Klarere Bilder hingegen studierten die Probanden ohne nennenswerte Gefühlsreaktionen.

Verschiedene Wege

Diese Ergebnisse zeigten, erklärt der Schweizer Hirnforscher Vuilleumier seinen Versuch, dass es zwei verschiedene Wege gebe, auf denen sinnliche Informationen verarbeitet würden. Hochauflösende Gesichter würden direkt von der Hirnrinde betrachtet, grobe hingegen von der Amygdala. Im Alltag seien grobe und genaue Daten aber nicht voneinander getrennt.

Deshalb, folgert er, werten Menschen ihre Umwelt vermutlich parallel auf zweierlei Weise aus: "Rasch und unbewusst mit der Amygdala, um die Lage zu sondieren, langsamer mit der Hirnrinde, um die Details zu erkunden." Damit bestätigt Vuilleumier für Menschen, was Experimente bereits vor Jahren an Ratten festgestellt haben.

Konditionierte Angstreaktion

Der Neurobiologe John LeDoux von der New York University lehrte Anfang der Achtzigerjahre den Nagern das Fürchten. In schallisolierten Käfigen folgt auf einen hohen Ton ein Stromschlag. Bald erstarren die Ratten schon vor Angst, wenn sie nur das Piepsen hören. "Konditionierte Angstreaktion" nennt sich dieses Phänomen.

LeDoux wollte wissen, wo die Angst ihre neuronalen Wurzeln hat. Deshalb entfernte er den Tieren das auditorische Hirnareal, also alles, was zum Hören gehört. Danach mussten die Ratten eigentlich taub sein. Doch ihre Reaktion veränderte sich nicht - offenbar hörten die Tiere weiterhin. Irgendwie. Erst als LeDoux den Mandelkern zerstörte, blieb der Angstreflex aus.

Wie in Vuilleumiers Experiment gab es hier eine krude Wahrnehmungsfähigkeit, die nicht über den Kortex lief, erklärt LeDoux. "Diese Kommunikationsbahnen, die es wahrscheinlich für alle Sinne gibt, sind evolutionsgeschichtlich sehr alt. In Zeiten, da der Kortex noch nicht so stark ausgebildet war, hat er den Wirbeltieren sicher geholfen." (Hubertus Breuer/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2003)

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    derstandard.at
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