Mücke, aufgeblasen

24. Juni 2003, 19:21
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Vielleicht weiß Grasser selbst nicht recht, was er nun ist - er hat ja auch schon wiederholt behauptet, er wäre vom Volk gewählt - eine Kolumne von Günter Traxler

Über der Suche nach Läusen im Grasser-Filz sollte man nicht vergessen, dass es noch immer auch die ÖVP gibt, der wir die laufende Sondervorstellung des Rührstücks von der New Economy letztlich zu verdanken haben. Wolfgang Schüssel hat es ja für einen ganz raffinierten Coup gehalten, das mattblau schimmernde Schmuckstück für sich zu gewinnen, eine Spekulation, die aufging, wenn auch nur kurz. Neben den abschreckenden Knittelfeldern hat er eitel Karl-Heinz etliche der 42 Prozent zu verdanken, auf die er mit seiner nach zweieinhalb Wendejahren leicht verknittert wirkenden Parteiriege allein kaum gekommen wäre. Also muss er nun, und wenn es dem Ansehen noch so sehr schadet, des Finanzministers ausgewachsene Macke als "aufgeblasene Mücke" verniedlichen.

Mit der Pflege guter Verbindungen auf Gegenseitigkeit setzte Grasser als Finanzminister nur fort, was er bei Jörg Haider gelernt und bei Frank Stronach verfeinert hat. Vielleicht ist es wirklich ein gegen Null tendierendes Schuldbewusstsein, dass ihn ständig von seiner blütenweißen Weste faseln lässt. In der neuen Ökonomie ist ein Minister auch nur jemand, von dem man sich Förderung erwarten kann, wenn man ihn fördert, und wenn es früher einmal anders war, dann war das eben der schädliche Einfluss der Politik auf das öffentliche Leben, dem nun endlich ein Ende gesetzt werden soll.

"Ich bin ein guter Unternehmer für Österreichs Interessen", feiert sich Grasser. Als Minister ist er dem Parlament politisch verantwortlich, wenn auch höchst widerwillig. Als Unternehmer keineswegs. Als solcher wohl rühmt er die Voest als "Perle" und kündigt gleichzeitig ihre Verscherbelung an - gibt es daran ein Interesse Österreichs? Für ihn ja, weil dann endlich Politiker nichts mehr mitzureden haben. Sich selber sieht er offenbar sogar dann nicht als Politiker, wenn er sich als Minister mehr oder weniger direkt doch in einen dubiosen Deal einschaltet, für dessen korrekte Abwicklung es angeblich ohnehin ein völlig unpolitisches Gremium gibt. Vielleicht weiß er selbst nicht recht, was er nun ist - er hat ja auch schon wiederholt behauptet, er wäre vom Volk gewählt.

Vielleicht könnte Schüssel, oder besser noch sein Spezialist für Gott und Verfassung, Andreas Khol, ihn einmal aufklären. Denn wenn er sich weiterhin so kläglich für seine industriell gesponserte Homepage rechtfertigt, wird aus dem Schmuckstück noch ein Mühlstein. Mit dem Verein zur Förderung der New Economy habe er nicht das geringste zu tun, behauptet er heute. Morgen hören wir womöglich, sein Sekretär habe den Verein gegen seinen Willen ins Leben gerufen, und die Babyfotos für die Homepage seien auf rätselhafte Weise aus dem Grasserschen Familienalbum verschwunden.

Dummerweise wird Grasser ausgerechnet vom Sponsor widerlegt. In der Presse vom Dienstag sagte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Lorenz Fritz, klipp und klar: "Der Verein für die Förderung der New Economy war kein Codename für eine Homepage. Wir haben Grasser als FP-Minister in seinen wirtschaftspolitischen Grundsätzen unterstützen wollen." Oder sagt doch Grasser die Wahrheit? Hat die Industrie seinem Sekretär die 200.000 Euro heimlich zugesteckt hat, so dass der Minister von der Gründung eines Vereines zu seiner Förderung gar nichts merken konnte? Dann wäre die Einrichtung der Homepage ein Missbrauch von Industriegeldern, und ein anständiger Minister würde das Geld im Interesse unterstützungsbedürftiger Industrieller zurückzahlen. Schon um seiner blütenweißen Weste willen. Der Sekretär aber müsste zurücktreten. Wie Schüssel sagte: Nur eine aufgeblasene Mücke. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2003)

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