Gefühle im Ruhrpott

25. Juni 2003, 12:29
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Mit Verdi und Wilson: "Sentimenti" und der "Heilige Antonius" bei der Ruhrtriennale

Bochum - Bei seinen Versuchen, nicht nur die Aufmerksamkeit des Feuilletons auf sich zu ziehen, sondern auch das "Herz" des Reviers zu bewegen, ist Gerard Mortier mit Sentimenti vielleicht am deutlichsten geworden. Für dieses gefühlige Jahrhunderthallen-Stück in Bochum hat er selbst dramaturgischen Beistand geleistet. Verdi im Kammerorchesterformat, arienhäppchenweise auf (echten) Kohlebergen der Erinnerung. Hochgestapelt zu einem riesigen Brikettplateau als Spielfläche.

Eine "Ach ja, so ist das Leben!"-Geschichte, bei der sich ein junger Mann (Jeroen Willems) am Sterbebett seiner Mutter (Fedja von Huet) an deren Jugend und seine Kindheit erinnert. Mit ihrer Sehnsucht nach der Stadt, dem harten Anfang im Ruhrpott, ihrer Affäre mit dem italienischen Gastarbeiter Gino. Gebrochen durch die Erinnerungen des Sohnes an seine Mutter. Nur leicht verfremdet durch den Off-Charme der Theatergruppe Hollandia hat das nahe Momente, mitunter nahe am Gefühlskitsch.

In die 13 Szenen nach Rolf Rothmanns Roman Milch und Kohle haben Johan Simons und Paul Koeck atmosphärischen Erinnerungs-Verdi verwoben. Den Darstellern kommen immer wieder vier Sänger "geisternd" in die Quere. Mit Querschnitt-Highlights, die zum Leben passen. Zu Mortiers Versuch, aus postindustrieller Kulturlandschaft emotionale Kunstfunken zu schlagen, passt auch, Robert Wilson einzuladen. Das bringt internationale Punkte, profitiert aber besonders vom Charme einer Konfrontation der formalisierten Hochglanzkunst des Texaners mit den Gemäuern, die vor allem ihre Vergangenheit ausatmen.

Dabei lies sich das Premierenpublikum in der Gebläsehalle des Industrieparks Duisburg bei The Temptation of St. Anthony fast schon zu sehr von diesem Titel in eine andächtige Zurückhaltung bannen. Und das, obwohl der philosophische Exkurs vor den Texten und vor allem vor der kraftvoll rhythmischen Musik von Bernice Johnson Reagon die Waffen gestreckt hatte.

Außerdem hatte sich der Chor von 14 deutlich unterscheidbaren Persönlichkeiten diesmal Wilsons Ästhetik für sein allgemein spirituelles und motorisches Charisma anverwandelt und nicht umgekehrt! Das klang nicht wie experimenteller Aufbruch, sondern berief sich mit Wirkungsvehemenz auf seine kulturelle Afroeigenständigkeit. Viel Gospelhüftschwung, ein Schuss Jesus Christ Superstar.

Wilson setzte da auf handlungsdramatischen Minimalismus. Ließ den bedrängten Anthony (Carl Hancock Rux) auf der schlichten mauerbegrenzten Bühne, an der Seite seines Begleiters Hilarion (Helga Davis), in der Abwehr der choristischen Anstürme um Selbstbehauptung ringen.

Der Lichtmagier zelebrierte natürlich seinen überbordenden Farbenzauber. Warf aber auch szenische Einfälle wie Perlen aufs pulsende Songgeflecht. Die Königin von Saba etwa erscheint erst als kleine Handpuppe auf einem wie von Zauberhand erstehenden Gebirge, dann in Marionettengröße und wirbt schließlich leibhaftig ebenso vergebens um Anthony wie Adonis.

Auch das Gold regnet hier ganz sichtbar. Zu anderen, diskursiven Versuchungen schwingt sich der Chor in bedrängendem Sprechgesang auf. Für die Reise durchs All wird auf die Rückwand eine Art göttlich funkelnder Schnittmusterbogen projiziert. Und wenn ihm schließlich ein alter Mann von Jesus erzählt, dann ist es nicht mehr weit zum versöhnlichen Ankommen des suchenden Menschen bei sich selbst. Schön, dass Wilson zwanzig Jahre mit dem Werk gewartet hat.
(Joachim Lange/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2003)

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Ruhrtriennale.de

Beide Produktionen laufen bis 6. Juli
  • "Sentimenti" - ins Surreale getriebene Geschichte von kleinen Leuten und großen Verdi-Emotionen.
    foto: ruhtriennale

    "Sentimenti" - ins Surreale getriebene Geschichte von kleinen Leuten und großen Verdi-Emotionen.

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