Der Rock' n' Roll der Südosttangente

24. Juni 2003, 19:10
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Vor 25 Jahren wurde die A23 eröffnet, doch zum Feiern ist niemandem zumute

Wien - Wenn Bruce Springsteen am Abend im Ernst- Happel-Stadion den Geist der Thunder Road beschwört, wird der Rock 'n' Roll auf der Wiener Südosttangente schon vorbei sein. Doch der nächste Stau kommt bestimmt, spätestens dann, wenn 45.000 Konzertbesucher gleichzeitig nach Hause wollen.

Dieter Sommer kennt den Asphaltblues wie kein anderer, sieben Jahre lang versah

er als Polizeioffizier seinen Dienst bei der Wiener Verkehrsabteilung. Die Faszination der meistbefahrenen Straße Österreichs hat der Major aus Mörbisch nun in Buchform gebracht. Titel: "Die Südosttangente - wer sie nicht kennt, hat etwas versäumt".

25-Jahre-Jubiläum

Eigentlich hat die Stadtautobahn heuer ihr 25-Jahre- Jubiläum. Doch zum Feiern ist heute niemandem mehr zumute, wer will schon eine "Stauhölle" hochleben lassen.

Kirtag zur Eröffnung

Doch vor einem Vierteljahrhundert war alles anders. Wenige Tage vor der Eröffnung am 12. Mai 1978 lud Bürgermeister Leopold Gratz zum Fest auf die Südosttangente: Gardemusik, Kirtag, Feuerwerk. Noch Wochen danach gab es gratis Sightseeingtouren, um der Bevölkerung das "moderne Wien" näher zu bringen. Vor allem die 5,5 Kilometer lange Brückenkonstruktion zwischen Verteilerkreis und Landstraßer Gürtel sorgte für Furore: 270 Stützpfeiler, 1400 Fundamentpfähle, bis zu 21 Meter Höhe.

170.000 Fahrzeuge pro Richtung täglich

Unmittelbar nach der Eröffnung wurden täglich 36.000 Fahrzeuge gezählt, Pkw mit 190 Stundenkilometern und Lkw mit 120 km/h waren keine Seltenheit. 1980 ereigneten sich auf der Südosttangente 158 Unfälle, bei denen elf Menschen ums Leben kamen. Doch erst acht Jahre später wurden stationäre Radargeräte installiert.

Schneller als die erlaubten 80 km/h zu fahren ist heute nur mehr in den Nachtstunden möglich, tödliche Unfälle sind selten. Bis zu 170.000 Fahrzeuge wuzeln sich täglich pro Fahrtrichtung über den Asphalt. Folge: "Stromunterwärts können weniger Fahrzeuge abfließen, als stromoberwärts dazukommen", wie die wissenschaftliche Definition von Stau lautet. Major Sommer hat beobachtet, dass die meisten Fälle des kollektiven Reifenschonens von undisziplinierten Lenkern verursacht werden.

Kettenreaktion

An der Spitze der Kettenreaktion: ein Lenker, der zu knapp zum vorderen Auto aufschließt und abbremsen muss. Der dahinter Fahrende muss wegen der durchschnittlichen Reaktionsszeit von einer Sekunde noch schärfer bremsen, der dahinter ebenfalls und so weiter. Das 80. Auto in der Reihe kommt bereits zum Stillstand. Auch eine Art, on the road zu sein. (Michael Simoner/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2003)

"Die Südosttangente. Wer sie nicht kennt, hat etwas versäumt" von Dieter Sommer. (Eigenverlag, Edition Kenad)
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