"Rat auf Draht" ist 15 Jahre alt

24. Juni 2003, 14:45
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Immer mehr Gespräche zu den Themen "Gewalt in der Familie" und "Sexueller Missbrauch" bei der ORF-Telefonhotline

Der Vater trinkt, die Schulkollegen hänseln einen, die Eltern streiten, Liebeskummer, Angst und Gewalt: Wenn viele Kinder und Jugendliche keinen Ausweg mehr sehen, greifen sie zum Telefon - oder neuerdings zum Handy - und wählen die Nummer 147. Das ist die ORF-Hotline von "Rat auf Draht". Seit 15 Jahren hören Psychologen und Psychotherapeuten den verzweifelten Jugendlichen zu. Dieses Jubiläum wurde heute, Montag, bei einer Pressekonferenz im ORF-Zentrum in Wien zelebriert.

986.661 Anrufe verzeichnete das Call-Center des ORF im vergangenen Jahr, in 248.008 Fällen kam es zu einem Beratungsgespräch. Das Resümee der Kontakte: Gewaltthemen stiegen enorm an: 1.387 Mal wollten Mädchen und Burschen im Jahr 2002 über Gewalt innerhalb der eigenen Familie reden, 2000 waren es vergleichsweise "nur" 1.056 Jugendliche. 711 Telefonanrufe drehten sich im vergangenen Jahr um das Thema "Sexueller Missbrauch", im Jahr 2000 redeten 530 Jugendliche darüber. Der absolute Spitzenreiter unter den Problemen waren im vergangen Jahr Liebe und Liebeskummer (15.139), am zweithäufigsten wollten die Teenies etwas über Aufklärung erfahren (11.272) und an dritter Stelle landeten Gespräche über Freunde und Freundinnen (9.269).

"Das Jugendlichen-Alter ist ein Suchprozess"

"Das Jugendlichen-Alter ist ein Suchprozess", erläuterte Univ.-Prof. Dr. Max H. Friedrich, Vorstand der Universitätsklinik für Neuropsychatrie des Kindes und Jugendalters in Wien, die große Nachfrage für dieses Angebot. Teenager seien auf der Suche nach ihrer Identität, positiven Leitbildern, Ideologien und Intimität. Jeder Anruf stelle einen ersten Schritt für die Entwicklung der persönlichen Intimität dar. Mit einem Vorurteil räumte der Experte auf: "Problemkinder machen Probleme. Aber die Umgebung hat auf sie mit Problemen eingewirkt."

"Wir sind immer für dich da - das ist das Motto von Rat auf Draht", sagte Michaela Cirka, Leiterin von Rat auf Draht. Demnach können die jungen Menschen rund um die Uhr anrufen. Im Durchschnitt werden pro Tag etwa 500 bis 800 Gespräche geführt. Die Nummer 147 ist österreichweit sowohl vom Festnetz, als auch vom Mobiltelefon gratis. Die Anonymität der Teenager bleibt in jedem Fall gewahrt, bei der detaillierten Auflistung aller Anrufe scheint die Telefonnummer nicht auf.

Das Team besteht aus insgesamt 17 Psychologen, Psychotherapeuten, Lebens- und Sozialberatern, einer Juristin und Praktikanten. Seit einem Jahr besteht auch die Möglichkeit, seine Sorgen und Probleme dem geschulten Personal per Mail mitzuteilen. Unterstützt wird die Beratungseinrichtung vom Sozial- und Innenministerium, der Stadt Wien sowie der Telekom. (APA)

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