Die großen Zentralbank-Lügen

24. Juni 2003, 14:41
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Nobelpreisträger Joseph Stiglitz kritisiert die Macht der "ZB-Technokraten" - und outet sich als Euro-Skeptiker - Kommentar der anderen

Eine unabhängige Zentralbank, die sich ausschließlich um Preisstabilität kümmert, ist das Kernstück der magischen Formel von der "Wirtschaftsreform". Wie so viele dieser Maximen wurde auch diese so oft wiederholt, dass man mittlerweile auch daran glaubt. Aber kühne, selbst von Zentralbankern aufgestellte Behauptungen ersetzen weder Forschung noch kritische Analyse.

Forschungsergebnisse deuten nämlich darauf hin, dass sich inflationsorientierte Zentralbanken am besten der Inflationskontrolle widmen sollen. Inflationskontrolle ist jedoch auch kein Selbstzweck: Sie ist nur ein Mittel, um für schnelleres und stabileres Wachstum und geringere Arbeitslosigkeit zu sorgen. Um diese realen Variablen geht es nämlich, und es gibt wenige Beweise, dass Zentralbanken, die sich einzig um Preisstabilität kümmern, in diesen entscheidenden Bereichen mehr erreichen.

Ökonomie ...

George Akerlof, der mit mir im Jahr 2001 den Wirtschaftsnobelpreis gewann, wies gemeinsam mit seinen Kollegen eindringlich darauf hin, dass die optimale Inflationsrate über null liegt. Die rücksichtslose Politik der Preisstabilität gefährdet also eigentlich das Wirtschaftswachstum und den Wohlstand - siehe Europa: Indem die EZB ihr Augenmerk allein auf die Inflation richtet, hindert sie sich selbst daran, die wirtschaftliche Erholung zu fördern.

Die von diesen institutionellen Regelungen profitierenden Technokraten und großen Player der Finanzmärkte haben ganze Arbeit geleistet und viele Länder von den Vorteilen dieser Regelungen überzeugt. Überdies ist es ihnen auch gelungen, Finanzpolitik als eine völlig von der Politik abgekoppelte, rein technische Angelegenheit zu sehen.

So könnte es vielleicht sein, wenn sich die Aufgabe der Zentralbanken darauf beschränken würde, die Software für Verrechnungssysteme auszusuchen. Zentralbanken treffen jedoch Entscheidungen, die sämtliche Facetten einer Gesellschaft betreffen, wozu auch Wachstumsraten und Arbeitslosigkeit zählen. Weil es diese Trade-offs aber gibt, können ihre Entscheidungen nur als Teil eines politischen Prozesses getroffen werden.

Manche kommen mit dem Argument, auf lange Sicht gäbe es keine Trade-offs. Aber wie Keynes schon sagte, sind wir auf lange Sicht alle tot.

Selbst wenn es unmöglich wäre, die Arbeitslosigkeit unter eine kritische Marke zu senken, ohne dabei die Inflation anzuheizen, bleibt ja immer noch die Ungewissheit, wo diese kritische Marke liegt. Dementsprechend ist auch ein gewisses Risiko unvermeidlich: Eine zu lockere Geldpolitik birgt das Risiko der Inflation in sich, eine zu strenge Geldpolitik kann zu unnötiger Arbeitslosigkeit führen.

Während des Booms in Amerika in den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts war die Clinton-Administration der Ansicht, man könnte das Risiko eingehen und die Arbeitslosigkeit senken, vor allem wenn man die sozialen Erträge - sinkende Zahl von Sozialhilfeempfängern, Reduktion von Gewalttaten - dem direkten ökonomischen Nutzen zuzählte.

Im Gegensatz dazu forderte der IWF eine strengere Geldpolitik, weil man den Kosten der Arbeitslosigkeit und dem Nutzen durch Senkung der Arbeitslosigkeit weniger Gewicht beimaß als den Kosten einer potenziellen Inflation.

Die Wirtschaftsanalyse von Clintons wirtschaftlichem Beraterstab erwies sich als richtig, die Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (und der Fed) als falsch. In Amerika konnte ohne Inflation eine sehr niedrige Arbeitslosenrate erreicht werden - die letztlich sogar unter vier Prozent fiel.

... ohne Demokratie?

Das ist aber eigentlich nicht der Punkt: Der Punkt ist vielmehr, dass sich niemand sicher sein konnte. Ein gewisses kalkuliertes Risiko ist immer unvermeidlich. Wer es letzten Endes zu tragen hat, hängt von den unterschiedlichen strategischen Ansätzen ab. Die Entscheidung darüber kann - oder soll - man zumindest nicht den Technokraten der Zentralbanken überlassen.

Während es legitime Diskussionen darüber gibt, wie weit die in einer Demokratie den Zentralbanken und anderen Entscheidungsträgern zugestandene Unabhängigkeit gehen soll, dürfen die Perspektiven derjenigen, die durch ihre Entscheidungen betroffen sind, nicht außer Acht gelassen werden. Arbeiter beispielsweise haben viel zu verlieren, wenn Zentralbanken eine strikte Politik verfolgen, aber sie haben im Entscheidungsprozess keine Stimme. Die Finanzmärkte allerdings - die durch Arbeitslosigkeit nicht viel zu verlieren haben, jedoch sehr wohl durch Inflation - sind typischerweise stark vertreten. Finanzmärkte haben aber wohl kaum das Monopol auf fachmännische Kompetenz. So haben wenige Finanzexperten eine genaue Vorstellung von den komplizierten Zusammenhängen im makroökonomischen System - was auch an den vielen Fehlern zu sehen ist, die ihnen beim Management desselben unterlaufen. So wurden etwa die meisten Rezessionen in den USA seit 1945 deshalb verursacht, weil die Fed zu stark auf der Bremse stand. Ebenso waren die Zentralbanken in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts glühende Verfechter des Monetarismus, als empirische Daten die Fragwürdigkeit der ihm zugrunde liegenden Theorien bereits zuhauf bestätigten.

Was auch immer der Nutzen einer Einheitswährung sein möge, diejenigen in Europa, die gegenwärtig über eine Einführung des Euro nachdenken, sollten sich fragen, ob sie ihr Schicksal tatsächlich in die Hände institutioneller Regelungen legen wollen, deren Mängel zunehmend offensichtlich werden.

Ebenso müssen Entwicklungsländer nicht nur über die Unabhängigkeit der Zentralbanken nachdenken, sondern auch über deren Mandat und wer dort vertreten sein soll. Es ist ein Ausgleich zwischen ökonomischer Effizienz und demokratischer Verantwortlichkeit zu schaffen. Es gibt keine einfachen Antworten. Aber in zu vielen Ländern gibt es auch keine demokratische Debatte über die Alternativen.

Milton Friedman: Verkehrte Welt

Der mittlerweile 91-jährige "Chicago-Boy" hielt ja den Euro schon seit je für eine Fehlkonstruktion und rechnet mit einem Auseinanderbrechen von Euroland innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre. Dafür klopfte der Gralshüter des Monetarismus vor kurzem gleichsam im Gegenzug seinem langjährigen keynesianischen Kritiker Stiglitz indirekt auf die Schulter, indem er der Financial Verdana ein für die Finanzwelt nachgerade schockierendes Bekenntnis zu Protokoll gab: Er, Friedman, habe sich geirrt! Seine Theorie von der Ausweitung der Geldmenge habe sich in der Praxis nicht bewährt, und er glaube nicht, "dass ich meine Thesen heute noch einmal in dieser Schärfe formulieren würde". Die Adepten von Thatcher, Reagan & Co. hören es mit Staunen . . .

(DER STANDARD Printausgabe, 23.6.2003)

Joseph E. Stiglitz, ehemals Clinton-Berater und Cheföko- nom der Weltbank, ist Profes- sor für Wirtschafts- und Fi- nanzwissenschaften an der Co- lumbia University und wurde 2001 mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet. Project Syndicate, Juni 2003; Übersetzung: Helga Klinger-Groier
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