Kulturelle Kluft

24. Juni 2003, 14:12
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Susan Sontag sieht zwischen Europa und den USA eine "Divergenz der Werte"

Tübingen - Die diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Susan Sontag, sieht eine wachsende kulturelle Kluft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. "Ich glaube, es gibt tatsächlich eine bestimmte Divergenz der Werte", sagte die US- Autorin und Kulturtheoretikerin am Montagabend der dpa. Sie verwies etwa auf den "religiösen Irrsinn" in den USA und das Verhältnis der Amerikaner zur Gewalt. Es war Sontags erstes Interview seit der Zuerkennung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels vorige Woche. Sontag erneuerte zudem ihre Kritik an der Regierung George W. Bushs. Die 70-Jährige hatte am selben Abend an der Universität Tübingen ihre Poetik-Dozentur begonnen. Sie hält dort in dieser Woche mehrere Vorlesungen über Literatur.

Besonders in zwei Bereichen gebe es tief greifende kulturelle Unterschiede, sagte Sontag. So seien in Europa viele Menschen sehr weltlich eingestellt. "Die Vereinigten Staaten dagegen sind ein Land voll von religiösem Irrsinn", sagte die Autorin. Dass staatliches Handeln mit religiösen Worten gerechtfertigt werde, sei weithin akzeptiert. Ein zweiter Unterschied bestehe in der Einstellung zur Gewalt. "In den Vereinigten Staaten glauben viele, dass jeder Mensch das Recht hat, Waffen zu besitzen. Zumindest wird das den Menschen so vermittelt", sagte Sontag. Das sei in Europa anders.

"Bushs Leute sind sehr radikal"

Die bestehenden Unterschiede zwischen Europa und den USA sind nach Sontags Ansicht aber nicht ewig oder unumkehrbar. "Problematisch ist nur, wenn eine Regierung wie die jetzige die ideologische Hegemonie in den Vereinigten Staaten innehat", sagte sie. Es gebe dort derzeit keine mutige politische Opposition. Sontag selbst erneuerte ihre Kritik an der Regierung. "Bushs Leute sind sehr radikal", sagte sie. "Dieser Präsident steht für eine radikale Veränderung der amerikanischen Außenpolitik, eine Veränderung, der ich mich entschieden widersetze." Sie beklagte zudem, dass es den Amerikanern wegen ihrer Machtstellung heute egal sei, was die Welt von ihnen halte.

Die Auszeichnung mit dem Friedenspreis bezeichnete Sontag als eine große Ehre, mit der sie nicht gerechnet habe. Sie habe sich zwar auch gefragt, ob der Preis neben der literarischen Anerkennung auch eine Würdigung ihrer politischen Positionen bedeute. "Aber ich hoffe und glaube, dass es eine rein literarische Auszeichnung ist", sagte Sontag. Der mit 15 000 Euro dotierte Preis wird am 12. Oktober in der Frankfurter Paulskirche überreicht. In einer Welt der gefälschten Bilder und der verstümmelten Wahrheiten sei Sontag für die Würde des freien Denkens eingetreten, hieß es in der Preis-Begründung.

"Die Literatur ist mein Fernseher"

Am Beginn der Tübinger Poetik-Dozentur stand ein Zwiegespräch Sontags mit dem polnischen Schriftsteller Adam Zagajewski über Literatur und das Leben als Autor. "Das Schreiben ist eine Berufung", sagte Sontag. Ihre eigenen Bücher lese sie aber nie. Sie bewundere etwa Thomas Mann sowie Alfred Döblin und dessen Roman "Berlin Alexanderplatz". Bücher seien für sie Bildung und Unterhaltung zugleich. "Die Literatur ist mein Fernseher", sagte die 70-Jährige, die am Donnerstag auch die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen erhalten wird.(APA)

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