Antisemitismus in Rumänien hat starke Wurzeln

24. Juni 2003, 11:48
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Hintergrund: "Eiserne Garde" inszenierte blutige Pogrome

Wien - Die rumänische Regierung mag an der Behauptung festhalten, dass 1940-44 auf dem Territorium des heutigen Rumänien kein Völkermord an den Juden stattgefunden habe. Tatsache ist, dass das mit Nazi-Deutschland verbündete Terrorregime des Marschalls Ion Antonescu unter der jüdischen Bevölkerung des Landes zahllose Opfer forderte. Die rumänischen Juden machten in der Zwischenkriegszeit etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung aus, verfügten jedoch in den nur schwach entwickelten Bereichen des Handels und der Industrie über eine monopolartige Stellung.

Schon im 19. Jahrhundert hatte der stark ausgeprägte rumänische Antisemitismus zu einer Reihe von Pogromen geführt, die sogar das Eingreifen der europäischen Großmächte nach sich zogen. Er hatte nicht nur eine religiöse und soziale, sondern auch eine nationale Komponente, denn die rumänischen Nationalisten sahen in der jüdischen Minderheit einen Fremdkörper. Während die überwiegend nicht assimilierten kleinen Händler und Gewerbetreibenden den Hass der Landbevölkerung auf sich zogen, fürchtete die rumänische Intelligenz die "Konkurrenz" der Juden, die fast die Hälfte der gesamten Studentenschaft des Königreichs stellten.

Zur Speerspitze des rumänischen Faschismus wurde die "Eiserne Garde", die aus der 1927 von fanatischen Antisemiten und Antikommunisten gegründeten "Legion des Erzengels Michael" hervorging und ihre Anhänger vor allem in der Armee und den ländlichen Unterschichten rekrutierte. Die Legionäre, die sich selber auch "Kreuzfahrer" nannten, übten eine starke Anziehungskraft auf ländliche Bevölkerungskreise aus. Ihrem Terror fielen in der Zwischenkriegszeit zahlreiche Menschen zum Opfer. Bei den Wahlen im Jahr 1937 gelang es ihnen, 16 Prozent der Stimmen zu gewinnen, worauf König Carol II. das Wahlalter auf 30 Jahre heraufsetzte. 1938 ließ der König die Führung der "Eisernen Garde" verhaften, obwohl sich diese der Unterstützung Deutschlands und Italiens erfreute.

Nach dem Beschluss Hitlers, große Teile Siebenbürgens (das nach dem Ersten Weltkrieg Rumänien zugefallen war) wieder an Ungarn anzugliedern, kam es zu einem Sturm der Entrüstung, der den König zur Abdankung und zum Verlassen des Landes zwang. Den Thron bestieg Carols minderjähriger Sohn Michael (Mihai), die Macht übernahm Marschall Antonescu, der im Bündnis mit der "Eisernen Garde" ein Schreckensregime errichtete. Die Gardisten mordeten ungehindert nicht nur Juden, sondern alle, die sich ihnen in den Weg zu stellen versuchten. Der Königinmutter Helene, einer geborenen griechischen Prinzessin, gelang es, viele Juden zu retten, wofür sie Jahrzehnte später vom Staat Israel posthum geehrt werden sollte.

Anfang 1941 kam es zum offenen Machtkampf zwischen Antonescu und den Legionären unter der Führung von Horia Sima, der vergeblich auf die Unterstützung Hitlers gehofft hatte. Doch Deutschland entschied sich aus machtpolitischen Gründen für Antonescu. Sima und die anderen Führer der Garde flüchteten nach Deutschland, wo sie interniert wurden. Erst nach dem Sturz des Marschalls im August 1944 und dem Bündniswechsel Rumäniens, das bereits großteils von der sowjetischen Armee eingenommen war, wurde Sima in Berlin von Hitler als Chef einer rumänischen "Exilregierung" eingesetzt. (APA)

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