Vollrausch mit zehn, doch die Trinkerkarriere beginnt anders

24. Juni 2003, 11:44
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Immer mehr Zehn- bis 18-Jährige mit Alkoholvergiftungen, Experten: "Kein Grund zur Panik"

Innsbruck/Wien - Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die mit schwerer Alkoholsymptomatik an der Innsbrucker Kinderklinik eingeliefert wurden, hat sich zwischen 1997 und 2002 verdoppelt. Dies ergeben Erhebungen von Klinikvorstand Bernd Lothar Zimmerhackl. Waren es 1997 noch 40 Zehn- bis 18-jährige gewesen, ist deren Anzahl im Vorjahr auf 79 angestiegen. "Heuer werden es sicher noch mehr", meint Zimmerhackl aufgrund der bisherigen Erfahrungen von 2003.

Zwei Drittel der im Vorjahr Eingelieferten seien anfangs nicht ansprechbar gewesen, der durchschnittliche Alkoholgehalt im Blut sei bei 1,9 Promille (entspricht einer schweren Alkoholvergiftung) gelegen. Das Durchschnittsalter lag bei 16 Jahren, Mädchen waren annähernd gleich oft vertreten wie Burschen.

Landesrätin Elisabeth Zanon-zur Nedden verweist in diesem Zusammenhang auf verschärfte Bestimmungen im neuen Tiroler Jugendschutzgesetz, das den Verkauf sämtlicher alkoholischer Getränke an Jugendliche unter 16 Jahre untersagt und - als Tiroler Besonderheit - das Verbot auf gebrannte Alkoholika (bzw. Mixgetränke) bis zum 18. Geburtstag ausdehnt. Vor Beginn der Zeltfestsaison appelliert Zanon-zur Nedden an die Einhaltung dieser Regeln und verweist auf Strafbestimmungen, die im gewerblichen Bereich (theoretisch) bis zum Lizenzentzug bei der Abgabe von Alkohol an Kinder oder Jugendliche führen könne.

Kein Grund zur Panik

Von "keinem Grund zur Panik", spricht Alfred Uhl vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung. Die steigenden Zahlen an der Innsbrucker Kinderklinik könnten auf die größere Sensibilisierung gegenüber Alkoholproblemen von Kindern und Jugendlichen zurückzuführen sein. 1997 sei möglicherweise manche Einlieferung noch als Kreislaufkollaps in die Statistik eingegangen.

Nüchterne Erwachsene

Alle Untersuchungen würden darauf hinweisen, dass aufgrund der beschleunigten Entwicklung Kinder früher zu Alkohol greifen als noch vor 20 oder 30 Jahren, meint Uhl. Es gebe jedoch keine Anhaltspunkte dafür, dass dies später zu größeren Problemen führen würde. Im Gegenteil: Bei jungen Erwachsenen sei der Alkoholkonsum leicht rückläufig.

Zugleich will Uhl nicht ausschließen, dass es kleinere Gruppen von Jugendlichen gibt, die in der Öffentlichkeit durch exzessiven Alkoholkonsum auffallen - ohne statistische Relevanz allerdings. Die heute viel zitierten "Kampftrinker" hätte es auch schon früher gegeben, heute spricht man von "binge-drinking", das "Sich-volllaufen- lassen-bis-zum-Umfallen".

Einig sind sich Zimmerhackl und Uhl im Wunsch nach vertiefenden Forschungsprogrammen, die sich insbesondere der Motive der letztgenannten Gruppe annehmen sollten. (hs; DER STANDARD, Printausgabe, 24.06.2003)

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    Experte Uhl: "Kampftrinker" hat es auch schon früher gegeben

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