Prozess in Wien: Prominente, Puffs und Party-Pulver

5. Juli 2012, 18:47
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Prozess gegen 48-Jährigen, der die Reichen und Schönen Wiens belieferte

Wien - Mit B- und C-Promis ist Österreich ja reich gesegnet. Gott sei Dank, wie sollte man sonst die vielen Klatsch-, Pardon, Societysendungen und -seiten füllen? Dass sich deren Kinder aber auch so wichtig nehmen, dass sie ungewöhnliche Forderungen stellen, konnte man im Wiener Landesgericht erleben.

Herr Paul ist 26 Jahre und Sohn einer national bekannten Künstlerin. Sein Problem: Fünf bis sieben Monate lang hat er zwei- bis viermal die Woche ein paar Gramm Kokain von Imed A. gekauft. Und daher sitzt Herr Paul nun im smarten dunklen Anzug und mit Krawatte als Zeuge vor dem Schöffensenat unter Vorsitz von Helene Gnida.

Kein Lautsprecheraufruf

"Ihr Rechtsvertreter hat ja im Vorfeld darum gebeten, dass ich Sie nicht via Lautsprecher aufrufen lasse, da Sie die Befürchtung hatten, dass Sie dadurch identifizierbar und von Kamerateams verfolgt werden", stellt sie am Beginn seiner Befragung fest.

"Wissen Sie, die Personen, die wirklich wichtig sind, sind eigentlich immer recht pflegeleicht, wenn sie hier sind", merkt die Richterin an. Und überhaupt: "Ich habe Sie gegoogelt, Sie arbeiten als Reporter bei einem Internet-TV. Also eigentlich sind Sie gar nicht so richtig prominent."

Herr Paul entschuldigt sich, dass er Umstände gemacht hat. Vielleicht ist er auch enttäuscht, da keine Kamerateams hier sind und nur ein einziger Journalist im Verhandlungssaal sitzt.

Superparty" mit "Vollgas"

Daher schildert er dann doch, wie er den 48-jährigen Angeklagten kennengelernt hat. Bei einer "Superparty", bei der "Vollgas" gegeben wurde. Aber schließlich: "Es heißt ja auch, wer hart arbeitet, darf auch hart feiern." Das Kokain, das er von A. kaufte, sei "der Hammer" gewesen, "es war das Beste, was man in Wien bekommen konnte". Gut für ihn, schließlich "war der Druck extrem hoch im Büro".

Der Lieferant des Drucksenkers gibt zu, dass er 40 bis 44 Personen das Suchtmittel verschafft hat, einzig die angeklagten Mengen bestreitet er teilweise. Der Kellner in einer Pizzeria erklärt auch, warum er die Droge um 60 Euro eingekauft und um 90 bis 100 Euro verkauft hat: Er finanzierte sich seine eigene Sucht.

"Droge unterschätzt"

Da findet Vorsitzende Gnida etwas seltsam. Schließlich wurde er wegen Suchtgifthandels bereits einmal zu 15 Monaten Haft verurteilt und nur unter der Auflage entlassen, eine Therapie zu machen - die er erfolgreich absolvierte, wie er und sein Verteidiger Lukas Kollmann betonen.

Nur: Zur Feier des Entzuges traf er sich mit Freunden. Und plötzlich lag eine Koksstraße da. "Ich habe mich überschätzt und die Droge unterschätzt." Warum er weiter in diesen Kreisen verkehrt, will Gnida wissen. "Viele Leute, die herumlaufen, haben so was. Ich war ausgeliefert."

Mit Pseudonym im In-Lokal

Also ging er wieder auf Tour. Die Abnehmer des Party-Pulvers, wie es eine Zeugin nennt, fand er unter seinem Pseudonym "Michelle" an diversen Orten. In Wiener "In-Lokalen", in Bordellen, bei privaten Sex-Partys. Die Leute hätten ihn angesprochen, sagt er, die sagen teilweise, er habe es aktiv angeboten. Unter anderem einer Kellnerin, einem Türsteher, einer Balletttänzerin, dem Sohn eines Filmproduzenten, Callgirls, einem Teilnehmer einer ORF-Reality-Sendung, einer Fitnesstrainerin, seinem Friseur.

Da nicht alle Zeugen erschienen sind, wird der Prozess vertagt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 6.7.2012)

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