Tumor ist, wenn man trotzdem kotzt

    Glosse6. Juli 2012, 10:20
    74 Postings

    "Es ist Krebs!", sagt der Arzt. Ich scherze, doch der Arzt und die sieben Studenten, die meine Blase untersuchen, lachen nicht

    "Es ist Krebs!" Als der Arzt diese Worte spricht, fällt mir nichts Dümmeres ein als: "Das geht jetzt nicht! Ich schreib' grad ein Buch!" Doch der Arzt und die sieben Studenten im AKH, die gerade meine Blase von innen betrachten, lachen nicht.

    Etwas später, als das daumendicke Zystoskop aus meiner Blase gezogen ist, wanke ich ins nächste Klo und kotze vor Angst. Nach einer Operation, nach zahlreichen weiteren Einführungen von daumendicken Schläuchen in meine Blase und diversen Untersuchungen bin ich angeblich fast wieder gesund. Doch auf dem Weg zu dieser "Diagnose" entdecken die Ärzte einige weitere, hm, "Ungereimtheiten" in meinem Körper ...

    Es gibt keine gesunden Menschen!

    So sagt es eine befreundete Ärztin aus Sarajevo zu mir und fügt hinzu: "Nur solche, die nicht gründlich genug untersucht wurden!" Wie wahr das ist, erfahre ich in den nächsten Monaten. Die Straßen in Tumor-Town (Copyright: Christopher Hitchens) haben keine Namen. Bloß Zimmernummern. Die Bewohner haben Namen, werden aber mit Spitznamen benannt. Neben mir liegt Herr Prostataresektion und gegenüber Herr Lokalchemo. Ich bin Herr Blasenkarzinom. Prostataresektion ist gut gelaunt und meint, er habe 40 Jahre keinen Arzt gebraucht. Ich denke, er ist bloß 40 Jahre zu keinem gegangen. Was ihn am Ende in dieses Zimmer bringt. Lokalchemo redet nicht viel, weil ihm vom Dauerkotzen die Speseröhre verätzt ist. Das ist vielleicht auch gut so, denn er hat weder Humor noch was zu lachen.

    Das Zauberwort hier lautet "OP-Freigabe". Man wird zu Labors, Röntgen, Ultraschall und einigen anderen Introspektiven geschickt, damit, falls was schiefgeht, nur Mutter Natur und Pech Schuld haben. Weil ich jedoch keine E-Card habe und daher kein vollwertiger Mensch, sondern Sozalhilfeempfänger bin, muntert mich die Oberschwester auf, indem sie mir menschenfreundlich vorrechnet, was mein blödes Karzinom nun die Allgemeinheit der vollwertigen, steuerzahlenden Menschen kostet. Ich verspreche ihr, falls ich vor ihr in die Hölle komme, dort ein besonders warmes Plätzchen für sie freizuhalten. Gleich neben Sokrates und Reinhold Messner.

    Eine Zyste ist eine Niere ist eine Zyste

    Im Zuge der OP-Freigabe stellt man fest, dass auf meiner rechten Niere eine nierengroße Zyste sitzt. Es sei aber eine harmlose Anomalie, die, solange sie nicht garstig wird, keiner Behandlung bedarf. Meine größte Sorge gilt jedoch dem Lungenröntgen. Jahrzehnte des Genusses einer amerikanischen Lässigmarke müssen zumindest Spuren hinterlassen haben. Doch die Ärzte beruhigen mich. Von der Lässigmarke habe ich ja schon das Blasenkarzinom, und man könne nicht Läuse und Wanzen gleichzeitig haben. Da sagt Dr. House aber etwas anderes. Später, im Hof, zünde ich mir eine an ...

    Nach der OP und der Entlassung muss ich alle zwei Monate zum Urologen und seinem daumendicken Zystoskop. Der Arzt ist alt, erfahren, kommt aus Syrien und hat Mitleid mit jeder leidenden Kreatur. Also auch mit mir. Weil er den Horror vor seinem Instrument in meinem Gesicht lesen kann, gibt er mir vor jeder Untersuchung eine Spritze: "Mein kleiner Geheim-Cocktail. Sie werden es lieben, mein Herr!" Tatsächlich! Ich liebe es! Weil es mich die Schmerzen zwar noch immer spüren lässt, aber gleichzeitig bewirkt, das mir das vollkomen wurscht ist. Drogen vom Staat! Genial und legal! Doch er warnt mich auch, zwölf Stunden lang keinen Alkohol zu trinken. Wie auf Wolken schwebend verlasse ich die Ordination, kippe zwei Bier und rauche einen Joint. Nach der ersten Zysto schickt mich der alte Fuchs zum Weichteil-Ultraschall, weil er vermutet, die besagte Zyste sei in Wahrheit eine dritte Niere. Was, wie die Untersuchung ergibt, auch zutrifft.

    Legal, illegal, scheißegal!

    Beim nächsten Zysto-Termin besprechen wir die Sache mit der dritten Niere. Ich frage an, ob sich daraus eventuell Kapital schlagen lässt, denn schließlich will ich endlich ein Mensch mit E-Card sein. Der Verkauf von Organen sei verboten, sagt mir mein guter, guter Pipi-Doktor. Und ergänzt: "Ich kenn da wen!" Nachdem wir zu Ende gelacht haben, kommt das Übliche: Wurscht-Cocktail, Zystoskopie, zwei Bier, Joint.

    Kurz darauf merke ich, dass unter meinen Rippen seitlich eine Ausbuchtung besteht. Ich lasse mich wieder zum Weichteil-Ultraschall überweisen. Dort sagt man mir, es sei eine Zyste. Harmlos, solange nicht garstig groß werdend. Kenne ich schon. Doch der Ultraschallexperte sagt auch, ich hätte eine Zyste auf der rechten Niere. Ich konfrontiere ihn mit der Tatsache, es sei eine Doppelniere, worauf er meint, es sei eine weitere Zyste, die auf der Doppelniere sitzt. Mir reicht es langsam. Jedes Mal, wenn ich zum Arzt gehe, komme ich mit einem Organ oder einer Zyste zu viel nach Hause! Oder mit Krebs. Zwei Bier, ein Joint - alles wird gut!

    Am Ende des Tages

    Im Augenblick geht es mir angeblich gut. Mein Krebs soll von jener Sorte sein, die gut erforscht ist und bei steter Kontrolle - sprich alle zwei Monate dicker Schlauch im Penis - immer wieder hintangehalten werden kann. Wenn das nicht mehr hilft, kommt Chemo, dann Madame Curie und anschließend, bei fortschreitender Medizintechnik, möglicherweise sogar eine Schweinsblase und Immun-Suppressoren. Die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls liegt bei 70 Prozent. Was gar nicht so übel ist, meine ich. Herr Prostataresektion metastasiert und verliert den Kampf. Herr Lokalchemo verliert seinen Kehlkopf und den Tumor, gewinnt aber seinen Humor zurück. Das Leben ist schön.

    Ich habe nun einen kleinen Sohn - kaum noch Bier, Joint nur mehr am Wochenende. Die Lässigmarke nach dem Essen und zum Kaffee bleibt. Ich bin ein menschliches Wesen und will ein, zwei Laster haben, um mich als solches zu fühlen. Meine dritte Niere ist für meinen Sohn reserviert. Die zweite und die erste ebenfalls. Wir müssen alle mal abtreten, und es ist mein Job, dafür zu sorgen, dass mein Sohn an meinem Grab steht - und nicht umgekehrt. End of story. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 6.7.2012)

    PS: Für die Kürze entschuldige ich mich bei meinen Lesern. Auf Brac im Café Palma, bei meinem Freund Ivica, der vor wenigen Tagen Vater von Zwillingen geworden ist, ist es einfach zu heiß. Und Kellner "Clinton" hört nicht auf, mir Biere zu bringen ...

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Auf dem Weg zu dieser "Diagnose" entdecken die Ärzte einige weitere "Ungereimtheiten" in meinem Körper.

    Share if you care.