Londoner flüchten vor Olympia

Sebastian Borger
5. Juli 2012, 18:55
  • Olympia hat auch in London seine eigenen Spuren. Auf den anderen wird es dadurch naturgemäß ein bisserl enger.
    foto: reuters/hackett

    Olympia hat auch in London seine eigenen Spuren. Auf den anderen wird es dadurch naturgemäß ein bisserl enger.

In drei Wochen werden die Olympischen Sommerspiele in London eröffnet, das ist nicht mehr zu übersehen. Die Warnungen der Transportbehörde sind apokalyptisch. Weshalb die Londoner ihre Stadt den Touristen überlassen werden

London - An der Tower Bridge hängen die fünf Ringe, auf einem Parkplatz des Flughafens Heathrow entsteht ein zeitweiliges Abfertigungsgebäude, in Greenwich übt man für die Ankunft des größten Kriegsschiffes der Royal Navy. Vor kurzem ließ Bürgermeister Boris Johnson vor dem Rathaus eine Athletengruppe unter Leitung der Choreografin Elizabeth Streb tanzen und einen von Kitschkünstler Jeff Koons verzierten Oldtimer auffahren. Im Rahmen der Kultur-Olympiade wird Ähnliches zu sehen sein. Johnson: " Erwarten Sie das Unerwartete."

Viele Londoner haben darauf wenig Lust, überlassen die Stadt den Touristen. Das ist die Konsequenz aus den apokalyptischen Warnungen der Transportbehörde TfL, die in den engen Straßen der Innenstadt einen Dauerstau befürchtet. Gerichte strichen ihren Terminplan drastisch zusammen, das Schatzkanzleramt sagte für vier Wochen die Versteigerungen staatlicher Schuldscheine ab. In den Finanzzentren City und Canary Wharf dürfte gähnende Leere herrschen, wenn das globale Sponsorenfest mit angehängten Sportveranstaltungen am 27. Juli unter der Ägide des Filmregisseurs Danny Boyle (Slumdog Millionaire) eröffnet wird.

Die 33,6 Millionen Euro teure Auftaktveranstaltung ruft die allgegenwärtigen Bedenkenträger auf den Plan. Zur ersten Szene, die eine ländliche Idylle zeigen wird, sollen 70 Schafe, zwölf Pferde, je zehn Hühner und Enten, neun Gänse, drei Kühe und zwei Ziegen ihren Beitrag leisten. Mit rührender Detailtreue musste Boyle empörte Tierschützer besänftigen: "Die Tiere werden das Stadion noch bei Tageslicht verlassen." Und anschließend auch nicht umgehend geschlachtet. Dabei hätte der kürzlich im Olympiapark eröffnete größte McDonald's der Welt vielleicht noch Bedarf an Hühnerkeulen und Beefburgern. Der Fastfoodkonzern gehört zu den Großsponsoren ebenso wie Getränkegigant Coca-Cola.

Junge Briten

Dass mit McDonald's und Coca-Cola just "zwei Hauptverantwortliche für das Übergewicht vieler unserer Kinder" Olympia dominieren, stört die örtliche Labour-Abgeordnete Diane Abbott: "Die Versprechungen für ein gesünderes und fitteres Land wurden von einer Flut klebriger Drinks weggespült." Locog-Chef Sebastian Coe, zweifacher Olympiasieger über 1500 Meter, träumte von Olympia als Anreiz für eine neue Sportlergeneration. In Wirklichkeit treiben weniger junge Briten einmal pro Woche Sport als 2005.

Boyles Eröffnungsshow wird auch düstere Zeiten aus Britanniens Industriegeschichte in Szene setzen - etwa die schwere Depression der Dreißigerjahre, vor deren Wiederholung Ökonomen angesichts der schrumpfenden Wirtschaft (0,3 Prozent minus) warnen. Das Olympiabudget von 11,2 Milliarden Euro, dreimal mehr als geplant, ist längst im britischen Schuldenberg abgeschrieben. Vergessen ist auch die 223-seitige Studie von 2002, die den bezifferbaren Gewinn von Großevents als gering bezeichnete: Es gehe dabei "mehr ums Feiern als um wirtschaftlichen Nutzen".

Immerhin kann auch Feiern positive Folgen haben. Die Zentralbank hofft auf einen Olympiaboom und leichtes Wachstum von 0,2 Prozent. Die Bank of Scotland - als Olympiapartner zur Begeisterung verpflichtet - sagt bis 2017 einen Olympiabonus von 20,5 Milliarden Euro voraus. Für wirtschaftliche Aktivität sorgen derzeit jene Fackelläufer, die ihr teuer erworbenes Andenken (248 Euro) mit schönem Gewinn auf Ebay veräußern. Auf einen nicht messbaren Zuwachs an Lebensfreude freut sich Publizist Dave Hill: Der Olympiapark "Queen Elizabeth", die neue grüne Lunge im lang vernachlässigten Osten der Stadt, mache schon jetzt einen wunderbaren Eindruck, hat der bekennende Olympiaskeptiker festgestellt. Ganz unerwartet, wie vom Bürgermeister prophezeit. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 6.7.2012)

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8 Postings
wann ...

findet die Herren Abfahrt und der Damen Slalom statt?

sch*** olympia ...

noch ein Versuch; Ich erinnere mich mit Wehmut an die EM in AUT-CH

da ging ich jeden Tag zu Fuß in die Arbeit ... es war einfach so unglaublich ruhig in der Stadt. Fast kein Verkehr und scheinbar waren die Hälfte der Wiener weg.

Ich erinnere mich mit Wehmut an dei

tatsaechlich

Ich kann das nur bestaetigen. Habe ueber 8 Jahre in London gelebt und bin erst kuerzlich nach Berlin gezogen (nicht wegen Olympia ;-)
Die Busspuren werden fuer Taxis und Busse gesperrt und sind dann nur noch fuer Olympia fahrzeuge erlaubt. Wer London kennt, weiss dass der Verkehr schon zu normalen Zeiten eine Katastrophe ist. Selbst die oeffentlichen Verkehrsmittel sind zu Normalzeiten schon ueberfordert. 95% meiner Freunde in der Stadt werden auf urlaub gehen weil sich das Chaos wirklich keiner antun will.

Es ist doch jedes Mal die selbe Paranoia,... erinnere mich noch mit einem Schmunzeln an die grausamen Vorahnungen unserer peinlichen Boulevardpresse,...

Mal sehen, ob sie das Zünden der Flamme von Peking toppen können, den das fand ich wirklich sehr toll (mit dem schönsten Fackelturm). Die Entzündung in Barcelona toppt natürlich alles. ;)

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