Nationalrats-Abschied: Van der Bellen geht "ungern, keine Frage"

5. Juli 2012, 18:23
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Ex-Grünen-Parteichef hielt am Donnerstag seine letzte Rede im Parlament - Ab September spricht er im Wiener Gemeinderat

Wien - An das Gefühl, das er vor seiner ersten Rede im Parlament hatte, kann sich Alexander Van der Bellen noch gut erinnern: "Ich war sehr nervös damals." Damals war 1995, und der Wirtschaftsprofessor sprach, wie naheliegend, zum Budget.

Rückblickend weiß Van der Bellen, er war "not very much to the point", an die zeitlich begrenzte Redezeit habe er sich erst gewöhnen müssen. Aber das sei Handwerkszeug, "das man erlernen kann". Genauso wie Fernsehauftritte: Bei seinem ersten "ZiB"-Auftritt habe ihm ein Coach vier Botschaften eingetrichtert. Er sei also ständig damit beschäftigt gewesen, sich an die vierte Botschaft zu erinnern. Die Folge: "Ich habe nicht auf die Frage geantwortet. Ich habe sie gar nicht gehört. Ich wusste nur: Ich bin dran."

Achtung, Rührung

Am Donnerstag stand der langjährige grüne Frontman (Bundessprecher von 1997-2008) ein letztes Mal vorne am Rednerpult im Nationalrat. Dass ihm das nicht leicht fiel, zeige sein "innerer Widerstand", die Rede vorzubereiten: "Ich gehe ungern, keine Frage." Auch wenn er sich hundertmal sage, "dass das Wiener Rathaus ein interessanter Mikrokosmos ist", sei es "sinnlos zu leugnen", dass er "mit Wehmut" geht.

Für "VdB" barg die letzte Wortmeldung im Plenum auch die "Gefahr der Rührung". Was nach wenigen Minuten auch eintraf: Van der Bellen greift also nervös zum Wasserglas und appelliert an die eigene Beherrschung als er seiner langjährigen Mitarbeiterin für die gemeinsame Zeit dankt.

Auch wenn sich diese in 15 Minuten recht schlecht bilanzieren lässt, erzählte der für seine Sprach- und Nachdenkpausen bekannte Grüne von einem Parlamentstag, der ihm in besonders guter Erinnerung geblieben ist. So sei er wohl "der einzige Abgeordnete seit 1945, der das Instrument der tatsächlichen Berichtigung gegen sich verwendet hat", erzählt Van der Bellen, und seine Erklärung folgt auf dem Fuß: Er habe sich selbst korrigieren wollen, da er das Zitat "Spät kommt ihr, doch ihr kommt" irrtümlich Shakespeare zugeordnet hatte. Nach intensiver Diskussion mit den Bildungskalibern der anderen Parteien habe schließlich - ja - Andreas Khol (ÖVP) zur Aufklärung beigetragen. Also, wieder Van der Bellen, ins Mikrofon: "Der Abgeordnete Van der Bellen hat am Rednerpult behauptet, dass das Zitat ,Spät kommt ihr, doch ihr kommt‘ von Shakespeare sei. Wahr ist vielmehr: Es ist von Schiller."

Es lässt sich heute schwer sagen, ob er sich an diesen Tag wegen dieses Kunstgriffes in der Geschäftsordnung oder wegen des intellektuellen Austauschs mit den Kollegen so gerne erinnert.

In einem Abschiedsinterview hat Van der Bellen kürzlich beklagt, dass es früher "mehr Persönlichkeiten" im Parlament gegeben habe. Eine These, die er so nicht stehen lassen will. Schließlich könnte sie ja auch schlicht seinem Alter geschuldet sein, gesteht der 68-jährige Demnächst-Gemeinderat mit Aufgabengebiet Bildung und Forschung ein. Wobei: "Zwischen einem Wilhelm Brauneder (Dritter Nationalratspräsident von 1996-1999, Anm.) und einem Martin Graf liegen halt auch Welten."

Was seinen Anspruch an sich selbst betrifft, ist Van der Bellen genügsamer geworden. "Früher hatte ich viel zu sehr Musterschülerpanik." Da hat er sich in alle Themen eingelesen, wollte alles genauer wissen. Heute überlässt er Detailwissen gerne mal parteiinternen Experten: "Was nach außen wie Klubzwang aussieht, ist oft schlicht Arbeitsteilung."

"Das Haus g'hört renoviert"

Van der Bellens Arbeit im Parlament übernimmt Arbeiterkammerexperte Bruno Rossmann, der bereits von 2006 bis 2008 Budgetsprecher der Grünen war. Der letzte Parlamentstag von "VdB" war gleichzeitig der erste von Eva-Maria Himmelbauer. Die 25-Jährige folgte Heribert Donnerbauer in den ÖVP-Klub.

Van der Bellens Rat an sie und alle Jungen: "Nicht alles so bierernst nehmen. Sonst lässt man sich auffressen." Sein letzter Wunsch als Parlamentarier: "Dieses Haus g'hört renoviert." (Karin Riss, DER STANDARD, 6.7.2012)

  • Nicht nur die Brille hat sich verändert: Alexander Van der Bellen hielt 
am Donnerstag nach 18 Jahren seine Abschiedsrede im Parlament. 1996, in 
seinen Anfängen.
    foto: standard/cremer

    Nicht nur die Brille hat sich verändert: Alexander Van der Bellen hielt am Donnerstag nach 18 Jahren seine Abschiedsrede im Parlament. 1996, in seinen Anfängen.

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    Und 2012, bei seinem letzten Auftritt.

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