Mami und Papi sehen alles

Was die jugendlichen Ibiza-Urlauber nicht wissen: RTL setzt die Erzeuger vor den Monitor

Sommerzeit, Ferienzeit: Die Schulen haben geschlossen. Andere Institutionen sind umso dringender aufgerufen, das pädagogische Loch zu schließen. Frank Stronach zögerte vorgestern keine Sekunde lang und informierte Frau Lou Lorenz-Dittlbacher über seine Lebensleistungen.

RTL legt den Bildungsauftrag noch lebensnäher aus. Die "Doku" "Teenies auf Urlaub - Eltern undercover" gehört eindeutig in das Unterrichtsfach Spionagetechnik. Ein Schüler (16) und eine Auszubildende (19) werden nach Ibiza eingeladen. Die gestellten Aufgaben sind sommerlich adäquat, scheinen aber mit ein bisschen Fleiß und gutem Willen leicht erfüllbar: Komasaufen, Weiber-Klarmachen. Möglicherweise muss ein Topf Sangria mit einem Strohhalm geleert werden. Natürlich alles eine Frage der Übung, aber durchaus machbar.

Der Pferdefuß jeder noch so lebensnahen Pädagogik sind die Eltern. Denn was die jugendlichen Ibiza-Urlauber nicht wissen: RTL setzt die Erzeuger vor den Monitor. In einer zweiten Phase erhalten die Schluckspechte leibhaftigen Besuch von ihren Ollen.

Vertrauen ist gut. "Noch glaubt Vater Detlev an das Gute in seinem Sohn", lässt sich die Stimme von RTL eingangs vernehmen. Ein anderer Satz erzwingt ein Aufhorchen: "Man kann auch mit wenig Alkohol viel Spaß haben!" Es hilft alles nichts: Die Kinder haben keinen Blick für die alten Sehenswürdigkeiten von Ibiza.

Der 16-Jährige vollzieht - wenn auch geschützten - Beischlaf. Die Mama fühlt sich als unsichtbares Aufsichtsorgan irgendwie beschämt. Aber, an die Adresse der Leibesfrucht gerichtet: "Dein Benehmen war der Oberknaller!" Nächstes Mal geht es wohl nur nach Lourdes. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 6.7.2012)

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