Leitzinssenkung verpufft an Märkten

5. Juli 2012, 16:27
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Dass die Währungshüter den Leitzins auf das Rekordtief von 0,75 Prozent senken, nützt angeschlagenen Banken und schadet Sparern

Frankfurt/Wien - Schlechte Nachricht für die ohnehin schon gebeutelten Sparer. Die Europäische Zentralbank hat angesichts der flauen Kreditvergabe und der Liquiditätsklemme bei angeschlagenen Banken den Leitzinssatz von ein auf 0,75 Prozent gesenkt. Damit wurde das niedrigste Niveau seit Beginn der Währungsunion erreicht. Ökonomen zeigten sich überwiegend skeptisch, dass der Schritt größere Wirkung entfalten werde.

Sollten die Banken die Zinssenkung weitergeben, bedeutet das einen weiteren Aderlass für Sparer, die bereits seit längerem inflationsbereinigt mit Verlusten konfrontiert sind. Bereits seit Herbst 2011 haben die österreichischen Geldhäuser ihre Zinsen kontinuierlich zurückgenommen, während es bei den Krediten zu keinen nennenswerten Veränderungen gekommen ist. Neueröffnete Spareinlagen mit einjähriger Bindung wurden laut Statistik der Nationalbank im April nur noch mit 1, 56 Prozent verzinst, was einer Reduktion von 0,50 Prozentpunkten gegenüber Oktober 2011 entspricht. Bei mehr als zweijähriger Bindung bieten die Banken im Schnitt 2,30 Prozent. Zum Vergleich: Haushaltskredite stagnieren je nach Laufzeit seit Monaten bei in etwa fünf Prozent, bei Wohnbaukrediten verlangen die Banken hingegen nur noch 2,8 Prozent.

Angst sticht Möglichkeiten

Die Leitzinssenkung wird unter Experten vor allem als Hilfe für schwächelnde Banken erachtet. Zur Belebung der Konjunktur werde der Schritt hingegen wenig beitragen, kommentierte etwa der deutsche Volks- und Raiffeisenverband. "Der Schritt der EZB ist symbolisch, er ändert nichts an dem schwachen Wirtschaftsausblick", mahnt Jennifer McKeown, Europa-Ökonomin bei Capital Economics in London. Und am brennendsten Problem, der schwierigen Finanzierungslage an der Europeripherie, änderten die Maßnahmen ohnehin nichts, ergänzte Kai Carstensen vom Münchner Ifo-Institut.

Auch Ansgar Belke, EZB-Experte und Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, bleibt im Gespräch mit dem Standard skeptisch, ob die Zinsschraube der EZB die Wirtschaft beleben könnte: "Die Refinanzierungskosten der Südländer werden deswegen nicht sinken. Auch der erwartbare Rückgang des Euro wird ihnen wenig bringen." Davon würden erst recht wieder exportstarke Nationen wie Österreich und Deutschland profitieren.

Mehrere Beobachter befürchten, dass die Entscheidung die Vermögensentwertung zulasten der Sparkunden und die Flucht in Sachwerte beschleunigen werde. Das könnte in Ländern wie Deutschland oder Österreich die Inflation anheizen.

An den Märkten fielen die Reaktionen überwiegend negativ aus: Die Aktienindizes der europäischen Börsen lagen ein bis zwei Prozent im Minus, der Euro sackte unter die Marke von 1,24. (siehe unsere Marktberichte)

Dabei hat die EZB eine gewisse Experimentierfreude gezeigt. Der Zinssatz, zu dem Einlagen der Banken bei der Frankfurter Zentralbank verzinst werden, wurde auf 0,00 Prozent gesenkt. Damit werden jene Geldinstitute, die ihre Liquidität nicht an andere europäische Banken verleihen, bestraft. Analysten spekulieren bereits, ob negative Einlagenzinsen möglich wären, ein Instrument, das auch in den USA diskutiert wird, um die Kreditvergabe anzukurbeln. (as, sulu, Reuters, DER STANDARD, 6.7.2012)

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    EZB-Chef Mario Draghi begründet die Zinssenkung u. a. mit einer Konjunkturabschwächung in der gesamten Eurozone.

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