Musikschulchef: "Alle sind froh, dass sie einen Job haben"

Interview | Marietta Türk, 24. Juli 2012, 11:48
  • Christian Sauer mit Trompete in seinem Büro.
    foto: privat

    Christian Sauer mit Trompete in seinem Büro.

Mit 21 Jahren wurde Christian Sauer Musikschuldirektor - Die Situation der Lehrer findet er verbesserungswürdig

Christian Sauer wurde in jungen Jahren Musikschuldirektor in Bad Vöslau. Der heute 40-Jährige gibt Einblicke in einen nicht alltäglichen Beruf. Ans Aufhören denkt er auch nach dem 20-Jahre-Jubiläumskonzert nicht. Seine Regionalmusikschule zählt heute mit ihren 565 Schülern und 27 Musikschullehrern zu den größten Musikschulen der Region NÖ-Ost.

derStandard.at: Sie waren erst Anfang 20, als Sie Musikschuldirektor wurden. Wie kam es dazu?

Sauer: Parallel zur Oberstufe am Gymnasium habe ich am Konservatorium Musikpädagogik und Konzertfach Trompete studiert. Dann wollte die Gemeinde eine Musikschule installieren. Ich habe mich beworben, den Posten bekommen und im Oktober 1992 mit 115 Schülern und neun Lehrern begonnen. Damals war ich 21 Jahre alt und habe klein angefangen, habe in Schulen Werbung gemacht für meine Schule, musste anfangs wegen jedem Kugelschreiber auf die Gemeinde.

derStandard.at: Was ist das Schwierigste an Ihrem Beruf?

Sauer: Die Stundenzuteilung an die Lehrer. Ich versuche immer, fair zu sein und die Stunden gerecht zu verteilen. Das Problem ist, dass wir nur eine gewisse Stundenanzahl zur Verfügung haben, die vom Land Niederösterreich gefördert wird. Die Lehrer wissen von Jahr zu Jahr nicht, wie viel sie im nächsten Jahr unterrichten dürfen. Alle haben einen pädagogischen Abschluss und Musik studiert. 

Es ist ein schwieriges Berufsbild. Die wenigsten sind voll beschäftigt und die meisten spielen nebenbei in Bands und Orchestern. Bei Instrumenten wie Oboe oder Fagott ist es auch schwieriger, Schüler zu finden, als bei Gitarre. Heute ist es generell schwer, einen Musikschullehrerjob zu finden, es gibt keine große Fluktuation, alle sind froh, dass sie einen Job haben.

derStandard.at: Müsste sich an den Bedingungen für Musikschullehrer etwas ändern?

Sauer: Es gibt eben viele Vorgaben vom Land und das Musikschulgesetz. Erwachsenenstunden werden plötzlich nicht mehr gefördert, nur mehr in Gruppen mit vier Personen. Ich sehe einen Handlungsbedarf, dass erwachsene Schüler besser in das System integriert werden, was wiederum den Lehrern zugutekommen würde.

derStandard.at: Was macht Ihnen Spaß an Ihrem Job?

Sauer: Der Kontakt zwischen Schülern, Lehrern und Eltern. Wir sind ein sehr nettes Team. Es macht Spaß, gemeinsam Ideen umzusetzen. Eine Herausforderung ist es, eine Balance zu finden, die Schüler zu fordern, damit sie etwas lernen - und andererseits muss es ihnen auch so viel Spaß machen, dass sie dabeibleiben.

Besonders spannend sind die unterschiedlichen Altersstufen unter den Schülern. Ich muss mich auf Erwachsene genauso einstellen wie auf Kinder und Jugendliche. Es gibt keine gesellschaftlichen Strukturen, da spielt der Firmenchef gemeinsam mit dem Lehrling in einem Ensemble und muss sich vielleicht vom Jüngeren etwas sagen lassen. Aber alle arbeiten an einem Ziel und musizieren gemeinsam. Deswegen geht man nach einem anstrengenden Arbeitstag auch am Abend noch in die Probe. 

derStandard.at: Sie üben den Beruf seit rund 20 Jahren aus. Haben sich die Schüler verändert?

Sauer: Man merkt, dass die Schüler heute durch Computerspiele und die Aktivität in verschiedenen Vereinen mehr abgelenkt sind. Sie machen sehr viel in der Freizeit und haben in der Schule mehr Stress. Unter den Jugendlichen gibt es eine ganz andere Gruppendynamik - da ist es schwierig, sie dazu zu bringen, sich mit einem Instrument hinzusetzen und selbst zu motivieren. Es ist natürlich leichter, ein Computerspiel aufzudrehen und sofort mittendrin zu sein.

derStandard.at: Wie teilt sich Ihr Aufgabengebiet auf?

Sauer: Einerseits leite ich die Schule, ich unterrichte aber auch Trompete. Ich bin für die ganzen organisatorischen Sachen zuständig, finanzielle Zuteilungen, Gebäude, Lehrerbestellung, Stundenverteilung und auch die künstlerischen Vorgaben. Wenn es Konzerte gibt, organisiere ich die auch. Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, die Rahmenbedingungen für den Unterricht zu gestalten. Ganz wichtig ist die Auswahl der Lehrer, in Niederösterreich ist das in Gemeindeautonomie. Ich habe das Team in 20 Jahren selbst aufgebaut.

Eine volle Lehrverpflichtung in Niederösterreich sind 27 Stunden für Musikschulllehrer, ich habe 15 Absetzstunden für die Leitung. Damit komme ich aber in gewissen Jahreszeiten nicht aus, bei Schulschluss oder Weihnachtszeit bin ich fast rund um die Uhr mit der Musikschule beschäftigt. Außerdem muss ich auch üben. Das ist Training, wie im Sport. 

derStandard.at: Bleibt da Zeit für musikalische Aktivitäten in der Freizeit?

Sauer: Ich spiele in verschiedenen Orchestern und leite das Blasorchester Bad Vöslau. Diese zusätzlichen Projekte sind mir sehr wichtig.

derStandard.at: Wie sieht Ihr Führungsstil als Musikschulchef aus?

Sauer: Wenn man in unserem Job nicht das Beste gibt, ist man falsch, die Kinder spüren das sofort. Fairness und Kommunikation sind mir ebenfalls wichtig. Lehrer, Schüler und Eltern müssen zusammenarbeiten. Dann funktioniert es auch. Bei uns wird alles direkt angesprochen, bei Beschwerden über Lehrer setzen wir uns alle offen zusammen. Ich bin auch ein Diplomat.

derStandard.at: Heute ist es eher ungewöhnlich, dass jemand 20 Jahre lang denselben Job hat. Wie geht es Ihnen damit?

Sauer: Ich wollte nie etwas anderes machen und fühle mich musikalisch gefordert. Auch die Möglichkeit, bei Konzertreisen dabei zu sein, wäre in keinem anderen Job so gegeben. Ich habe auch vor weiterzumachen, denn ich habe noch Ziele, die ich verwirklichen will. (Marietta Türk, derStandard.at, 24.7.2012)

Christian Sauer (40) ist Musikschuldirektor in Bad Vöslau. Er spielt in mehreren Orchestern und leitet das Blasorchester Bad Vöslau.

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Musikschule Bad Vöslau

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21 Postings
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Ich bin wirklich beeindruckt vom Leistungsausweis dieses jungen Musikschulleiters. Entweder ist er noch ledig oder er hat eine verständnisvolle und wenig Ansprüche stellende Gattin an seiner Seite.

Persönliches Musizieren fördert die Gesundheit und soziale Kompetenz und senkt den Aggressionspegel. Gesellschaftspolitisch sollte daher jede und jeder einen Bildungsgutschein für die Musikschule erhalten!

Einer, der den Titel "Leistungsträger" wirklich verdient, Respekt.

Nicht gegen die Musikschulen gerichtet ...

Die Musik ist heutzutage
Wohl der Menschheit größste Plage:
Schauervolles wird erreicht,
Wenn der Mensch die Geige streicht,
Oder um die Abendröte
Zwecklos bläst auf einer Flöte.
Und ich hege die Vermutung,
Dass auch der Posaune Tutung
Manchem wohl bei Tag und Nacht
Keine große Freude macht.
Dieser schlägt mit viel Gebimbel
Grausamlich das Klavizimbel
Jener aber gnadenlos,
Kneift das Cello – Gott ist groß!
Seine Langmut ist unendlich,
Treibt's der Mensch auch noch so schändlich.

(Heinrich Seidel, "Die Mittelmäßigen")

Nein, es geht nicht gegen die Musikschulen. Im Gegenteil: jedes Kind, das gerne ein Instrument lernt, sollte gefördert werden!

Aber das Gedicht (1. Strophe) passte gerade so gut ... ;)

Allein die Geduld, die Musikschullehrer aufbringen müssen!

Einer Flötengruppe von Schulneulingen beim Üben zuzuhören, ist eine Grenzerfahrung an Schmerzen für den Gehörnerv.
Ich kann den Musikschullehrern ehrlich Respekt zollen.

"ich musste anfangs wegen jedem Kugelschreiber auf die Gemeinde"

Seltsamer Schnorrer.

Lehrer sind halt kategorische Raunzer!

ich glaub, ihre balance ist ein wenig durcheinandergeraten! hatten sie schon einmal das "vergnügen" vor einer schulklasse zu unterrichten? vielleicht auch besser so, denn es könnte sein, dass sie ihre balance würden danach nicht so bald wiederfinden...

Lieber Kollege Herwig Stieger, - alles klar- oder benötigen Sie noch Unterweisungen!!!!

was und wo ist hier das problem? bill gates und zuckerberg haben in jungen jahren schon milliarden verdient und leiten riesige konzerne. warum soll ein 21jähriger nicht auch eine musikschule leiten können?

Gerüchte meinen, daß Musikschuldirektoren fürstlich entlohnt werden...

im Gegensatz zu den Musikschullehrern.

Fürstlich entlohnt?

Ein Scherzerl, Sarabande! Ein Bekannter leitet seit Jahren eine Musikschule, trägt Führungsverantwortung, hat einen All-In-Vertrag ohne Überstundenabgeltung klarerweise, ist teilweise 60 Stunden die Woche im Namen der Musikschule unterwegs, unterrichtet dazu noch selbst im Rahmen seines Vertrages, schupft die gesamte Administration, muss Sponsoren an Land holen, die örtlichen Politiker bei Laune halten etc. Und das für ein fürstliches Gehalt von...naaa?... 3300,- BRUTTO im Monat! Ach, und dieses Gerücht mit 2 Monaten Ferien und nix tun im Jahr: im Urlaub gilt es, die kommende Saison vorzubereiten. Also richtig ausspannen ist da auch nicht drin.

Das sind wirklich nur Gerüchte.

Tatsächlich ist beides weit weg von fürstlicher Entlohnung.

Soso gab's damals keinen anderen Mann, also "musste" man den 21 Jährigen zum Chef machen?

(nicht als persönliche Kritik gemein - ich kenne den Herrn nicht - sondern als Kritik an der Besetzungskultur in diesem unserem Lande)

In der Musik beginnen Karrieren halt recht früh. Wer mit 8 anfängt, ein Instrument zu spielen, hat mit 18 schon zehn Jahre Erfahrung. Es ist nicht ungewöhnlich, während der Schulzeit schon an Konservatorien oder Musikhochschulen zu studieren. Viele geben als Teenager privat Unterricht, um ein bisschen Geld zu verdienen oder übernehmen Führungspositionen in Ensembles. Die Superstars touren mit 15 mit großen Orchestern um die Welt. Da scheint es mir schon plausibel, dass jemand mit 21 eine kleine Musikschule leiten kann.

Wer musikalisches Koennen oder gar musikalische Reife hat, muss damit keineswegs organisatorisches Koennen, menschliche Erfahrung und Fuehrungsqualitaeten haben.

Es ist schon sehr ungewoehnlich, dass ein 21jaehriger die notwendige Lebenserfahrung aufbringen kann fuer die Leitung einer Schule, aber natuerlich nicht ausgeschlossen.

In diesem Fall sollte ja eine Musikschule erst aufgebaut werden, also klein anfangen, was ich so manchem 21jaehrigen schon zutraue. Ich kann mir vorstellen, dass hier ein Musiker des Vertrauens des Buergermeisters eingesetzt wurde, was nachvollziehbar ist. Und offenbar hat Christian Sauer die Aufgaben erfuellen koennen.

Ob es allerdings auch zu dieser Zeit qualifiziertere gegeben haette ...

Leute, seine Bestellung zum Leiter war vor 20 JAHREN! Wer sich in der "Szene" ein wenig auskennt, weiß, wie die Musikschullandschaft in NÖ damals ausgesehen hat, so wie auch in anderen Bundesländern (bis auf OÖ und VBG vielleicht). Es ist ja teilweise jetzt noch üblich, dass Musikschullehrer ohne Hearings eingestellt werden. Ich kenne Sauers Arbeit übrigens, was er aufgebaut hat, womit er sich immer noch herumschlagen muss. Und er hat in den 20 Jahren tolle Ergebnisse erzielen können, nachweislich. Wenn so jemand mit 21 Jahren an die Spitze einer Institution gestellt wird, ist dabei das Alter wurscht.

Schoen, dass Herr Sauer seine Bestellung zum Leiter selbst gerechtfertigt hat.

Ansonsten kann ich ihrem Posting vollinhaltlich zustimmen.

Es bleibt dennoch die Kritik an der Besetzungspolitik in NOE aufrecht.
Nicht die fachliche Kompetenten haben die entscheidende Stimme fuer Neubesetzungen, sondern die meist musikalisch-fachlich unbedarften Buergermeister.
Dabei ist nicht die fachliche Inkompetenz der, nein, falsch, vieler Buergermeister mein Kritikpunkt, sondern deren oftmalige Weigerung die Kompetenz der vorhandenen Fachleute, sprich Leiter und Musiker bzw. MS-Lehrer zu nutzen und entsprechend zu gewichten.

er wurde mit 21 Musikschullehrer - nicht Leiter

in der subüberschrift steht eindeutig musikschuldirektor

Neinnein, stimmt schon: Musikschulleiter

Es ist übrigens kein Geheimnis, dass in NÖ die Bekantschaft zu den Bürgermeistern und gute Verbindung zur Blasmusik einer guten Qualifikation mindestens ebenbürtig sind.

es steht:

"Mit 21 Jahren wurde Christian Sauer Musikschul-DIREKTOR"

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