Das ist ein Tanz, wie er nicht vorherzusehen war

Helmut Ploebst
5. Juli 2012, 16:55
  • Von der päpstlichen Kopf- bedeckung zum Narrenhut: Dem 
britischen Maler Francis Bacon zufolge ist es nur ein kleiner Schritt vom einen 
zum anderen, und der Choreograf Johann Kresnik macht deutlich, wie 
das zu verstehen sein könnte. Im Bild Ismael Ivo als schreiender 
Kardinal, eines der berühmtesten Motive bei Bacon.
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    foto: ismael ivo

    Von der päpstlichen Kopf- bedeckung zum Narrenhut: Dem britischen Maler Francis Bacon zufolge ist es nur ein kleiner Schritt vom einen zum anderen, und der Choreograf Johann Kresnik macht deutlich, wie das zu verstehen sein könnte. Im Bild Ismael Ivo als schreiender Kardinal, eines der berühmtesten Motive bei Bacon.

  • Die Narrenhüte der Liebe: Angela Schubot und Jared Gradinger haben sich 
eines alten Themas angenommen und stellen es so bewegend dar wie kaum jemand 
zuvor.
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    foto: florian braun

    Die Narrenhüte der Liebe: Angela Schubot und Jared Gradinger haben sich eines alten Themas angenommen und stellen es so bewegend dar wie kaum jemand zuvor.

Neue Stücke, historische Herausforderungen, eine Choreografische Plattform, die [8:tension] für jungen Tanz, ein Prix Jardin d'Europe, nächtliche Wild Walks und über 200 Workshops

Ab dem 12. Juli prägt das Festival Impulstanz einen Monat lang die Stadt Wien.

Tanzen da Gespenster aus der Vergangenheit an? Zum Beispiel in Gestalt zweier Frühwerke aus den Achtzigern von Jan Fabre. Oder als Johann Kresniks Francis Bacon von 1993 und als Anne Teresa De Keersmaekers 1998 bei Impuls uraufgeführtes Drumming. Oder beschwört das französische Choreografen-Duo Cecilia Bengolea & François Chaignaud mit François Malkovskys Danses Libres aus den Roaring Twenties einen künstlerischen Wiedergänger?

Nein. Wir brauchen hier keine Ghostbusters. Denn diese Arbeiten bei Impulstanz stehen bloß für einen positiven Paradigmenwechsel im Umgang mit historischen Choreografien. Initiiert wurde die Wende schon vor fast zwanzig Jahren, als sich das französische Kollektiv Le Quatuor Albrecht Knust kritisch mit dem Thema der Wiedererarbeitung ikonischer Tanzstücke der Moderne befasste. Zum Beispiel unter dem Aspekt, dass es im Tanz keine "originalgetreuen" Rekonstruktionen geben kann.

In der Folge wurde etwa die große amerikanische Postmoderne Yvonne Rainer neu entdeckt. Der französische Choreograf Xavier Le Roy arbeitete 1996 mit Le Quatuor Albrecht Knust an der Neuaufnahme von Rainers Continuous Project - Altered Daily und von Steve Paxtons Satisfying Lover (Paxton war übrigens schon zwei Jahre zuvor mit Trisha Brown bei Impulstanz aufgetreten). Oder: Jérôme Bel holte 1998 Susanne Linkes Solo Wandlung nach 20 Jahren wieder in die - damalige - Gegenwart. Und: Die Gruppe Inpex publiziert seit 2009 The Swedish Dance History. Ein weiterer Band (Nummer drei) wird im Festival am 26. Juli präsentiert.

Verrückte Herausforderung

Ein frischer Wind weht also durch die Tanzgeschichte. Es geht nicht mehr um die Autorität historischer Größen, sondern um lebendige Arbeit an der Vergangenheit. Ein Markierungspunkt für diesen Umbruch war die Kuratierung wieder und wider 2006 im Tanzquartier Wien und Mumok. Konsequenzen aus dieser Entwicklung sind dieses Jahr sowohl die Ausstellung Moments im ZKM Karlsruhe als auch die große Yvonne-Rainer-Schau, die noch bis Ende Juli in Köln zu sehen ist.

Wenn Fabre jetzt also This is theatre like it was to be expected and foreseen von 1982 und das zwei Jahre danach entstandene Stück The Power of Theatrical Madness (siehe auch S. I 4) wieder zeigt, dann ist das als Herausforderung zu verstehen: Wie passen diese Stücke nach 30 Jahren in eine Zeit mit Internet, Wirtschaftskrise, der EU und den jüngeren Diskursen in den Künsten? Und was heißt es, wenn junge Tanzschaffende Tänze aus den 1920ern ihrer heutigen Ästhetik entsprechend bearbeiten?

Die Frage nach dem Neuen und Alten kann heute anders gestellt werden. Nicht nur, weil in der Livekunst Tanz ohnehin alles zur Gegenwart wird, sondern auch, weil das alte, strikt chronologische Geschichtsdenken nicht mehr funktioniert. Und weil das sentimentale Verhältnis zur Vergangenheit im Sinn von "Früher war alles besser" genauso wie die Ansicht, alles von früher wäre "ein alter Hut", obsolet geworden ist. In der Kunst ist das Vergangene Material für Neues. Und dieses Material muss erst einmal verfügbar gemacht werden.

In seinen Programmfeldern [8:tension], der Choreografischen Plattform Austria, den Wild Walks und mit anderen Produktionen zeigt das Festival dann auch, wie viel Neues die Choreografen und Tänzer immer noch entdecken.

Dieses Neue wird aber nicht aus diversen Ärmeln geschüttelt. Sondern es ist immer wieder Ergebnis von viel Lust am Experiment und an neuen Erfahrungen, Mut und Widerspruchsgeist, von Flexibilität und Zähigkeit. (Helmut Ploebst, Sonderthema/Beilage, DER STANDARD, 6.7.2012)

  • Telefon: 01/523 55 58
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1 Posting
Workshopplätze für ImpulsTanz gewinnen

Auf http://www.quax.at kann man zwei Workshop Plätze für "Bollywood Star" mit Terence Lewis gewinnen.

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