Der Klang der Annäherung

5. Juli 2012, 17:55
7 Postings

Die hochkarätigen Vokalisten Gregory Porter und Melody Gardot bescherten dem Jazzfest Wien in der Wiener Staatsoper ein doppeltes Highlight

Wien - Heldentenöre und Soprane sind es üblicherweise, die hier ihre Stimmbänder zum Vibrieren bringen, im Bemühen, die Staatsoper einen Abend lang zum emotionalen Nabel der Welt mutieren zu lassen. Zwei nicht minder dramatischen Charakteren gelang es nun beim Jazzfest Wien, jenes latente Bühnenversprechen auf durchaus eindrucksvolle Art und Weise einzulösen.

Gregory Porter und Melody Gardot - zwei denkbar gegensätzliche Vokalistentypen: groß, sonor, erdig und von baritonesker Emphase beseelt der eine; exaltiert und fragil die Kunst der Andeutung genussvoll zelebrierend die andere. Da war Porter, der Kalifornier, der mit 40 gerade erst im Begriff ist, zur Weltkarriere anzusetzen, und der in der Staatsoper bittersüße Liebeslieder wie Be Good - das Titelstück der aktuellen CD - mit epischen Hommagen wie Mother's Song kombinierte. Irgendwo zwischen Marvin Gaye und Nat "King" Cole, dem Porter in einer wunderschön hingeschmalzten Version von Mona Lisa seine Reverenz erwies, brach sich eine kraftvolle und zugleich poetische, nuancenreiche Stimme Bahn - umgeben von einem überaus agilen Quartett.

Melody Gardot hingegen schwelgte im Kreise ihres Septetts in den Bossa-nova-, Flamenco- und Fado-getönten Songs des neuen, ausgezeichneten Albums The Absence. In dessen Rahmen lotet die 27-Jährige US-Amerikanerin das unerschöpfliche Thema zwischenmenschlicher Irrungen und Wirrungen, von Annäherung und Abschied mit verführerischer Delikatesse aus. Ab dem dritten Lied, nachdem Gardot vom Klavier aufgestanden und sich - verspielt und abgeklärt zugleich mit einer wohligen Prise Décadence in der vokalen Performance - nur mehr sängerischen Aufgaben widmete, war sie in ihrem Element.

Sie brachte Songs wie Mira, This is an Impossible Love, So Long und Amalia auf sublime Art zum Leuchten - um als Zugabe Gershwins Summertime in einer aparten Version mit einem schwülen, der Hitze der Nacht wie der Hitze auf der Bühne adäquaten Fever-Zitat neuen Appeal zu verpassen.

Die Verschmelzung von Form und Inhalt zu authentischer Aussage, zu Figuren, die da als sie selbst auf der Bühne standen und Geschichten aus ihrem Leben erzählten - erlebt, erinnert, erlitten, empfunden -, sie gelang an diesem Abend sowohl Gregory Porter als auch Melody Gardot auf eine Weise, an die man sich noch länger erinnern wird.  (Andreas Felber, DER STANDARD, 6.7.2012)

 

Am Freitag, 6.7., in der Wiener Staatsoper (19.30): Rufus Wainwright.

  • Melody Gardot beeindruckte mit ihrer so raffinierten wie diskreten Kunst.
    foto: jazz foto brunner

    Melody Gardot beeindruckte mit ihrer so raffinierten wie diskreten Kunst.

Share if you care.