"Die Bevölkerung will die Besatzer loswerden"

Interview |

Afrikanist und Geograf Marcus Friese über die akuten Lebensbedingungen im Norden Malis

Marcus Friese, Vorsitzender des deutschen Vereins Mali Bakoydio, steht in engem Kontakt mit Freunden und Partnern im Norden Malis. Die berichten von Versorgungsproblemen, Überfällen und Menschenrechtsverletzungen. Die Schule, die der Verein in einer nordmalischen Stadt mitfinanziert, musste schließen, um das Leben von Kindern und Mitarbeitern nicht zu gefährden. Der Afrikanist und Geograf Friese spricht im Interview mit derStandard.at auch über die von der Bevölkerung als "Besatzung" empfundene Kontrolle der Rebellen, Bruchlinien zwischen den Rebellengruppen und den Versuch der malischen Regierung, die Kontrolle über den Norden zurückzugewinnen.

derStandard.at: Ihr Verein Mali Bakoydio betreibt ein Kinderzentrum mit Schule in Goundam, einer Stadt im Norden Malis nahe Timbuktu. Was wissen Sie über die aktuellen Lebensbedingungen der Kinder?

Friese: Besonders die Lebensmittelsituation ist derzeit sehr prekär. Die letzte Ernte war sehr schlecht und auch die aktuelle wird nicht zuletzt wegen der angespannten Sicherheitslage nicht besser. Gleichzeitig gibt es keinen Diesel mehr, um die Elektrizitäts- und Wasserversorgung zu gewährleisten, und auch Medikamente und andere Versorgungsgüter werden knapp. Das heißt, die Preise steigen, was wiederum arme Familien trifft wie die, die wir im Kinderzentrum betreuen.

Das Zentrum ist jedenfalls derzeit aus Sicherheitsgründen geschlossen. Für die Kinder wäre der tägliche Schulweg zu gefährlich. Die Stadt wird von Milizen kontrolliert. Die sind schon mehrfach auf Raubzügen bewaffnet in Häuser und öffentliche Gebäude eingedrungen. Und sie nehmen in Kauf, dass Zivilbevölkerung verletzt wird. Es gab auch Berichte über akute Menschenrechtsverletzungen wie Vergewaltigungen.

derStandard.at: Von welchen Milizen sprechen wir? Von den separatistischen Tuaregrebellen, die einen eigenen nordmalischen Staat wollen, oder den radikalen Islamisten von Ansar Dine, die die Scharia in ganz Mali einführen wollen?

Friese: Am Anfang waren es die Separatisten (Nationale Bewegung für die Befreiung von Azawad, MNLA), die Goundam und viele andere Städte besetzt hatten. Sie waren wegen massiver Plünderungen besonders verhasst bei der Bevölkerung. Was wir jetzt erleben, ist, dass sich die MNLA aus einer Stadt nach der anderen zurückziehen muss und den Raum den Islamisten überlassen muss. Die Separatisten haben derzeit massive interne Probleme, einige wollen mit den Islamisten zusammenarbeiten, andere nicht. Außerdem leiden sie unter finanziellen Problemen.

derStandard.at: Wie steht die Bevölkerung zu den Islamisten?

Friese: Die absolute Mehrheit der Bevölkerung lehnt die Idee eines islamischen Staates ethnienübergreifend ab. Das islamistische Gedankengut ist allgemein in Mali kaum verankert. Ansar Dine hat eine internationale Führungsschicht, die dieses Gedankengut verinnerlicht hat und auch die Geldquellen erschließt. Die große Gruppe der Kämpfer rekrutiert sich vor allem aus den armen Bevölkerungsgruppen. Allerdings nicht, weil sie an einen politischen Islamismus glauben, sondern weil das oft die einzige Geldquelle für sie ist.

derStandard.at: Wie finanziert sich Ansar Dine?

Friese: Es gibt vermutlich zwei Quellen. Einerseits hat man Verbindungen zu Al-Kaida im Islamischen Maghreb, die in der Zentralsahara durch Waffen- und Drogenhandel und Geiselnahmen Geld macht. Es wird auch immer wieder spekuliert, dass arabische Staaten Geld zuschießen. Dafür gibt es aber keine Beweise.

derStandard.at: Liegen die Bruchlinien im Norden nur zwischen Islamisten und Separatisten?

Friese: Die Hauptbruchlinie verläuft natürlich zwischen allen Bewaffneten und dem Rest der Bevölkerung, die aktuell von niemandem beschützt wird. Seit das Militär abgezogen ist, kann jeder Terrain beherrschen, der eine Rebellengruppe gründet und an Waffen kommt. Die Tuaregseparatisten und die Islamisten sind aktuell nur zwei der stärksten und präsentesten Ausformungen solcher Gruppierungen. Es gibt außerdem auch noch arabische Milizionäre, die gemäßigter sind. Und dann gibt es natürlich noch Gruppierungen aus der Bevölkerung, die sich schon in der letzten Krise in den 90ern organisiert hatten und die Besatzer loswerden möchten.

derStandard.at: Sogar das malische Parlament ruft die Bevölkerung dazu auf, der Besatzung im Norden des Landes "unerbittlichen Widerstand" leisten. Außerdem hat es sich für einen Militäreinsatz ausgesprochen. Was halten Sie davon?

Friese: Ich würde mir persönlich wünschen, dass es zu keinen massiven Kämpfen kommt. Die Frage ist: Was ist die Alternative? Die aktuelle Situation ist für die Menschen unhaltbar. Die idealste Lösung wäre natürlich ein Verhandlungsfrieden. Wenn der nicht zustande kommt, muss es wohl eine militärische Intervention eventuell mit der Hilfe von ECOWAS-Truppen geben. Ein UN-Mandat ist noch unwahrscheinlich.

derStandard.at: Unter welchen Umständen könnte es einen Friedensvertrag geben?

Friese: Es wäre vorstellbar, dass man Kämpfer in das Militär eingliedert und zentralen Personen aus den Reihen der Rebellen Aufgaben im Staat anvertraut. Das ist allerdings ein hohes Risiko und vor allem in der aktuellen politischen Übergangssituation (derzeit gibt es nur eine Übergangsregierung, Neuwahlen werden vorbereitet, Anm.) kaum machbar. Außerdem ist die Vertrauensbasis zwischen der sesshaften, hauptsächlich schwarzen Bevölkerung und den verschiedenen Tuaregrebellen, die immer noch die Mehrheit der Rebellen stellen, nicht vorhanden.

derStandard.at: Der nigrische Präsident Mahamadou Issoufou meinte unlängst, Mali sei dabei, "Afrikas Afghanistan" zu werden. Nordmalis islamistische Milizen würden terroristische Ausbildungslager unterhalten und mittlerweile über schwere Waffen verfügen. Welche strategische Rolle spielt der Norden für die Sache Al-Kaidas im Maghreb tatsächlich?

Friese: Al-Kaida im Islamischen Maghreb hat ein riesiges Operationsgebiet, das sich über Algerien, Marokko, Mauretanien, Mali und Niger erstreckt. Nur in Mali konnten sie wegen der Schwäche des malischen Militärs Basen einrichten. Das ist natürlich von zentraler Bedeutung für die Organisation.

derStandard.at: Können Sie derzeit etwas für Ihre Schützlinge in Goundam tun?

Friese: Selbst können wir derzeit nicht vor Ort sein. Wir arbeiten vor Ort mit einer lokalen Organisation, unserer Partnerorganisation Amade Pelcode, zusammen, die in begrenztem Rahmen Hilfe leisten kann. Man kann Lebensmittel auf lokalen Märkten kaufen, die sind sehr teuer. Eine zweite Möglichkeit sind Transporte von außerhalb Nordmalis, die riskant sind. Wir können uns natürlich auch nur um die armen Familien der Kinder unseres Kinderzentrums kümmern, für mehr fehlen uns die Kapazitäten. (Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 5.7.2012)

Marcus Friese ist Diplom-Geograf und Afrikanist und lebt in Thüringen. Seit 2006 beschäftigt er sich beruflich und ehrenamtlich mit Mali und kennt das Land auch von mehreren langen Aufenthalten. Er ist außerdem Vorsitzender von Mali Bakoydio, einem Verein zur Förderung der Entwicklung im Norden Malis. Mali Bakoydio ("Freunde Malis") arbeitet eng mit der malischen Partnerorganisation Amade Pelcode zusammen. Ziel dieser Kooperation ist die Verbesserung der Lebenssituation des ärmsten Teils der Bevölkerung in Goundam, einer Kleinstadt in Nordmali. Das erste Projekt, ein Kinderzentrum, wurde bereits realisiert, ist aber derzeit geschlossen.

  • Nordmalier, die nach Bamako geflüchtet sind, fordern die Befreiung des von Rebellen besetzen Nordens.
    foto: ap

    Nordmalier, die nach Bamako geflüchtet sind, fordern die Befreiung des von Rebellen besetzen Nordens.

  • "Die Hauptbruchlinie verläuft zwischen allen Bewaffneten und dem Rest der Bevölkerung": Marcus Friese.
    foto: privat

    "Die Hauptbruchlinie verläuft zwischen allen Bewaffneten und dem Rest der Bevölkerung": Marcus Friese.

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17 Postings
ganz im Gegenteil zum Irak, Afghanistan, Libyen, ...

was haben die denn?

haben die tuareg

nun nur gepluendert oder auch menschenrechtsverletzungen begangen? das eine ist zwar nicht nett aber eigentlich normal fuer wuestenraeuber das zweite eher ungewoehnlich meines wissens nach.

Als nächstes werden sich die Islamisten einen Teil von Niger schnappen.

Niger hat 12.000 Soldaten und die Luftwaffe ist auch nicht gerade übermächtig:

http://xairforces.net/airforces... asp?id=206

Unabhängig des Themas, dachte ich im ersten Moment beim Foto, was hat der Typ für geile grüne Haare ... ;-)

Naja, die die Haarpracht unseres Afrikanisten (was ist das eigentlich?) ist auch nicht ohne.

Unser Klassensprecher hat übrigens auch dauernd so dreingschaut!

Vielleicht sollte die Ecowas

mit den Tuareg verhandeln. Autonomie, vielleicht sogar einen eigenen Staat und dafür die Islamisten gemeinsam zum Teufel jagen.

im norden (dem derzeit besetzten teil malis) leben mehrheitlich nicht-tuareg.

ganz meiner Meinung.

Mali ist viel zu groß für den ewig klammen, schwachen Staat. Aber das würde Frankreich, laut französischen Ministern, nie zulassen. Liegt wohl daran, das Frankreich keinen Einfluss auf touareg hat, wie auf die ex-Kolonien. Und Frankreichs neuer Lieblings Partner Katar hat ja sowieso ein besonderes Verhältnis zu islamistischen Terroristen in Afrika, siehe Libyen, Benghazi. Keiner mehr da für Diplomatie mit den touareg.

Finger weg

Auch die Afghanen wollten die ausländischen Dschihadisten und die Taliban loswerden.
Man interveniert, das Ganze nimmt seine Eigendynamik an....das Ergebnis ist bekannt.

Was auch immer dort passieren mag: Finger weg (und Grenzen dicht).

wissen sie gar nichts?

Die dschihadisten in Afghanistan sind doch die Intervention der USA gewesen! die haben sie aufgebaut und brüsten sich heute noch mir dieser “anti-Sowjet Taktik “. In Mali muss der Staat die Putschisten loswerden und mir den Touareg reden. Dann gemeinsam mit denen und der ECOWAS die Islamisten vertreiben und sofort Afrikaweit alle katarischen "charity" Organisationen raus schmeißen.

"..eine militärische Intervention eventuell mit der Hilfe von ECOWAS-Truppen geben."

Na bestens..Plan aufgegangen!

Schon raffiniert, aber wer genau aufpasst erkennt das Muster und durchschaut das ewige Spiel langsam..

Bitte Details oder gar nix!

Könnten Sie das etwas genauer AUSFÜHREN!

Übrigens, was heißt "ewiges Spiel"? Haben das schon die Australopithecinen vor 3 Millionen Jahren gespielt?

LoL

hab ich grad im radio gehört und passt hervorragend auf Ihr post:
"hirnfasching"

Sehr schlau sin Sie..aber vll solltens mal weniger Radio hörn und bissl mehr lesen....
Informiern sa sich mal über ecowas und Westafrika

Sehr schlau sin Sie..aber vll solltens mal weniger wirre Andeutungen machen und bissl mehr verständliche Beiträge liefern ....

Nicht ECOWAS an sich ist das Probelm. Das Problem ist Frankreich!

Und Frankreich will sich auch hier wieder einmischen und Truppen schicken. Schließlich geht es um die Uranversorgung die beinahe ausschließlich von dieser Region um das Eck Mali, Algerien und Niger abhängt.

Mali ist wie alle ehemals französischen Nachbarn Teil der UEMOA, die ehemals britischen Gebiete bilden die WAMZ.
Diese UEMOA wurde von Frankreich als Gegenpart, obwohl Teil davon, der ECOWAS installiert und damit ein Wirtschaftswachstum verhindert.
Außerdem wurden 1994 der CFA-Francs, der ja nur der Ausbeutung der ehemaligen Kolonien dient, um 50% abgewertet. Das hatte zu Folge dass Privatisiert werden musste und unter Schirmherrschaft von IWF und Weltbank lukrative Sektoren an westliche Unternehmen gingen.

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