EZB bekämpft mit Minizins Rezession

5. Juli 2012, 16:27
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Mit dem historisch niedrigen Zinssatz von 0,75 Prozent macht die EZB Geld für Banken billig wie nie. Analysten bleiben skeptisch

Frankfurt/London - Das Geld im Euroraum ist so billig wie nie - zumindest für Banken: Erstmals seit Einführung des Euro 1999 fällt der Leitzins unter 1,0 Prozent. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) beschloss am Donnerstag einstimmig eine Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte auf 0,75 Prozent. Der Zins für Über-Nacht-Einlagen bei der EZB wird ebenfalls um 25 Basispunkte auf null Prozent reduziert. Damit lohnt es sich für Banken überhaupt nicht mehr, Milliarden kurzfristig bei der Notenbank zu parken.

Die meisten Volkswirte hatten die Zinssenkung im Kampf gegen eine drohende Ausbreitung der Rezession erwartet. Seit dem Amtsantritt des Italieners Mario Draghi im November 2011 hat die Notenbank ihren Leitzins somit halbiert. Die Inflationsrisiken gingen zuletzt zurück, während sich die schwache Konjunktur immer weiter ausbreitet. Viele Anleger zogen nach dem Zinsentscheid ihr Geld von der Börse ab, um von den im Tagesverlauf gestiegenen Kursen zu profitieren. Der Euro gerat unter Druck. Genauso wie im Vorfeld die spanischen und italienischen Staatsanleihen. (siehe unsere Marktberichte)

Erste Reaktionen

Analysten zeigten sich in ersten Reaktionen eher zurückhaltend. Es sei zwar ein Zeichen dafür, dass die EZB den jüngsten Abschwung der Wirtschaftsindikatoren ernst genommen habe, dennoch seien weitere Maßnahmen unwahrscheinlich, meinte Jennifer McKeown, Volkswirtin bei Capital Economics.

Auch beim deutschen Ifo-Institut ist man skeptisch. "Die Zinssenkung wird voraussichtlich keine messbaren Auswirkungen auf die Realwirtschaft in den Krisenländern haben", so Kai Christensen. Aus seiner Sicht ist die Zinssenkung am ehesten als zusätzlicher Schritt bei der Subventionierung von schwächelnden Banken zu verstehen.

Für mehr Überraschung sorgte die Absenkung des Einlagezinses auf null Prozent. "Ich bin gespannt, wie der Geldmarkt damit umgehen wird. Viele hatten der EZB ja empfohlen, den Zins nicht auf null zu senken. Denn ob damit die Banken dazu gezwungen werden können, einander zu vertrauen, bezweifle ich", meinte ein Geldhändler aus Frankfurt.

Auch Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des deutschen Bankenverbandes BdB, reagierte skeptisch: "Schon bisher haben Geschäftsbanken Zinseinbußen in Kauf genommen, um Geld bei der EZB zu parken. Das ist ihnen die höhere Sicherheit wert."

Inflation befeuert

Niedrige Zinsen verbilligen Kredite. Das erhöht tendenziell die Investitionsneigung von Unternehmen und die Konsumfreude der Verbraucher - und kann so die Konjunktur ankurbeln. Zugleich befeuern niedrige Zinsen aber die Inflation.

Aktuell sind diese Regeln aber außer Kraft gesetzt. Es wird trotz massiver Geldschwemme von den Banken nur vorsichtig Geld verliehen und die Teuerung geht immer weiter zurück. Draghi sagte, die Inflation könnte noch im Jahr 2012 unter zwei Prozent fallen.

Angst sticht Möglichkeiten

Viele Beobachter sehen die Notenbank als Krisenfeuerwehr, da sie anders als die Politik schnell auf Bedrohungen reagieren kann. Neben der Zinssenkung könnte die EZB zu weiteren Mitteln greifen, um maroden Banken und - indirekt - strauchelnden Staaten zu helfen. Sie könnte Banken erneut langfristig billiges Geld leihen oder wieder Anleihen klammer Staaten kaufen.

Ersteres wirkt momentan nicht. "Nun sind einige Monate vergangen und wir sehen, dass die Kreditvergabe schwach ist und schwach bleibt", meinte Draghi auf der Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid. Die EZB habe zwar die für eine adäquate Kreditvergabe nötige Liquidität zur Verfügung gestellt, allein die Banken verleihen nicht weiter an Firmen und Privatpersonen. Die Nachfrage bestimme eben den Markt, fügte Draghi hinzu.

Die EZB hatte mit zwei Geldspritzen, sogenannten Langfristtendern, um die Jahreswende mehr als eine Billion Euro in das Finanzsystem gepumpt und damit eine Kreditklemme abzuwenden versucht.

Letzteres wiederum hatte EZB-Ratsmitglied Klaas Knot vor kurzem ausgeschlossen: "Das Anleihekaufprogramm schläft tief und fest, und das wird auch so bleiben." Aktuell hat die EZB Staatsanleihen im Wert von mehr als 210 Milliarden Euro in der Bilanz. Das seit Mai 2010 laufende Programm war von Anfang an umstritten, weil damit im Grund durch die Hintertür Staatsausgaben mit der Notenpresse finanziert werden. Seit Monaten hält sich die EZB mit neuen Käufen zurück.

IWF gegen Zinssenkung

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, indes hatte sich kurz vor der EZB-Ratssitzung gegen eine Zinssenkung und für eine Fortsetzung der Anleihenkäufe durch die Notenbank ausgesprochen. Damit könne die EZB einzelnen Ländern gezielt helfen, während Zinssenkungen auch Staaten wie Deutschland beträfen, die keine Lockerung der Geldpolitik bräuchten.

Während die Kreditnachfrage in Ländern mit hoher Nachfrage wie Deutschland stimuliert werden könnte, dürften Auswirkungen auf Banken in den Krisenländern ausbleiben, glaubt Holger Schmieding von der Berenberg Bank: Die Institute müssten weiter Risiken abbauen und beschränkten die Kreditvergabe.

Aus Sicht der UniCredit handelt die Notenbank dennoch richtig: Sie entlaste den Bankensektor, der nun günstiger an Geld komme. Und wenn die Zinssenkung den Euro noch weiter schwäche und so den Export ankurble, sei das ein positiver Nebeneffekt. (APA/Reuters/red, derStandard.at, 5.7.2012)

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    EZB-Chef Mario Draghi.

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