Weshalb wir für alte Spiele gerne zweimal zahlen

  • Würden sie sich über ein Remake von "Zak McKracken" freuen?
    foto: lucasarts

    Würden sie sich über ein Remake von "Zak McKracken" freuen?

HD-Remakes und Retro-Games sind der Renner. Das kann man, muss man aber nicht verstehen.

Kürzlich stand ich mit meiner Freundin vor dem Bücherregal, um eine Lektüre für den bevorstehenden Kurzurlaub auszuwählen. Sich über den Mangel an spannender neuer Kost beschwerend, zog sie schließlich die Option in Betracht, einen ihrer Lieblingsromane nochmals zu lesen. Das hat mich durchaus nachdenklich gestimmt, ich selbst würde nie auf die Idee kommen, ein bereits gelesenes Buch erneut aufzuschlagen. Die Geschichte kenne ich doch schon und es gibt noch so viel zu lesen.

Genauso skeptisch beobachte ich den Trend in der Videospielbranche, alte Games neu aufzulegen oder etwas verschönert und mit dem einen oder anderen Zusatz-Feature ein zweites Mal an die Fans zu verkaufen. Meinem Unmut zum Trotze entwickelt sich das "Recycling-Geschäft" exzellent. Für Neuauflagen von Klassikern geben Spieler liebend gern (erneut) ihr Erspartes aus.

Satte Gewinne

Die Spielhersteller veröffentlichen mittlerweile fließbandweise "HD-Remakes". Der 1997 erschienene N64-Shooter "GoldenEye 007" wurde 2010 zunächst für Wii und 2011 für PS3 und Xbox 360 in die aktuelle Generation zurückgeholt und wanderte mit neuem Bond, aktualisierter Grafik und Steuerung knapp 2,5 Millionen Mal über die Ladentische. Microsofts Neuauflage des ersten "Halo"-Teils, "Halo: Combat Evolved Anniversary", wurde über 1,8 Millionen Mal verkauft und die HD-Kollektion von Sonys ersten beiden "God of War"-Titeln erreichte knapp 2,5 Millionen Fans.

Zwar werden Remakes zumeist um ein Drittel billiger oder gar noch etwas günstiger vertrieben, unter dem Strich streichen die Entwickler mit vergleichsweise geringem Aufwand satte Gewinne ein.

Nostalgie

Mit Nostalgie hat man offenbar leichtes Spiel. Das zeigt sich auch am Interesse an der nun endlich bestätigten Re-Release der PC-Version von "Final Fantasy 7". Square Enix will damit den 25. Geburtstag der populären Rollenspielserie feiern, während Fans nach wie vor eine Komplett-Neuauflage des 1997 erschienen siebenten Teils fordern.

Bei Betrachtung der modernen Spielelandschaft im Vergleich zu den Perlen der vergangenen Jahre leuchtet mir zumindest zum Teil ein, was es mit der Faszination für Neuauflagen der großen Klassiker auf sich hat. Zum einen sind die HD-Remakes prinzipiell für all jene interessant, die den einen oder anderen Hit damals verpasst haben. Und zum anderen ziehen einen vor allem die ganz alten Games in ihren Bann, weil sie zu Zeiten erschaffen wurden, in denen die Industrie nicht in dem Maße auf die breite Masse Rücksicht nehmen musste, wie es heute der Fall ist.

Retro ist in

Verglommene Sterne wie Sega oder Atari mögen vielleicht nicht mehr ganz vorne in der Riege der Blockbuster-Studios mitmischen, ihre "Best-of"-Kollektionen mit den Klassikern der 1980er und 1990er sind dennoch Dauerbrenner. Egal wie wie anstrengend die 8-Bit-Games heute anzusehen sind, die Editionen für PC, PS3, Xbox 360 und mobile Plattformen sind bei Fans gern gesehen. Es sind Spiele, die nicht nach marketinggerechten Feature-Listen, sondern nach den teils eigenwilligen Vorstellungen der Designer konzipiert wurden. Witzig, trashig, ermbarmungslos schwer und manchmal auch gänzlich unfair, verkörpern die Retro-Games die Anarchie der "Goldenen Ära".

Wenig überraschend ist ebenso, wie viel Wirbel allein die bloße Meldung macht, wonach Ron Gilbert von einer weiteren Fortsetzung zu "Monkey Island" träumt.

Neu und trotzdem anders

Insofern kann ich irgendwie doch verstehen, weshalb man sich lieber für ein gutes altes Buch und gegen ein schlechtes neues Werk entscheidet. Wer bei Videospielen den Ecken und Kanten der vergangenen Jahre nachtrauert, dem empfehle ich dennoch, nach vorne zu blicken. Denn viele der guten und leider bei aktuellen Hits zu oft wegrationalisierten Charme der Retro-Games finden sich heutzutage in den Indie-Games wieder. Verrückte Ideen und nischige Projekte sind keines Wegs ausgestorben. Im Gegenteil, man muss nur wissen, wo man sich umschauen sollte.

Die Literaturfrage wurmt mich dennoch. Kann gut sein, dass meine Freundin bisher einfach die besseren Bücher gelesen hat als ich. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 7.7.2012)

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