Von oben und unten betrachtet

  • Ein Lumpi mit Stil. 
Andre Williams kennt ein paar arge Geschichten.
    vergrößern 600x450
    foto: yep roc

    Ein Lumpi mit Stil. Andre Williams kennt ein paar arge Geschichten.

Würdelos altern macht mehr Spaß. Andre Williams belegt das auf seinem Album "Day and Night" mit schönen Beispielen

Legen Sie sich nicht mit ihm an. Er will es nicht tun, aber wenn Sie ihn provozieren, drückt er ab. "I'm a seventy year old nigger, I never pulled a trigger, but I will, I will. I'm tired of everybody fuckin' over me!" Zu diesem Versprechen dröhnt eine schäbige Gitarre, ein Piano mit einigen abgängigen Tasten klimpert, im Hintergrund scheppert ein Rhythmus.

Wenn Andre Williams solche Gstanzln aus der Schnittmenge von Blues und Arschtritt vorträgt, erzählt er augenzwinkernd aus seinem Leben. In diesem war er lange oben, dann lange unten, jetzt hält er sich in der Mitte. Mit der Band The Sadies hat er ein weiteres, diese Balance stützendes Album veröffentlicht. "Night And Day" heißt es, und das klingt nicht zufällig wie Schwarz und Weiß. Denn Grautöne im Sinne einer Subtilität sind im Spätwerk des heute 75-jährigen Sängers nicht vorhanden. Es ist ganz einfach. Wer ihm blöd kommt, wird leiden. Natürlich will er das nicht, aber wenn, dann. Vorgetragen wird mit tiefer Stimme, die klingt, als wäre jeder seiner Texte ein Geistermärchen ohne Happy-End.

Seit den 1950er-Jahren ist Williams im Geschäft. In den wilden Pionierzeiten des Rock'n'Roll und des Rhythm'n'Blues veröffentlichte er Songs wie "Bacon Fat" oder "Jail Bait". Diese markierten erste Chartseinträge für den in Detroit aufgewachsenen Tunichtgut. In den 1960er-Jahren war Williams halbwegs dick im Geschäft. Er schrieb Songs für Stevie Wonder, und von ihm stammt "Shake a Tail Feather", ein Feger, den Ike und Tina Turner ebenso im Programm hatten wie später die Blues Brothers.

Als Jake und Elwood Blues in den frühen 1980ern über die Kinoleinwände der Welt flimmerten, war Williams in Chicago drogenkrank und immer wieder obdachlos. Damals predigten die Rock'n'Roll-Archäologen The Cramps neben anderen schrägen Vögeln auch Andre Williams und dessen lustfreundliches Frühwerk.

Erst in den 1990ern konnte er erneut im Musikbusiness Fuß fassen. Zwar waren seine Zeitgenossen weitgehend aus dem Geschäft oder nahmen das Telefon nicht ab, er jedoch erfreute sich plötzlich des Interesses einer neuen Generation, die den Geschichten von früher gerne lauschte. Und sie begleiteten diese mit mehr oder weniger zünftigem Blues-Punk.

Die Sadies zählen zu den Getreuen des grimmigen alten Mannes mit dem warmen Lachen. Auf "Day and Night" begleiten sie ihn so scharf wie schon lange nicht. Während Williams singt, als würde er an der Bar über einem Jack sitzen und bei einer Mutter reinbraten, gerät die Band hinter ihm in kontrollierte Ekstase.

Etwa in "One-Eyed Jake". Eine dieser spitzenmäßigen Räuberpistolen, die so angestochen daherkommen wie Sechzigerjahre-Agentenserien-Soundtracks; gepaart mit einer Fidel, die dem Countryboy Williams schmeichelt, der aus einem Kaff in Alabama stammt. Des weiteren meditiert er über das Leben als Schwarzer in Amerika, wozu er von ein paar leicht beschürzten Damen "A Change Is Gonna Come" von Sam Cooke singen lässt.

Da fließt der Humor eines alten Lumpi mit ein, der Williams zu jenem Hausheiligen macht, zu dem etwa die australischen Beasts of Bourbon demütig ihr Glas erheben. "I could shoot somebody in five minutes and go to jail for twenty years - that ain't right." Ein schwarzer Johnny Cash - ohne die Bürde der Würde. (Karl Fluch, Rondo, DER STANDARD, 6.7.2012)

Andre Williams: "Day and Night" (Yep Roc / Trost)

Share if you care