Warnung vor sinnlosen Medizin-Aktivitäten

24. Juli 2012, 13:28
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Zuhören, Nachdenken, Abwarten, Stützen des Patienten und das Vermeiden von Schäden als wichtige Aufgabe der Allgemeinmedizin

Wien - Die moderne Medizin-Praxis scheint zunehmend im "Emergency Room"-Szenario häufig nutzloser oder gar schädlicher High-Tech-Aktivitäten zu verkommen. Dementsprechend deutlich fiel am 5. Juli die Warnung der britischen Allgemeinmedizinerin Iona Heath (London) beim Europäischen Hausärztekongress (WONCA Europe 2012) im ersten Plenarvortrag aus: "Wir sind im Zeitalter des Tuns ohne vorheriges Denken angelangt." Dagegen seien bedachtvolles Vorgehen, Respekt vor dem Patienten und das Vermeiden von Schäden die vorrangige Aufgabe der Allgemein- und Familienmedizin.

Iona Heath zitierte den Philosophen Karl Jaspers als Gegenpol der Hektik des modernen Medizin-Getriebes: "Unser Interesse liegt dauernd darin, wie etwas zu tun ist. Selbst wenn es nichts zu tun gibt." Das ständig schnelle Aufrufen aller für einen Patienten möglicherweise vorhandenen diagnostischen und therapeutischen Mitteln sei oft unnötig, extrem kostspielig und verursache Schaden.

"Es geht um Zuhören, Nachdenken, Abwarten"

Die Allgemeinmedizinerin mit 35 Jahren Praxis-Erfahrung in London: "Es geht um Zuhören, Nachdenken, Abwarten, das Stützen des Patienten und das Vermeiden von Schäden. Analysieren wir und diagnostizieren wir nicht vorschnell! Braucht dieser Patient wirklich alle diagnostischen Mittel? Warten wir ab. Wir fallen allzuleicht in die Falle von Überdiagnostik und Übertherapie. Beobachten wir und stehen wir hinter dem Patienten! Wir müssen Zeugnis für den Kranken ablegen und den Politikern darlegen, was ihre Handlungen für den einzelnen Menschen bedeuten!"

Freilich, in der allgemeinmedizinischen Praxis geht es auch darum, nicht alle Wünsche von Patienten zu erfüllen, wenn diese vorschnell auf invasive und kostspielige High-Tech-Diagnostik wegen simpler Beschwerden oder auf Behandlung um jeden Preis und jeden Aufwand setzen wollen. Iona Heath: "Eine erste wissenschaftliche Untersuchung auf diesem Gebiet hat gezeigt, dass die Maximierung der Patientenzufriedenheit vermehrten Aufwand, mehr Medikamente und eine erhöhte Mortalität bedeutet."

Zu viel an medizinischen Interventionen

Im Grunde beginnen offenbar bereits die Allgemeinmediziner in den hoch entwickelten Staaten selbst kritisch zu werden. Die britische Expertin: "In einer Umfrage unter US-Allgemeinmedizinern erklärte die Hälfte, sie glaubten, dass ihre eigenen Patienten zu viel an medizinischen Interventionen bekämen."

Die Sache sei allerdings nicht allein Medizin-verursacht. Iona Heath: "Die Honorar- und Bezahlungssysteme für Ärzte, das Streben nach rechtlicher Absicherung und die Hektik bilden den Druck, nach dem ständig gehandelt werden muss. (...) Doch 'Nichtstun' bedeutet nicht, nur ein steriler Betrachter zu sein. 'Nichtstun' in dieser Hinsicht muss aktiv sein." Das Notwendige, das Vertretbare und jene Mittel, die bei größtem Nutzen den geringsten Schaden anrichten (können) wären die Zielvorgaben. (APA, 5.7.2012)

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