"Sparguthaben werden stark entwertet"

Interview | Johanna Ruzicka
4. Juli 2012, 18:56

Eine Sanierung der "Südstaaten" gehe nur mit höherer Inflation im Norden. Viel politischer Sprengstoff, meint der deutsche Ex-Notenbanker Thilo Sarrazin

STANDARD: Was sagen Sie zum Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM, der als permanenter Rettungsschirm konzipiert ist?

Thilo Sarrazin: Ich sage seit Beginn der Rettungspolitik, dass der Bruch des "Not Bail Out" (also Nichtbeistands-Klausel in Schuldenfragen, Anm.) ein schwerer Fehler ist. Deshalb war ich auch immer gegen solche Einrichtungen und bin natürlich gegen den ESM. Denn es wird nicht dabei bleiben, schon gar nicht, wenn der ESM als permanente Institution installiert wird. Das ist eine Quelle der gemeinsamen Schuldenfinanzierung.

STANDARD: Wie beurteilen Sie das, was beim Rettungsgipfel letzte Woche herausgekommen ist, insbesondere die Treffen von Italiens Regierungschef Mario Monti mit Angela Merkel?

Sarrazin: Die Politik von Frau Merkel besteht darin, richtige Prinzipien verbal zu vertreten und dann bei jedem Rettungsgipfel von diesen Prinzipien ein Stück weit abzugehen. Etwas Geld herzugeben und der Gegenseite dafür neue Versprechungen abzunehmen. Ich vergleiche das damit, wie von einer Stange Salami immer eine neue Scheibe abgeschnitten wird, sodass die Salami immer kürzer wird. Die Scheibe, die diesmal abgeschnitten wurde, war besonders dick. Wenn es nicht tragisch wäre, wäre es komisch. Aber der ESM war noch gar nicht als Gesetz in Kraft, und schon wurde sein Inhalt in eine andere Richtung gedreht. Erstens wird man aus dem ESM Gelder an Banken zahlen können, und zweitens soll die Konditionalität aufgehoben werden. Das heißt, es sollen Gelder auch dann fließen, wenn keine Troika in die Schuldnerländer kontrollieren kommt. Das hat Monti durchgesetzt. Der ESM wurde, bevor er noch eingerichtet war, zu einer zentralen Garantie- und Finanzierungsquelle, deren Konditionen Beliebigkeit unterliegen.

STANDARD: Schon jetzt spricht man davon, dass Deutschland unter Finanzstress steht. Was meint der kleine Sparer in Deutschland?

Sarrazin: Nun, die kleinen Sparen können die Sache gar nicht beurteilen, und sie wissen im Großen und Ganzen auch nicht, was ihnen geschieht. Die internationalen Volkswirte sind sich darin einig, dass die Strukturkluft innerhalb der Währungsunion nur dann aufgehoben werden kann, wenn die Inflation in den Nordstaaten einige Zeit lang höher ist als die in den Südstaaten. Das bedeutet, dass die Inflation in den Südstaaten niemals unter zwei Prozent sein wird, denn sonst wären sie keine Südstaaten. In den Nordstaaten werden wir in einem Zeitraum von fünf bis acht Jahren weitaus höhere Inflationsraten haben als bisher - in der Größenordnung von sechs Prozent. Das heißt nichts anderes, als dass die Sparguthaben in Deutschland und Österreich in den nächsten 10 Jahren um 40 bis 50 Prozent entwertet werden. Das ist der Preis, den Deutschland und Österreich für die Erhaltung der gemeinsamen Währung zahlen.

STANDARD: Das ist Angstmache.

Sarrazin: Das ist keine Angstmache. Ich habe mich mit dieser Aussage nur gezielt auf die Argumentation der Politiker begeben, die dafür sind, die gemeinsame Währungsunion zu retten. Dies bedeutet aber auch, dass die Sparguthaben stark entwertet werden.

STANDARD: Welche Auswege sehen Sie noch?

Sarrazin: Meine Lösung ist: Wir kehren zurück zu den Prinzipien der Währungsunion, wie sie mal vereinbart worden sind, und dann können die Länder, die keine Politik machen, die dazu passt, sich auch dafür entscheiden, die gemeinsame Währung zu verlassen.

STANDARD: Sind Euro und die Europäische Union die Friedensprojekte, als die sie gern hingestellt werden?

Sarrazin: Die Europäische Wirtschaftsunion, EWG, die Europäische Gemeinschaft ist prinzipiell eine große Erfolgsgeschichte, weil ein großer Markt mit den gemeinsamen Wettbewerbsregeln schon etwas Gutes ist. Eine gemeinsame Währung ist für dieses Ziel nicht notwendig. Das hat die Zeit bis 1999 gezeigt. Im Gegenteil, eine gemeinsame Währung ist schädlich, wenn nicht in allen Ländern ähnliche Mentalitäten und Wettbewerbsbedingungen herrschen. Das hat die Geschichte gezeigt. Der Friede war ausreichend gesichert auch vor der Währungsunion. Er ist durch die Währungsunion nicht verstärkt worden, im Gegenteil. Abneigung und Missverständnisse zwischen den Völkern nehmen durch die Spannungen zu. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 5.7.2012)

Thilo Sarrazin, Ex-Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, sorgte mit seinen Büchern "Deutschland schafft sich ab" und jetzt "Europa braucht den Euro nicht" für kontroversielle Diskussionen in Deutschland. Ein Ausschlussverfahren, das seine Partei, die SPD, wegen seiner Thesen zu Sozial- und Bevölkerungspolitik im ersten Buch gegen den 67-jährigen Volkswirt anstrengte, gelang nicht.

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Der Triumph des Vulgärrationalismus

"Mut ist in den öffentlichen Debatten zu einer Kategorie geworden, die das Gegenteil besagt. Wer die Ressentiments ausspricht, die ohnehin von den meisten gehegt werden, wer gegen Migranten, Hartz-IV-Empfänger, Flüchtlinge, ... Roma, ... den Islam,... die Griechen und ... gegen das europäische Projekt polemisiert, wer Pauschalurteile scheinbar empirisch mit zurechtfrisierten Statistiken belegt...und ganze Bevölkerungsgruppen zur Bedrohung erklärt, der hat... beste Aussichten, von ... Medienkonzernen... vermarktet und... vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk prominent ins Bild gerückt zu werden. ...Aber was ist daran mutig, etwas zu schreiben, wofür einem Geld, Ruhm und millionenfache Zustimmung sicher sind?" (Navid Kermani)

Das Tragische ist, dass der falsche Mann teilweise die richtigen Sachen sagt. Es stimmt nämlich vollkommen, dass die unterschiedlichen Inflationen in Europa das Problem sind.

Flassbeck (deutscher Ökonom) schlägt ja deshalb vor, dass die Löhne in den Ländern unterschiedlich steigen müssen (im Norden mehr im Süden weniger, und das über einen langen Zeitraum), wenn man den Euro retten möchte.

Sarazzin schlägt den Ausstieg der schwächeren Länder aus dem Euro vor, was natürlich auch eine Lösung sein kann, aber das Problem beinhaltet, dass es ein Rückschritt in der Integration wäre und unabsehbare Verwerfungen nach sich ziehen kann.

Flassbeck

Heiner Flassbeck ausführlich zu diesem Thema
http://www.youtube.com/playlist?... C635CBA250

Er hat wie immer nichts verstanden. Es stimmt zwar, dass die Inflation von etwa Deutschland und Österreich jetzt ordentlich steigen muss, während die Inflation in GR, I, S.. sinken muss um die Ungleichgewichte im Euroraum zu beheben.
Das das zu einer so viel höheren Entwertung der Sparguthaben in D, Ö führt ist ein Blödsinn, weil diese Sparguthaben ja an die Gesamtinflation der Eurozone gebunden sind und nicht an die jeweilige nationale Inflation.
Was er natürlich nicht sagt ist, dass eine höhere Inflation in D und Ö einfach bedeutet, dass bei uns die Löhne steigen müssen.
Das Ziel sind möglichst gleiche Lohnstückkosten im gesamten Euroraum.

Es schaut aber ohnehin nicht so aus, als würde dieser Weg eingeschlagen.

Haben Sie was verstanden? Nein.

Nicht dass ich Sarazzin in allen Punkten Recht gebe.

Aber:
1) Seit wann zählt denn die Gesamtinflation in Euroland für die Sparbuch-Verzinsung? Nie und nimmer..
2) Die Sparguthaben werden so und anders entwertet: Und zwar schon mal allein deshalb, weil die tatsächliche Inflation eine viel höhere ist als die offiziell im Index ausgewiesene. Gehen Sie mal ins Geschäft einkaufen und vergleichen Sie mit dem Einkauf vor 5 oder 7 Jahren.
3) Die Löhne müssen deshalb noch lange nicht steigen. Die passen sich in erster Linie an die Konjunktur und an das jeweilige Wirtschaftswachstum im Land an. Speziell nach den Exportchancen (wobei hier der "wahre" Export zählt; nicht der Scheinexport..)
4) Gleiche Lohnstückkosten bleiben reines Wunschdenken

Tut mir leid, das stimmt einfach nicht was Sie schreiben.
1) Niemand redet hier von Verzinsung
2) Der Warenkorb ist teileise überhaupt nicht aussagekräftig, das stimmt.
3) Die Löhne müssen aber steigen in D, weil sie es in den Jahren seit der Gründung des Euroraumes nicht getan haben. Daher muss es jetzt Lohnsteigerungen geben die über dem Produktivitätswachstum liegen. Das wird dann zu einer höheren Inflation führen.
4) Ohne gleiche Lohnstückkosten wird es einfach nciht funktionieren.

ad 3) Warum "Muss" - ich kann keine Begründung für ein Muss erkennen - und man kann es in beide Richtungen argumentieren.

Um die Eurozone und damit die EU zu retten muss das sein. Die Alternative, also das Lösen des Problems nur durch innere Abwertung der in Schwierigkeiten geratenen Ländern kann und wird nciht funktionieren.
Das würde in einer gewaltigen Rezession enden.

ok - Das ist als Muss im Sinne von "notwendig", und nicht als Muss im Sinne von "kommt unvermeidbar" zu verstehen - alles klar.

Dieser ESM

ist lediglich ein Detail in einer längst stattfindenden riesigen Umverteilungs-Geschichte.
Erinnert mich an Kommunismus.

Wo er recht hat,hat er recht.

Ernstgemeinte frage

Meine Eltern haben einen Kredit aufgenommen, Dauer-20 Jahre. Soll mich die Inflation freuen oder soll ich weinen. Die Frage ist ernst gemeint.

hängt davon ab, was sie mit dem geld gemacht haben

Durch die Steuerprogression werden deine Eltern sehr wahrscheinlich netto unter der Inflationsrate dazuverdienen. Das heisst, prozentuell betrachtet müssen sie einen höheren Teil ihres monatlichen Einkommens für die Tilgung aufwenden.

Keines von Beiden - ist ja Sache ihrer Eltern. ;-)

Die Sparquote hat sich in Österreich in 2011 stark reduziert - die Menschen spüren, dass ESM & Co hier Sparguthaben stark entwerten - und haben reagiert.

Interessant dass die so eine starke Wirkung in die Vergangenheit haben.

Na, da vergisst der Herr Sarrazin aber auch zu erwähnen, dass gemeinsam mit der höheren Inflation auch die Löhne steigen werden (müssen). Das dämpft dann diesen Effekt aber auch wieder und der sogenannte kleine Mann profitiert dann auch wieder. Aber das verschweigt man dann halt, denn die Inflation entsteht ja nicht aus dem Nichts.

du scheinst wohl zu übersehn...

...dass das sparguthaben nix mit den löhnen zu tun hat?! es geht darum, dass sparer, die etwas auf die seite legen (aber zuwenig, um sich davon ein haus etc. zu kaufen) hier die arschkarte haben

Der Lohnanstieg hat noch nie eine verstärkte

Inflation abgegolten, schon gar nicht wenn die Inflation nicht realwirtschaftsgetrieben ist, sondern durch das billige Geld verursacht wird. Wir lassen uns auf ein Experiment ein, bei dem der Norden genauso am Boden sein wird wie der Süden...........Der Süden hat es in 300J nicht geschafft sich wirtschaftlich zu entwicklen, also wird er es umso weniger jetzt schaffen, wo die Globaliserung Europa an die Wand fahren wird. Eine junge hungrige Bevölkerung in Asien - die 70h/W arbeitet - wird den Aufschwung eher schaffen, als abgewrackte Südeuropäer. Finis Europae

der süden muss seinen "sozialen krebs" besiegen, was das ist erklärt jose rizal, und wie es zum wirtschaftsversagen führt.

das ist gut und richtig, reicht aber nicht für die pensionisten und arbeitslosen mit erspartem.

ein alarmsignal genau für den normalverbraucher ist das "land grabbing".
grundbesitz ist ein weg um inflation zu überleben.
man muss aber unternehnerisch genug sein, den grund wirtschaftlich zu nutzen, ob miete, pacht, bewirtschaftung, alles..
hypothek ist keine physische nutzung.

Und was wäre die Lösung die Sparguthaben zu retten ?
Die Hälfte in USD ?

Der Dollar ist nie die Lösung, sondern immer das Problem!

:-D

1. Eigene Zinsbelastung reduzieren (Eigenheim)
2. Notgroschen in Franken z.b. bei der postfinance.ch
3. Notgroschen in Gold (2 Diners Münzen)
4. Rest sinnvoll ausgeben (Langlebige Güter die man braucht)
5. Nutzgrund kaufen und verwerten (Biogemüse etc.)

Auf keinen Fall in den Dollar gehen! - Der entwertet stärker als Zinsen - Inflation am Sparbuch.

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