Der Wind als Hund

Dass der Wind noch selten etwas Gutes gebracht hat, können Gärtner aus ganzer Seele bestätigen - Gregor Fauma über den Feind der zarten Blüte

Zu den schönsten Gartenpflanzen gehören die Einjährigen. Die leben nicht lange und können daher die gesamte Kraft in die lockenden Eigenschaften ihrer Blüten investieren. Farben, Größe und Duft sind jene Parameter, in denen sie den Mehrjährigen oft aus Gärtnersicht überlegen sind. Um die Pracht zum Zweck der Fortpflanzung entwickeln zu können, sparen die Einjährigen woanders. Sie verzichten ganz gerne auf das Holz und belassen ihre Stängel weich und biegsam. Verholzende Pflanzen können überwintern, müssen dafür aber recht viel Energie in die Verholzung stecken. Diese Energie haben die Nichtverholzenden für Blüten und Blumen übrig.

Vom Winde verweht

Und jetzt kommt der Wind ins Spiel. Er testet die Einjährigen, ob sie geschmeidig und biegsam genug sind, um seiner Kraft nachzugeben, statt sich gegen diese zu stellen. Der Wind, so weiß der Gärtner, der Wind ist ein Hund. Endlich blüht der Garten den Vorstellungen entsprechend. So auch eine der entzückendsten Rosen dieser Welt, die "New Dawn". Eine schnellwüchsige Kletterrose, die eine Blüte nach der anderen rausschleudert und den Betrachter mit zart zitronig-vanilligem Duft verwöhnt. Sie hat nur eine Schwäche: Die Blütenblätter sitzen nicht gerade über Gebühr an der Blüte fest. Ein bisserl ein Wind, und schon schneit es weiß-rosa Blütenblätter durch den Garten, und Tränen der Gärtner folgen.

Stetiger Wind kann einen schönen Garten ziemlich herrichten. Es vergeht kein Tag, an dem der geneigte Gärtner nicht ein Bambussteckerl in die Erde rammt, um die windverbogenen Nachtkerzen wieder aufzurichten. Es vergeht kein Tag, an dem die geneigte Gärtnerin nicht metallene Stützbögen auf Lee in die Beete steckt, um der Indianernessel-Rabatte wieder vertikale Orientierung zu verpassen. Und es vergeht kein Tag, an dem die Wasserschläuche die windgetrockneten Kübel und Südbeete nicht unter Wasser setzen, um der Evaporation entgegenzuwirken.

Wenn der Pflanze die Luft wegbleibt

Der Wind, der ist ein Hund, und diese Antwort reicht den Kindern aber trotzdem nicht, wenn sie fragen, wie er entsteht und woher er kommt. Wenn man den G'schrappen dann sagt, dass der Wind eine maximale Entropie anstrebt, so geben sie dann Ruhe und ergänzen, dass dies, gemäß dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik wohl so ist, aber seine Herkunft noch nicht erklärt. So muss als Folgeantwort Irland herhalten. Oder auch die Tatsache, dass Wind durch unterschiedlichen Luftdruck unterschiedlicher Luftmassen entsteht, wenn diese quasi einen Druckausgleich suchen. Streicht nun ein warmer Juniwind über Blattoberflächen, so verdunstet er dort kleine Wassermengen. Diese Wassermengen geben die Blätter über ihre Spaltöffnungen her. Über die Spaltöffnungen wird aber auch das von uns ausgeatmete Kohlendioxid eingeatmet.

Wenn das arme Pflanz also nicht verdunsten und ergo die Spaltöffnungen schließen möchte, so bleibt ihr sprichwörtlich die Luft weg. Es ist so, als ob man beim Aufguss in der Sauna das Atmen einstellen müsste. Und, pardautz, es gibt Pflanzen, die können das. Die verschieben das Atmen in die kühle Nacht, schließen bei Hitze und Wind die Spaltöffnungen und sparen so das wenige Wasser, das ihnen zur Verfügung steht. Mittagsblumen, Fetthennen und Portulak sind solche Vertreter, die man getrost Crassulaceen nennen darf. Doch was hilft das den anderen? Sie leiden gemeinsam mit ihren Gärtnerinnen und Gärtnern unter dem starken Wind, der, seien wir einig, noch selten etwas Gutes gebracht hat. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 6.7.2012)

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