Freyung 4: Das Treiben im Bunten

Severin Corti
6. Juli 2012, 17:18
  • Nicht nur eine, sondern gleich zwei farbenfröhliche Terrassen bietet das neue Freyung 4 im Hof des Palais Kinsky.
    foto: gerhard wasserbauer

    Nicht nur eine, sondern gleich zwei farbenfröhliche Terrassen bietet das neue Freyung 4 im Hof des Palais Kinsky.

  • Wenn einem das Wasser im Mund zusammen läuft: Seesaibling mit Karfiolpüree.
Beide Fotos stammen von: Gerhard Wasserbauer
    foto: gerhard wasserbauer

    Wenn einem das Wasser im Mund zusammen läuft: Seesaibling mit Karfiolpüree.

    Beide Fotos stammen von: Gerhard Wasserbauer

Das Restaurant im Wiener Innenstadtpalais Kinsky wurde zur bunten Bühne für schöne Menschen und andere Poseure - Die Speisen dürfen etwas im Hintergrund bleiben

Das Palais Kinsky auf der Freyung hat einen herrschaftlichen Innenhof. Weil oben nur Büros und Geschäftsräume sind, bietet er sich in Sommernächten als idealer Rückzugsort für jene an, denen die behördliche Gastgarten-Sperrstunde stets dann eingeläutet wird, wenn es endlich anfangen könnte, ein bisserl lustig zu sein.

Das will Christian Wukonigg, der das soeben eröffnete "Freyung 4" mit Daniela Knor und Stefan Svoboda betreibt, auch explizit so verstanden wissen. Die weitläufige Terrasse, auf grellbuntem Waschbeton und mit ebenso gepolsterten Bänken versehen, ist dementsprechend als Herzstück des Lokals gestaltet. Bis ein Uhr früh kann hier ganz nonchalant gescherzt, geblödelt und geflirtet werden, ohne dass sich jene Mitmenschen gestört fühlen, die ungemütlich hart an ihrer Nachtruhe arbeiten müssen.

Schillernde Hülle...

Aber auch tagsüber darf das mondäne Publikum ganz unter sich sein. Schon in den ersten Tagen schien sich nämlich festzumachen, dass dies ein besonders geeigneter Ort ist, um das federnde Tänzeln des Schritts, die Akkuratesse der Bügelfalte, den Sitz der Gelfrisur (für Bedürftige: Nobelfriseuse ist im Haus) - kurz, die ganze ausgesuchte Sicherheit des eigenen, gemeinsamen Stils - unter seinesgleichen vorzuführen. Selbstredend behandelt der gut aufgestellte Service aber auch solche Gäste zuvorkommend, denen die Gnade der schillernden Aufmachung nicht in dieser Fülle zuteil wurde.

Die Speisekarte darf sich dagegen zurücknehmen - allzu ausgeklügelte Kreationen würden Gefahr laufen, vom Wesentlichen abzulenken. Es gibt vorhersehbare Klassiker, die nicht nur Wiener Schnitzel oder gekochtes Rindfleisch umfassen, sondern auch unerschütterliche Grundpfeiler der Szeneküchen zwischen Wien und Gigritzpotschen: Beef Tartare, eh klar, oder geschmorte Rindswangerln mit Erdäpfelpüree. Es gibt aber auch sehr hübsch marinierte Salate, mit Ente und Mango oder Wildkräutern und Scampi - wobei sich, uijegerl, Letztere auf dem Teller nur als Garnelen erweisen. Immerhin: Die Kräuter sind frisch und von widerspenstiger Bissfestigkeit, die Wildwuchs vermuten lässt.

...dezent-delikate Fülle

Seesaibling kommt hingegen brav pochiert auf Karfiolpüree mit "Pumpernickelcrunch" zu Tisch - nur knusprig ist der nicht. Ohne entsprechenden Texturkontrast erinnert so ein Gericht aber schnell einmal an Spitalsverpflegung, wenn auch aus der Wellnessklinik. Risotto, nachsaisonal mit Spargel, wird als Verwandter des Milchreises interpretiert. Doch danach kräht kein Gockel mehr, wenn nur die Abende weiter so lau bleiben, wie sie das in diesem Sommer sein dürfen. Und der Wein so gut gekühlt und das Bier so prompt gezapft, wie das auf der Freyung Nummer vier ab nun zum guten Ton gehört. (Severin Corti, Rondo, DER STANDARD, 6.7.2012)

Bar Restaurant Terrasse Freyung 4
1010 Wien
Tel.: 01/535 34 35
Küche Mo-Sa 8-23.30 h (Frühstück bis 11)
VS € 3,90-11,60
HS € 11,80-18,20

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11 Postings

Sehr nett geschrieben, da hat sich jemand wirklich Mühe gegeben. Hab ich gern gelesen.

schau schau, der corti gefällt sich immer mehr mit der subtil-spitzen feder in der hand, sich langsam herantastend an die hohe kunst, zwischen den zeilen zu verreißen.

Essen OK, aber im Engländer schmeckts besser.

ich habe es getestet und kann berichten: einrichtung, ausstattung, ablaufwege alles

fein, sauber, ordentlich gemacht. das einige was nicht erneuert wurde sind die böden. das ist auch schon das einzig positive. der rest: wieder einmal schwaches personal, arrogante attitüde, kein geschäftsführer der ordentlich die geschicke führt, kellner streiten untereinander. die speisen viel zu teuer für wien, die karte wird sich nicht durchsetzen. die klientel unlocker; gibt auch kaum geld aus. profit oder gar return of investment geht sich da in 100 jahren nicht aus; leider!

Sie wollen anhand eines einzigen Besuchs

Kunden, Frequenz und Auslastung allgemein sowie Rentabilität, Margen und return ON investment beurteilen und von diesem kurzen Einblick eine derart kühne Projektion in die zukunft machen ?

Wer sind Sie denn?

ich spüre, rieche, fühle; habe nur in die glaskugel geschaut;

freilich kann ich mich täuschen - reden wir demnächst weiter. aber trotzdem werden sie dort glück brauchen. feng shui hin oder her!

ich habe das gefühl, herr corti hat in letzter zeit ein bisschen einen grant auf reiche ... ;)

spaß beiseite: ich war letztens dort und was in diesem artikel über das publikum steht, hat schon einen wahren kern, aber das essen war wirklich sehr in ordnung.

Seh ich anders

In seinem Beruf hat der mit diesen Anpumperern wohl zuviel zu tun. Immerhin einer, dem das auf die Nerven geht.
Alle anderen des Metiers, die ich je gekannt habe, waren unheimlich stolz darauf, irgendwie pseudo-dazuzugehören.

Sind das eigentlich die alten Stallungen mit ihren Pferdekobeln, die dann diverse Restaurants geworden sind? Das war nämlich einmal ein sehr cooler Friseursalon, bevor sie von Immobilienentwicklern rausgeekelt wurden.

klingt schon alles nach flopp. terrasse schaut auch danach aus. trotzdem

der mittagstisch samt preisen hat was; ob das reicht wird gesehen werden. ich schau es mir demnächst an.

ja, ich werd da nächste woche mal mittags hinschauen und mir selbst ein bild machen. preislich ists ja sehr in ordnung würd ich sagen.

Danke für die Bügelfalte.

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