Wie die Jugend so spielt

Chloë Grace Moretz ist 15 - Seitdem sie mit Regisseuren wie Martin Scorsese und Tim Burton gedreht hat, gilt sie in Hollywood als einer der wichtigsten Jungstars

Zehn Interviews gibt sie heute Nachmittag, 15 Minuten werden jedem Journalisten zugestanden, dann verabschiedet sich Chloë Grace Moretz mit einem Kopfnicken. "It was very nice to meet you", murmelt sie und widmet sich ihrem Handy. Souverän hat sie in der vergangenen Viertelstunde Frage um Frage beantwortet, nur einmal stockt sie, als man wissen möchte, ob es Kinder in Hollywood leichter haben als Erwachsene.

Chloë Grace Moretz ist 15 und schon so etwas wie ein Superstar. Seit zehn Jahren steht sie vor der Kamera, doch erst seit sie mit 13 ihrem Film-Daddy Nicolas Cage in der Comicverfilmung Kick-Ass die Show gestohlen hat, ist sie auch einem breiteren Publikum bekannt. Seitdem drehte sie mit Martin Scorsese (Hugo) und Tim Burton (Dark Shadows). Und bald wird sie die Nachfolgerin von Sissy Spacek im Remake von Stephen Kings Carrie geben. "Das ist die größte Herausforderung meiner bisherigen Karriere", sagt sie und richtet sich dann auf dem weichen Sofa noch gerader auf, als sie eh schon sitzt, "ich muss in Bewusstseinszustände vordringen, die dunkel sind und die ich noch nicht kennengelernt habe. Bisher gab es keinen Grund, das zu tun."

"Ich liebe Highheels"

Moretz redet schnell, sehr schnell, manchmal verhaspelt sie sich, aber das ist auch schon einer der wenigen Punkte, die man ihrem Alter zuschreiben möchte. Seitlich von ihr sitzen ihre Managerin und ihr älterer Bruder Trevor, der selbst Schauspieler ist, aber sich mittlerweile um die Karriere seiner Schwester kümmert, seitdem jene so steil nach oben geht. Nur einmal mischt er sich ins Gespräch ein, als Chloë erklärt, bereits seit drei Jahren Stöckelschuhe zu tragen. "Seit zwei Jahren", korrigiert ihr Bruder, davor habe es Mutter nicht erlaubt.

"Ich liebe Highheels", sagt Moretz dann, "ich kann darin ganz wunderbar gehen." Beim Cocktailempfang am selben Abend stellt sie das eindrücklich unter Beweis. Auch andere Kinderstars sind auf der Terrasse des Sunset Tower Hotels in West Hollywood mit dabei, Kiernan Shipka etwa, die in Mad Men Sally, die älteste Tochter von Don Draper spielt. Ungewöhnlich findet das hier niemand. Kinder- und Teeniestars gehören in Hollywood schlichtweg zum Geschäft. Von Jodie Foster über Natalie Portman bis zu Dakota Fanning reicht die lange Liste der Hollywood-Actricen, die bereits in jungen Jahren ihre Karriere begonnen haben. Auch junge Zuschauer wollen auf der Leinwand schließlich Identifikationsfiguren - kein Familienfilm, der ohne sie auskommt. Zudem werden Kinder und Jugendliche als Konsumgruppe immer interessanter. Auch in der Mode.

Covergirl der Teen Vogue

Im Dezember erst war Moretz das Covergirl der in den USA bei jungen Konsumentinnen äußerst einflussreichen Teen Vogue, bei den alljährlich im Juni vergebenen Women in Film, Crystal & Lucy Awards bekam sie heuer den Max Mara Face of the Future Award verliehen. Alljährlich vergibt ihn das Modeunternehmen aus Reggio Emilia an eine Schauspielerin, die an einem Wendepunkt in ihrer Karriere steht. Als die Organisatoren des Preises in diesem Jahr Moretz für den Preis vorschlugen, erzählt Nicola Gerber Maramotti, die deutsche Schwiegertochter von Markengründer Achille Maramotti, war sie sofort begeistert. Und das, obwohl Max Mara nicht unbedingt eine Modemarke für Teenies ist.

"Darum geht es aber auch nicht", sagt Maramotti. Für die zurückhaltende italienische Modefirma (Umsatz mehr als 1,2 Milliarden Euro) ist das Engagement in Hollywood eine der wenigen Celebrity-Aktivitäten, die sie sich leistet: "Wir unterstützen damit Schauspielerinnen, die großes Potenzial haben, wir selbst profitieren wiederum von ihrem Einsatz für die Modemarke." Bei den Mailänder Modeschauen im Februar saß Moretz in der ersten Reihe, Giampaolo Sgura lichtete sie anschließend in Max Mara ab. Ein Testimonial sei Moretz aber nicht: "Wir haben keine."

Damit steht die im Familienbesitz sich befindende Modefirma ziemlich allein da. Kaum ein Label, das keine Celebritys ausstattet oder sie gleich unter Vertrag hat. Auf dem Interviewsofa, beim Cocktail und bei der Gala am nächsten Abend ist Chloë Grace Moretz dann aber selbstverständlich in Max Mara gekleidet. "Mode ist eine beinahe künstlerische Ausdrucksweise", ist sie überzeugt, "ich verwandle mich in jemand anderen, selbst die Körpersprache ist eine andere. Deswegen mag ich es, damit zu experimentieren."

Britischer Akzent

Während des Interviews zeigt sie, wie das geht: In dem Kleid, das sie an diesem Nachmittag trägt, könnte sie auch Mitte zwanzig sein. "Viele glauben, Kinder würden nicht spielen", sagt sie, "aber das ist nicht wahr." Die in Georgia geborene Moretz (die Mutter arbeitet ebenfalls am Projekt Chloë, der Vater ist Schönheitschirurg) hat zwar nie eine Schauspielschule besucht, dafür wurde sie von ihrem Bruder unterrichtet. "Er hat mich schon gecoacht, als er 15 und ich fünf war. Er hat mir etwa britisches Englisch beigebracht."

Mit ihrem Akzent führte sie sogar Martin Scorsese hinters Licht, der für sein im Paris der 1930er-Jahre spielendes Hugo-Epos ein Mädchen mit britischem Akzent suchte. Die Rolle der Waise Isabel, die Moretz in dem 3-D-Film spielte, ist dabei so gar nicht das, wofür Moretz eigentlich bekannt ist. Es sind Vampir-, Zombie, Horrorfilme oder Actionstreifen, in denen sie vorzugsweise besetzt wird. Vielleicht weil sie so wunderbar unschuldig dreinschauen kann. "Ich weiß es selbst nicht", sagt sie, "all diese Filme sind doch sehr unterschiedlich, aber es stimmt schon, ich drehe keine Komödien."

Coming-of-Age-Story

Auch der Streifen, auf den sie sich gerade vorbereitet, fällt da nicht aus dem Rahmen: "Carrie ist dieses großartige Mädchen, das eine eigene Stimme haben will, die erwachsen werden will. Es ist eine Coming-of-Age-Story eines Mädchens, das von allen gehindert wird, sie selbst zu sein." Regie des Remakes von Brian de Palmas Horrorklassiker führt Kimberley Peirce, Julianne Moore wird Moretz' Mutter spielen. Carrie sei ihre erste "erwachsene Rolle", sagt Moretz, schließlich sei das Mädchen bereits 17. Mit ihr selbst habe die Rolle aber wenig zu tun.

"Ich bevorzuge Rollen, die komplett anders sind als ich, als Chloë habe ich ein Leben, das ziemlich normal ist, und es würde keinen Spaß machen, das auch noch zu spielen." Normal? Das Wort klingt eigenartig aus dem Mund eines 15-jährigen Teeniestars, der bereits mehr als 30 Filme gedreht hat. "Warum?", fragt Moretz, "normal ist doch relativ." Da hat sie auch wieder recht. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 6.7.2012)

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