Chef der Großbank Barclays verteidigt sich

Britische Regierung und Opposition streiten über den besten Weg zur Aufklärung der Affäre, in die gut ein Dutzend globale Geldhäuser verstrickt sind

Im Libor-Manipulationsskandal hat der zurückgetretene Barclays-Vorstandschef Bob Diamond seine Bank verteidigt. Das " tadelnswerte Verhalten" geldgieriger Trader dürfe nicht dauerhaft den Ruf des weltweit tätigen Instituts beschädigen, sagte der Amerikaner vor dem Finanzausschuss des Unterhauses in London. "Die Aufsichtsbehörden haben uns für unsere Kooperation mit ihrer Untersuchung ausdrücklich Lob ausgesprochen."

Vergangene Woche akzeptierte Barclays eine Strafe von 360 Mio. Euro, seither sind die Exmanager Diamond, Jerry del Missier sowie der Aufsichtsratschef Marcus Agius zurückgetreten. Premierminister David Cameron verurteilte das "zwielichtig und wahrscheinlich illegale" Verhalten der Barclays-Angestellten, machte aber die Regierung Gordon Browns für den Skandal mitverantwortlich: "All diese Dinge passierten, während Labour im Amt war."

Feindselige Fragen

Im überfüllten Verhandlungssaal musste sich Diamond am US-Nationalfeiertag teilweise feindselige Fragen gefallen lassen. Der 61-Jährige füllte mehrfach sein Wasserglas nach, fingerte nervös an seiner Brille herum und machte immer wieder einen schlecht vorbereiteten Eindruck. Er selbst habe die Einzelheiten des Skandals erst im vergangenen Monat herausgefunden, kurz vor der Veröffentlichung durch die Finanzaufsicht FSA. Diamond zählt seit langem zu den meistgehassten Akteuren der City of London; seit seiner Zugehörigkeit zum Barclays-Vorstand hat er in sieben Jahren Vergütungen von knapp 150 Mio. Euro erhalten.

Bei der Untersuchung der Aufsichtsbehörden beiderseits des Atlantiks geht es um den täglich neu festgelegten Zinssatz im Handel zwischen großen Banken, den Libor (London interbank offered rate); dieser beeinflusst weltweit Sparverträge, Hypotheken und andere Finanzdeals im Umfang von Hunderten von Billionen Dollar. Zu den Instituten unter Manipulationsverdacht gehören auch Deutsche Bank und Lloyds. Finanzminister George Osborne hat namentlich Royal Bank of Scotland (RBS), HSBC, Citibank sowie die Schweizer UBS erwähnt. Insgesamt liefern bis zu 18 Geldhäuser ihre Daten für den Libor. Unklar ist, ob gegen alle anderen Banken die gleichen Vorwürfe erhoben werden wie gegen Barclays.

Politischer Streit

Der politische Streit in Großbritannien dreht sich um falsche Libor-Angaben zu einem anderen Zweck: In der globalen Finanzkrise nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman-Brothers im September 2008 geriet Barclays ins Gerede, weil die Bank kontinuierlich höhere Zinssätze meldete als die Konkurrenz. Nach einem Gespräch des damaligen BarCap-Chefs Diamond mit BoE-Vize Paul Tucker stürzte Barclays' Zinssatz plötzlich ab. Diamond machte aber darauf aufmerksam, dass just zu jener Zeit sein Institut eine Milliarden-Finanzspritze von arabischen Investoren erhalten habe. Barclays hat aber eingeräumt, dass gleichzeitig am Zinssatz manipuliert worden war. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 5.7.2012)

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