Gestern in Mekka und Medina, heute in Timbuktu

Analyse |

Wenn der "reine" Islam kommt, müssen die lokalen islamischen Kulturen und Traditionen dran glauben. Auch die den Muslimen heiligsten Städte waren einst Opfer der puristischen Zerstörungswut. Die Ansar Dine in Timbuktu fühlen sich als Islamisierer

Wien - "Heute passiert es in Mali, welcher Ort ist als Nächstes dran?", wird die malische Kulturministerin zur Zerstörungswut der radikalen Ansar Dine ("Helfer des Glaubens"), die in Timbuktu das alte islamische Weltkulturerbe auslöschen, zitiert. Den Ansar ist die Unesco - ein Name, den sie wahrscheinlich noch nie gehört haben - und das "Weltkulturerbe", und wie der Westen dazu steht, allerdings egal, hier geht es um die Durchsetzung dessen, was sie für die einzig richtige islamische Ordnung halten. Dazu müssen alle Manifestationen des Volksislam weichen, der - so die Ideologie - den echten Islam durch Idolatrie und Aberglauben verunreinigt hat. Ein Symbol dafür sind von jeher Grabmäler, Mausoleen, sogar Moscheen, die verehrten Menschen gewidmet sind, als eine Abweichung vom strikten Monotheismus. Die Ansar Dine nehmen Timbuktu einfach als "unislamisch" wahr, und sie sind die Islamisierer.

Ganz wie die wahhabitischen Ikhwan ("Brüder", die Beduinenmilizen der Familie Saud), die 1925 in Mekka und Medina (das schon einmal, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Säuberungsziel gewesen war) Tabula rasa machten: In den Städten, in denen der Prophet Muhammed gewirkt hatte, wurde praktisch alles an islamischen Bauten attackiert, was nicht aus der frühislamischen Zeit stammte. Zerstört wurden auch Grabstätten des Propheten, der ersten drei Kalifen und anderer prominenter Muslime.

In der restlichen islamischen Welt rief das damals Bestürzung und Proteste hervor - der theologischen Begründung, dass die Durchsetzung des Monotheismus auf Kosten der traditionellen Kulte eine gute Sache sei, konnte man jedoch auch nicht völlig widersprechen. Ibn Saud, der ein paar Jahre später Saudi-Arabien gründete, versuchte in der Folge auch, die Ikhwan aus der Region Hijaz, wo Mekka und Medina liegen, fernzuhalten und sie überhaupt einzudämmen, denn sie begannen, die ihnen besonders verhassten schiitischen Schreine im Irak zu attackieren und dort britische Interessen zu verletzen. Eine Ikhwan-Revolte war die Folge, die Ibn Saud 1930 erst mit britischer Hilfe niederschlagen konnte.

Ressentiments im Hijaz

Im Hijaz selbst, wo die kosmopolitische osmanisierte Kultur durch die beduinische aus dem Najd im Landesinneren ersetzt wurde, gibt es teilweise bis heute Ressentiments. Auch die neuzeitliche gigantomanische Bautätigkeit in Mekka und Medina wird von Gegnern der Sauds als letzter Schritt der Auslöschung der alten hijazischen Kultur interpretiert.

Das Wahhabitentum beginnt mit einem Akt der Zerstörung, ähnlich jenen, die jetzt in Timbuktu zu sehen sind: Muhammad Ibn Abdulwahhab, geboren etwa 1703 in Uyayna beim heutigen Riad, kehrte 1740 von seinen Studien in Basra zurück und begann seine puristische Lehre zu verbreiten. Er überzeugte den Ortschef davon, dass das Grabmal eines Prophetengefährten, Zaid ibn al-Khattab (ein Bruder des Kalifen Omar), eingeebnet werden müsse, um dessen Verehrung Einhalt zu gebieten.

Dazu setzte er durch, dass die Steinigung von Ehebrechern, von der man abgekommen war, wieder aufgenommen wurde - was einem wichtigen Stammeschef zu viel war, der dafür sorgte, dass Ibn Abdulwahhab den Ort verlassen musste. Er erhielt eine Einladung, im benachbarten Diriyah zu bleiben - von einem gewissen Muhammad Ibn Saud. So begann die Allianz zweier Familien, die bis heute hält. Die Mitglieder der Familie al-Sheikh, die das religiöse Establishment Saudi-Arabiens dominiert, sind Nachkommen von Ibn Abdulwahhab.

Unerlaubte Neuerungen

Der Leitfaden dafür, was erlaubt ist und was nicht, ist recht einfach: Alles, was der Prophet genannt und gekannt hat, ist gut, alles andere ist eine dogmatisch unerlaubte Neuerung ("Bid'a"). Die Wahhabiten konnten dabei auf den Theologen Ibn Taymiya (gestorben 1328) zurückgreifen, der auch ein Referenzgelehrter der Salafiten ist (historisch sind Salafiten und Wahhabiten zwei unterschiedliche Gruppen). Von Ibn Taymiya gibt es Zitate, die die Meinung unterstützen, dass Orte, die durch ihren besonderen Symbolismus - etwa durch ihre Verbindung zum Propheten Muhammad - zur Verehrung einladen, besser neutralisiert werden.

Aus radikaler wahhabitischer Sicht - eben jener Al-Kaidas und ähnlicher Gruppen - sind Schiiten mit ihren Imamen nichts weniger als Polytheisten. Die vielen Attacken auf schiitische Schreine durch Jihadisten im Irak nach 2003 sind genau in diesem Licht zu sehen. Das heißt, der Bombenanschlag auf die Al-Askari-Moschee 2006 in Samarra mit ihrer goldenen Kuppel hat den gleichen Hintergrund wie die heutigen Zerstörungen in Timbuktu.

Islam-Mainstreaming

Die arabische Halbinsel, Irak, Mali sind dramatische Beispiele, ein viel unspektakuläreres Mainstreaming des Islam, die Zerstörung der vielen verschiedenen lokalen islamischen Kulturen, findet seit Jahrzehnten statt. Mit viel Geld - und auch mithilfe von "Gastarbeitern" in Saudi-Arabien, viele davon ägyptische Lehrer, die später wieder in ihre Heimat zurückkehrten - wurde der Wahhabismus ja in der gesamten islamischen Welt verbreitet.

Ein Opfer ist die Tradition der Muslime, die Sufi-Orden nahestehen. Die langsame Zurückdrängung der Sufi-Kultur in Ägypten ist dokumentiert. Und die Revolution beschleunigt den Trend: In den ersten Monaten nach dem Sturz des Mubarak-Regimes wurden im Nildelta viele Sufi-Schreine angegriffen und zerstört - ohne viele Schlagzeilen. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 5.7.2012)

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Da ist die katholische Kirche etwas anders, deren Grundfeste beruhen alle auf Dingen die später dazuerfunden wurden - Papst, Zölibat, usw., alles Fremdworte zu Jesu Zeiten.

ja, so ist es und so war es immer. drum war die amerikanische veröffentlichte einschätzung des terrorismus immer falsch, bis zu dem punkt, wo sie im irak eingriffen. und so soll's einfach weitergehen ... ich glaube im übrigen nicht, dass die ansar dine nicht wüsste, was die unesco ist. ich meine - vielleicht nicht der, der sich dort in die luft sprengt, aber der, der das ziel vorgibt.
na ja. traurig, traurig.

Verehrte Frau Harrer, sehen wir das Islam-Mainstreaming nicht auch in Österreich?

Was unterscheidet Anas Schakfehs Wahabiten von Fuat Sanacs Milli Görüs oder Atib und Bagahajatis Salafisten? Überall derselbe Heilige Koran, das direkte unveränderliche Wort Gottes, das unbedingten Gehorsam verlangt und das vorbildliche Leben des Propheten Mohammed, auch in scheinbar unwichtigen Details überliefert (so die aktuelle IGGiÖ Website)....alles das Vorbilld unserer MuslimInnen in Ö? Und danke, dass man hier etwas Diskussionsfreiheit hat. Aber ich stellte ja nur Fragen und würde mich über Antworten freuen.

auch auf die gefahr hin, daß ich mich wiederhole:

religion ist opium fürs volk.

wer dran glauben mag, soll. aber bitte lasst die öffentlichkeit in ruhe damit!

es ist an der zeit, daß man das gemeinsame an der menschheit erkennt, anstatt sich über rasse, religion, pol. ansichten, etc. versucht krampfhaft zu differenzieren und somit konflikte nährt. die menschheit sollte in den letzten tausenden jahren gelernt haben, daß religion nichts verbindendes ist (außer man ist im club), sondern diskriminierendes und somit konfliktherd per se. und hier sprechen wir noch nicht mal von den fanatics...

Die Frau Harrer wieder beim Mainstreaming :-)

Da ja doch die Rede- und Gedankenfreiheit irgendwie zu wachsen scheint, rege ich an,

sich ernstlich mit der Frage der Historizität des Propheten und von Mekka und Medina auseinanderzusetzen. Ohne Tabus und Referenz auf die "Islamische Tradition" als Tatsache. Mir selbst erscheint es nicht schlüssig, dass aus Mekka und Medina ein großes Staatswesen hervorging und nichts davon übrig ist. Und zur Zeit der "islamischen Eroberung" die damaligen von dieser bedrohten Hochkulturen nichts davon schrieben. Usw. Sinn der Übung wäre ein Bremsen der Barbarei der Strenggläubigen Politisierenden.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktioniert. Denn wenn die Fanatiker nicht historisch argumentieren können, tun sie es auf die Art, die sie am besten können: nämlich religiös! Und gegen "Glauben" ist halt kein Kraut gewachsen! da hilft alles "Wissen" nix!

Die Menschen müssen erkennen, wohin so ein Unsinn führt und das passiert ja teilweise. Dann erledigt sich das von selbst!

Ich bin ihrer Meinung, Herr und Frau, dass die Fanatiker sich von Archäologie, Sprachwissenschaft und Geschichte nicht beeindrucken lassen werden.

Aber so weit bin ich Optimist, dass ich glaube, dass eine große Zahl von Menschen der Vernunft zugänglich ist. Gegenwärtig sind wir noch in eine Phase, in der erst ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung überhaupt durch die Desinformation der meisten Medien blickt. Bezüglich Islam herrscht die Desinformation. Schauen sie in das Buch von Heine, Lohlker und Potz, Styria Verlag. Die schaffen es, den aktuell wichtigsten Islamischen Islamgelehrten als solchen zu identifizieren, aber den Lesern seinen Inhalt zur Gänze vor zu enthalten. Und schreiben 5eiten über das Kopftuch, ohne dessen Sinnzuammenhang zu erklären.

Naja, aber sie sind ja auch, nett ausgedrückt, ziemlich fixiert...
Warum bitte muss ein jedeR "islamexperte" werden?

Um zu wissen, worauf alles Rücksicht zu nehmen ist.

Problem dabei ist, dass zwar einerseits teilweise gefordert wird, sich mit dem Islam zu beschäftigen, es andererseits allerdings gleich mal als islamophob gilt, wenn man im Zuge der Beschäftigung auf Punkte trifft, die man ablehnt und das dann auch sagt.

Pflichtlektüre

Dringende Empfehlung um diesen ganzen Hintergrund zu verstehen:

1.Götze, Religion fällt nicht vom Himmel
2.Pressburg, Good Bye Mohammed

Ersteres sehr ausführlich, zweites eine sehr gut lesbare Zusammenfassung

Danke für diesen ungewöhlich informativen und aufschlussreichen Artikel!

Alles, was der Prophet genannt und gekannt hat, ist gut, alles andere ist eine dogmatisch unerlaubte Neuerung ("Bid'a").

Was hocken dann diese durchgeknallten Vollpfosten auf hochmodernen Waffen herum, verbreiten ihren wirren Käse über Internet, setzen sich in Flugzeuge, gehen ins Ausland...?

...

Das bezieht sich nicht darauf..
glaubens denn das wirklich jetzt?

Eben: Das zeigt mal wieder, wie es um die Dogmen dieser Wirrköpfe bestellt ist.

nein eine aussage muhammads war bestimmt nicht "du sollst keine flugzeuge bauen" oÄ

das meinte ich.. aber um zu schauen, wie es mit dem religiösem selbstverständnis aussieht braucht man ja nicht in die ferne schweifen ;-)
(das bedeutet nicht, dass ich dafür bin nach der Bibel/Koran/Tora/usw. zu leben)

Nur darf man bichts verwenden, dass von unglaeubigen produziert wurde...

Der Mensch brauchte 100.000 Jahre um aufrecht gehen zu lernen...

...seit damals verhindert die Religion die weitere Entwicklung...

manche haben sich schon weiter entwickelt - es gibt ja laizistische staaten oder zumindest die ansätze davon.

in manchen fällen allerdings ist die religion staatstragend und allgemeingültig. entsprechend der doktrin "wer mit hunden schläft, wacht mit flöhen auf" sollte zumindest im gemässigten europa nicht allzu viel boden für wahhabiten, salafiten und dynamiten freigemacht werden.

sonst passiert das geschilderte - wohl nicht das erste kulturerbe, dass durch die "eine" religion dem erdboden gleichgemacht wird.

Islamic hard-liners have attacked about a half-dozen shrines in and around Tripoli belonging to Muslim sects whose practices they see as sacrilegious [...] Dirt and rocks were piled high around the empty graves [...] Blackened piles of ash and

of pottery were in the courtyard outside after the attackers burned relics and other items from the shrine [...]

http://www.usatoday.com/news/worl... 50750562/1 [13.10.12]

[...] profanation des tombeaux de saints [...] des radicaux ont foncé avec un bulldozer dans les murs du vieux cimetière de la ville de Benghazi, ils ont détruit les tombes et enlevé les corps de 29 sages et savants respectés. Ils ont aussi démoli une école soufie voisine.

http://www.postedeveille.ca/2012/02/l... cutes.html [2.2.12]

-- vielleicht geht es diesmal durch die zensur. kein weltkulturerbe, ich weiß. aber weder off topic, noch weiter als mali entfernt. --

Bewaffnete Salafisten, die eine sehr antiquierte Auslegung des Islam vertreten, rückten in der Stadt Zliten, westlich von Misrata, an.

Sie wollten dort einen Schrein von Sufis zerstören, die eine Spielart des Islam mit mystischen Riten vertreten.

http://diepresse.com/home/poli... Revolution

Zum Presse-Link

Nordafrika ist ibaditisch.

Die mesopotamischen Ibaditen waren mit den Persern im 7.Jh nach Ägypten gekommen. Sie waren arabische Christen, die etwa nach dem 10.Jh. ihren eigenen Islam entwickelten.
Ihre "Moscheen" sind nicht nach Mekka ausgerichtet, genauso wenig wie die erste "Moschee" Kairos (Ibn As) oder die ebenfalls von ihnen gegründete "Mezquita" in Cordoba.

In ganz Nordafrika -und vermutlich Mali- gilt die malikitische Tradition. Die frühen Malikiten erkannten Hadithe nicht als Grundlage der Rechtsprechung an, das heisst sie akzeptierten Muhamad nicht.
Sie haben sich notgedrungen angepasst, Sunniten sind sie aber immer noch nicht.
Die Erziehung zum richtigen Glauben ist gerade im Gange: Libyen, Tunesien, Mali, Syrien, Ägypten....

"eine sehr antiquierte Auslegung des Islam "

Falsch. Das ist eine moderne Auslegung.
Man muss begreifen- das betrifft auch Frau Harrer- dass die koranische Bewegung vor-mohammedanisch ist. Koran und "Islam" haben wenig bis nix mit Mohammed zu tun, das ist der Stand der Forschung.

Es gab Dutzende frühislamischer Richtungen wie die verschiedensten "Schia" (!) -Varianten oder auch die Sufis z.B.
Die Mohammed-Sekte, der Mohamedanismus, "Sunnismus," ist historisch jünger. Er wurde ab dem 9.JH. zur stärksten Kraft innerhalb des Islam.
Aber vollkommen dominierend erst seit den saudischen Öleinnahmen. Seit dem wird alles Nicht-Sunnitische ausgemerzt mit der Konsequenz dass auch wir den radikalen Sunnismus wahhabitischer Einfärbung als ISLAM perzipieren.
Nichts ist historisch falscher.

wird das irgendwo öffentlich diskutiert, Dhimmi?

@ Arbeiter: wenn ich auf anfeindung und verfolgung von sufis in libyen seit 2011 aufmerksam mache, reicht das hoffentlich nicht, mich als "islamkritiker" zu qualifizieren.mein hinweis galt einem weiteren gebiet, auf dem es im sog. neuen libyen

"nicht optimal" läuft.

aber besser nicht dran rühren. mit einigen jahren abstand, werden journalisten die gelegenheit nutzen, sich der übung "selbstkritik" zu unterziehen. der selbstgerechte zirkus, der da post festum aufgeführt wird, ist blanke ideologie:

"[...] we have found a number of instances of coverage that was not as rigorous as it should have been. In some cases, information that was controversial then, and seems questionable now, was insufficiently qualified or allowed to stand unchallenged. Looking back, we wish we had been more aggressive in re-examining the claims as new evidence emerged [...]"

http://www.nytimes.com/2004/05/2... =5070&8dpc

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