Von der Fleischerhalle zum Traum vom Baumhaus

  • Kein Museum, sondern eine Stadt, die von den 250.000 Gentern intensiv " 
gelebt" wird: Das kostbare Erbe vergegenwärtigt Mekhitar Garbedian mit dem 
aggressiven Slogan "Search and destroy".
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    foto: dirk pauwels

    Kein Museum, sondern eine Stadt, die von den 250.000 Gentern intensiv " gelebt" wird: Das kostbare Erbe vergegenwärtigt Mekhitar Garbedian mit dem aggressiven Slogan "Search and destroy".

Mit Kunst an öffentlichen und ungewöhnlichen Orten ermöglicht das Festival "Track" neue und individuelle Routen durch die sich stetig wandelnde flämische Stadt

Gent - Die Flüchtigkeit von Freiheit hätte man nicht besser darstellen können. "Weggesperrt" im Museum, also dem unmittelbarsten öffentlichen Raum entzogen, bekommt die Arbeit des vietnamesischen Künstlers Danh Vo eine zusätzliche Nuance: Den Kopf der Statue of Liberty hat er so fragmentiert und in fragilem Kupfer nachgebildet, dass das Ganze und damit auch das Symbol für Freiheit und Hoffnung auf ein besseres Leben nicht mehr zu erkennen ist.

Ursprünglich hätte die Arbeit "We the people" im Citadelpark vor dem Museum der Schönen Künste in Gent platziert werden sollen, nun ist sie im Museum gesichert - vor den Kupferräubern. "Der Metallraub in Gent ist eine Seuche", erklärt Universitätsdozent Lodewijk de Wilde, der touristischen Führern Deutsch lernt, die Hintergründe: 2011 verschwand eine Miniaturdarstellung des Prinzenhofs aus Bronze aus dem öffentlichen Raum. Kein Einzelfall.

Räuber von Zeit und Schlaf

Die meisten Kunstprojekte, die im Rahmen des Festivals "Track" in Gent zu sehen sind, trifft der Besucher allerdings doch im öffentlichen Raum oder außerhalb der arrivierten Kunsträume an: in leerstehenden Häusern und Geschäften, auf Brachen im Industriezentrum, auf Bäumen, an den Grachten oder aber unübersehbar auf dem 100 Jahre alten Uhrturm am Bahnhof. In 23 Metern Höhe hat dort der japanische Künstler Tazu Rous ein Hotelzimmer rund um den historischen Zeitmesser gebaut. Den Gentern raubt Rous für die Zeit des Festivals quasi die Zeit, dem sich direkt beim monströsen Tick-Tack Einmietenden vermutlich sogar den Schlaf.

41 lokale und internationale Künstler haben S.M.A.K.-Direktor (Stedelijk Museum für aktuelle Kunst) Philippe Van Cauteren und seine Kokuratorin Mirjam Varadinis nach Gent geladen, um Arbeiten für ausgewählte Orte neu zu entwickeln und so Dialoge anzuregen: Die Arbeiten gemeinsam mit den Künstlern zu generieren und die besten Plätze zu finden verschlang Zeit und Geld. 3,6 Millionen Euro hatte das Mammutprojekt zur Verfügung. Intensives Engagement, das sich bezahlt machte. Die in sechs Stadtvierteln realisierten Projekte ermöglichen es auf individuellen Routen (daher der Name "Track"!), etwa mit dem Rad, die Stadt zu ent- und wiederentdecken. Die Kunst ist äußerst stimmig platziert und greift lokale Fragen, etwa die Umstrukturierung ganzer Wohnviertel wie in Tondelier und Tolhuis oder auch die Kommerzialisierung des historischen Zentrums, auf.

So hat etwa Mekhitar Garabedian an die Rückseite der alten Fleischhalle riesige, an kommerzielle Neonreklamen erinnernde Lettern gelehnt: "Search and Destroy" steht da als Referenz auf einen Punksong von The Stooges. Das Zitat benennt aber ebenso eine kriegerische Strategie. Denn heute sind in den historischen Markthallen, beispielsweise im alten Fischmarkt, Nobelrestaurants, schicke Bars und Läden untergebracht. Zwar kann man die heutige Nutzung auch als Statement für Lebensqualität und gegen die Musealisierung historisch gewachsener Stadtkerne lesen. Stetig ansteigende Mieten sind trotzdem ein Problem in Gent, wo ein Viertel der 250.000 Einwohner Studenten sind, sagt de Wilde.

In Tolhuis muss für die Zufahrt zum Krankenhaus ein Viertel mit kleinen Häusern weichen: Benjamin Verdonck hat in die ausladenden Äste der dort stehenden Linde ein Baumhaus, stellvertretend für die nun zerplatzenden Eigenheimträume, gesetzt. Ein Straßenzug weiter in Tondelier, wo zwei "Schandflecke", die Rabot-Tower-Blocks, riesige, abgewrackte Sozialbauten, abgerissen werden, wurde wenige Monate zuvor vom Street-Art-Künstler "A squid called sebastian" ein riesiger entwurzelter Baum mit kleinen Baumhäusern an die Fassade gesprüht. Kein offizielles Track-Projekt, weshalb man offiziell nichts darüber weiß. Die Analogie des Motivs könnte aber, so ein Urban-Art-Experte, darauf hindeuten, dass Street-Artist und Verdonck ein und dieselbe Person sind.

Die Genter beschreiben sich gerne als "verrückt" und liebäugeln dabei wohl mit dem Attribut des Widerständigen. Denn in der ostflandischen, am Zusammenfluss von Schelde und Leie gelegenen Stadt entstanden einst die ersten modernen Gewerkschaften und die sozialistische Bewegung Belgiens. Insbesondere Ahmet Ögüt interessierte sich für diesen Teil der Geschichte, etwa für jene der Konsumgenossenschaft Vooruit (Vorwärts!), die allerdings schon vor langer Zeit - in den 1970er Jahren - als Vorruit eine Banklizenz zur Pleite führte.

Ögüts Helium Ballon, der am Kuiperskaai im Viertel Blandijn schweben sollte, zitiert das Gemälde eines berühmten Belgiers: René Magrittes "Le Château des Pyrénées". Es zeigt ein auf einem schwebenden Fels errichtetes Schloss. Öhgüts übersetzte das Bild ins Dreidimensionale, holt die Utopie ins Reale, wenn auch verpackt in einem surrealen Motiv. Sein Ballon in Felsform trägt das berühmte Vorruit-Gebäude, einst Versammlungs- und Festort der Arbeiter und bis heute ein Kulturzentrum. Hoch in der Luft schwebend würde Vorruit so zum inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt und ihrer einstigen, aber geplatzten sozialistischen Ideen und Utopien. Würde. Denn für Ögüts Ballon stand der Wind von Anbeginn nicht gut. Zur Eröffnung ließ man ihn wetterbedingt lieber in Bodennähe baumeln. Später traute man sich doch höher hinaus. Nun ist der traurige, eher mickrig geratene Ballon, der auch ästhetisch weit die digitalen Visualisierungen der eigentlich wunderbaren Idee verfehlt, auf einem seiner Himmelsflüge stark beschädigt worden. "Wir halten Euch auf dem Laufenden", heißt es dazu auf der Track-Website. 

Auch von einem anderen Projekt, das mit den Gentern und den hier lebenden Einwanderern und Illegalen operiert, ist nicht viel zu hören. Christoph Büchel, dessen in der Wiener Secession eingerichtete Swinger Club dazu gereichte, den Boulevard zu erregen. In Gent richtete Büchel mit Billigung des Bürgermeisters Daniël Termont einen Schwarzmarkt für Tagelöhner ein. Umschlagplatz ist ein alter Bus, der im Zentrum geparkt ist. Die Straffreiheit soll mit Ende des Festivals und der Arbeit "Casino Royal" enden.

Nicht unerwähnt bleiben sollte der prominente Vorläufer von Track: die ebenso legendäre wie außergewöhnliche Ausstellung "Chambres d'Amis" von 1986. Jan Hoet gelang es, 70 Genter Bürger davon zu überzeugen, ihre Privatwohnung für Kunst und Besucher zu öffnen. 14 Jahre später realisierte Hoet bereits gemeinsam mit Van Cauteren das Projekt "Over the Edges". Am Sint-Veerle-Plein neben der Gravensteen-Burg ist heute noch eines der im Jahr 2000 installierten Projekte (von Alberto Garrutti) zu sehen: Wenn in einem der Krankenhäuser ein Kind geboren wird, beginnen drei am ehemaligen Hinrichtungsplatz installierte Straßenlaternen für 30 Sekunden zu leuchten. Vielleicht wird auch eines der Track-Projekte über das Festival hinaus das Leben in Gent verändern. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, Langfassung, 5.7.2012) 

Bis 16. 9.

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