Auf Empfang gestellte Antennen

4. Juli 2012, 18:47
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Die Galerie Krinzinger stellt einige Mitglieder der Kunstinitiative "Edge of Arabia" vor, deren künstlerische Arbeiten individuelle Sichtweisen gegenüber staatlich aufgezwungenen bevorzugen

Wien - Mit Saudi-Arabien verbindet man vor allem Extreme: gigantischen Reichtum und megalomane Bauvorhaben, aber auch strenge religiöse Gebote, die die Meinungsfreiheit einschränken und einer Öffnung der Gesellschaft zuwiderlaufen. Die Initiative "Edge of Arabia" versucht dieser Hermetik etwas entgegenzusetzen. Sie will der "Welt" junge saudi-arabische Künstler vorstellen, die individuelle Sichtweisen den staatlich oktroyierten vorziehen.

Die übliche Perspektive auf Saudi-Arabien wird in der Ausstellung dennoch nicht jenseits, sondern vielmehr in der Verbindung der Gegensätze verschoben: Am eindrücklichsten zeigt sich das bei Abdulnasser Gharem, der von Beruf nicht nur Künstler, sondern auch Soldat ist. Diese beiden sehr unterschiedlichen Arbeitsbereiche versucht er in der Serie Men at work zusammenzubringen. Mit einem überdimensionalen Stempel und dem Satz "Have a Bit of Commitment" nimmt er dezidiert Stellung gegen eine autoritäre Regierung, die alles kontrollieren und abstempeln will.

Die Bedeutung des Individuellen kommt in einer Geschichte zum Tragen, auf die eine weitere Arbeit Gharems referiert: Das Bild Al-Sirat (Der Weg) zeigt eine Brücke, auf der sich Dorfbewohner auf Anraten eines Mannes vor einer Flut zu schützen versuchten. Er lag falsch, und alle kamen zu Tode. Diesen Umstand nahm der Künstler zum Anlass, die Brücke mit dem Wort Al-Sirat in eine Art Mahnmal des eigenen Wegs zu verwandeln.

Obwohl weniger explizit, deutet auch die Arbeit Magnetism von Ahmed Mater auf das Individuelle im Kollektiven hin. Auf vier sehenswerten Schwarz-Weiß-Bildern ist in der Mitte ein schwarzer Kubus - die Kaaba - zu sehen, die tausende Partikel anzieht.

Weit davon entfernt, damit die Religion zu kritisieren, schrecken auch die beiden Künstlerinnen der Schau nicht vor einer subjektiven Positionierung und dem Durchleuchten des sie Umgebenden zurück: Maha Mullah beleuchtet mit Fotogrammen das zeitgenössische saudi-arabische Leben, und Hala Ali seziert mit den Mitteln Sprache und Schrift überkommene Stereotype.

Dass die saudi-arabischen Künstler "auf Empfang gestellt" sind, bringt die pink leuchtende Antenne von Mater sehr gelungen zum Ausdruck: Nicht nur, weil seine Neonarbeit auf eine Reihe amerikanischer Künstler Bezug nimmt. Wichtiger ist, dass er mit dem Bild des Zurechtrückens von Fernsehantennen auf Dächern auf die Sehnsucht der Menschen nach anderen Meinungen verweist. (Christa Benzer, DER STANDARD, 5.7.2012)

Bis 7. 7., Galerie Krinzinger

Seilerstätte 16, 1010 Wien

  • Kollektiv der Eisenspan- Individuen, angezogen von einer zentralen Kraft: 
Ahmed Mater, "Magnetism" (2011).
    foto: © ahmed mater and trustees of the british museum

    Kollektiv der Eisenspan- Individuen, angezogen von einer zentralen Kraft: Ahmed Mater, "Magnetism" (2011).

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