Bereits in der Antike wich religiöses Leben von der Lehre ab

8. Juli 2012, 11:58
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Studie zur Familienreligion zeigt bereits vor über 2.500 Jahren im Alten Israel überraschende Religionsvielfalt

Schon in der Antike ist Religion oft anders gelebt als gelehrt worden. Eine umfassende Studie zur Familienreligion im Alten Israel zeigte, dass bereits vor über 2.500 Jahren die Glaubensvorstellungen der Familien oft von der Theologie der Priester, Propheten und Gelehrten abwicht, wie der Studienleiter Rainer Albertz, evangelische Theologe an der Universität Münster berichtet. "Speise-, Trank- und Räucheropfer, Gebete und Segenssprüche dienten dem Schutz der Familie und folgten dem Wunsch nach Wohlstand und reicher Nachkommenschaft. Mit der offiziellen Theologie hatten sie wenig zu tun."

Das Nebeneinander der familiären und der offiziellen Ebene belegt nach den Worten des Forschers eine überraschende "religionsinterne Vielfalt". Die religiöse Pluralität der Moderne stelle sich vor diesem Hintergrund als "uraltes Phänomen" dar. "Wenn Eltern heute ihre Kinder nicht aus christlicher Überzeugung taufen lassen, sondern zum Schutz vor möglichen Gefahren, gleicht das der Familienreligion Israels. Im Zentrum der Gebete damaliger Familien standen nicht etwa die Rettung Israels aus Ägypten oder die Präsenz Gottes in Jerusalem, sondern die Erschaffung und der Schutz eines jeden durch Gott."

Frauen prägten religiöses Leben

Erstmals hat der Forscher gemeinsam mit dem evangelischen Theologen Rüdiger Schmitt das religiöse Leben in Familien und Haushalten des Alten Israel vom 11. bis 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung rekonstruiert. "Bei der Auswertung einer Fülle von archäologischen Kleinfunden und Texten aus Privathäusern sind wir auf die religiöse Vielfalt gestoßen. Die Familien griffen auf Elemente älterer oder benachbarter Religionen zurück, die sich von der offiziellen Theologie der eigenen Religion unterschieden", so Schmitt. "Die Familienreligion hatte bis in das sechste Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung hinein ihre eigenen Symbole. Zudem prägten die Frauen diese Frömmigkeit - anders als die offizielle Religion, die von Männern dominiert war."

Wie gering die Unterschiede zwischen der Familienreligion Israels und den Nachbarkulturen waren, zeigt die Auswertung von 3.000 hebräischen Namen auf Siegeln und Tonscherben, wie Albertz erläutert. 90 Prozent der Eltern gaben demnach ihren Kindern religiöse Namen wie Elisa ("Mein Gott hat [mich] gerettet") oder Joas ("Jahwe ist [mein] Schutz"). Oft ging es in den Namen auch um die Geburt des Kindes, die als Gottes Schöpfungshandeln verstanden wurde. Ähnliche Inhalte weisen 1.400 untersuchte Namen aus Nachbarkulturen wie Phönizien, Syrien, Ammon und Moab auf. "Zwar wurden andere Götter angebetet, doch das von ihnen Erhoffte war fast identisch", so der Forscher. "Dies ist umso erstaunlicher, als sich die Religion Israels auf der offiziellen Ebene scharf von den Religionen der Umwelt abgrenzte."

Familienwohlergehen stand im MIttelpunkt

Die Auswertung der archäologischen Befunde ließ spezielle Ritualgeräte wie Figurinen, Kultständer und Räuchergeräte erkennen. "Die Riten kreisten stets um das Wohlergehen der Familie", so Schmitt. "Sie sollten Grundbedürfnisse wie Wohlstand, Sicherung der Ernährung, Nachkommenschaft, Stabilität und häuslich-nachbarschaftlichen Frieden sichern." Im Exil dienten die religiösen Praktiken später dem Erhalt der nationalen und religiösen Identität, wie die Studie ergab. Sie wirkten dann auch prägend auf die Gestaltung der nachexilischen offiziellen Religion ein.

Für die Rekonstruktion der Familienreligion im Alten Israel haben die Wissenschafter in den vergangenen sechs Jahren zahlreiche Bibeltexte und eine Fülle an archäologischen, epigraphischen und ikonographischen Quellen ausgewertet. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Studie ist unter dem Titel "Family and Household Religion in Ancient Israel and the Levant" im US-amerikanischen Eisenbrauns-Verlag erschienen. Das Thema Familienreligion hat sich erst in den vergangenen zehn Jahren als eigenständiger Forschungsgegenstand etabliert. Die Studie stellt die erste Gesamtschau dar und verbindet verschiedene Forschungsansätze miteinander. (red, derstandard.at, 8.7.2012)

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