Wenn Bloggen das eigene Leben gefährdet

Interview | Kim Son Hoang, 5. Juli 2012, 05:30
  • Die 28-jährige Südossetierin Maria Plieva hat nach ihrem Jus-Studium für verschiedene Medien gearbeitet, unter anderem für die Zeitung  "21st Century", die mittlerweile verboten wurde. Auch hat sie mehrere Blogs aufgebaut. Zudem arbeitet Plieva für das Georgisch-Ossetische Zivilforum.
    foto: maria plieva

    Die 28-jährige Südossetierin Maria Plieva hat nach ihrem Jus-Studium für verschiedene Medien gearbeitet, unter anderem für die Zeitung "21st Century", die mittlerweile verboten wurde. Auch hat sie mehrere Blogs aufgebaut. Zudem arbeitet Plieva für das Georgisch-Ossetische Zivilforum.

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Die südossetische Journalistin Maria Plieva über Morddrohungen und ihre Flucht nach Deutschland

2008 kämpften georgische und russische Truppen um die kleine Region Südossetien. Nach fünf Tagen brachten die von Moskau entsendeten Truppen das Gebiet südlich des Kaukasus wieder unter ihre Kontrolle, die politische Situation ist aber weiter kompliziert: Völkerrechtlich gehört Südossetien noch zu Georgien, de facto ist es aber unabhängig. Politisch und wirtschaftlich abhängig ist es vielmehr von Russland. Das Forschungsinstitut Freedom House hat der Region vor kurzem bezüglich der Menschenrechte ein schlechtes Zeugnis ausgestellt und Südossetien in einem Atemzug mit China, Kuba und Weißrussland genannt.

Maria Plieva hat die Situation selbst erlebt. Die südossetische Bloggerin und Journalistin wurde in den vergangenen Jahren aufgrund kritischer Berichte mehrere Male bedroht und verhaftet. Dank eines Stipendiums der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte genießt sie nun die Ruhe der deutschen Hafenstadt. Mit derStandard.at sprach sie über Repression durch Politiker, Korruptionsimporte aus Russland und die Vereinigungsbestrebungen mit Nordossetien.

derStandard.at: Frau Plieva, weshalb sind Sie aus Südossetien ausgereist?

Plieva: Ich wurde mehrere Male bedroht, von südossetischen Behörden und schließlich auch von anonymen Personen in Nordossetien.

derStandard.at: Womit hat man Ihnen gedroht?

Plieva: Man hat gedroht, mich zu vergewaltigen und danach umzubringen. Auch meinen Eltern hat man Gewalt angedroht, wenn ich meine Arbeit fortsetze.

derStandard.at: Sind Ihre Eltern immer noch in Südossetien?

Plieva: Ja, aber die Situation hat sich für sie mittlerweile etwas gebessert, seit ich weg bin und nicht mehr so viel schreibe.

derStandard.at: Wissen Sie, welche Personen dahinterstecken?

Plieva: Es sind hochrangige Politiker und Beamte, aber ich werde ihre Namen nicht nennen. Das würde meine Situation ansonsten noch gefährlicher machen.

derStandard.at: Was genau stört diese Leute an Ihrer Arbeit?

Plieva: Es geht darum, dass das Recht auf Meinungsfreiheit in Südossetien nicht gegeben ist. Regierungskritische Journalisten werden von allen politisch relevanten Terminen ausgeschlossen, etwa von Parlamentssitzungen. Wenn man das thematisiert und auch sonst unbequeme Artikel schreibt, wird man sofort bedroht.

derStandard.at: Welche unbequemen Artikel wären das beispielsweise?

Plieva: Bei der Präsidentschaftswahl im November 2011 habe ich über die Aktivitäten der Opposition in Südossetien berichtet. Das wird normalerweise totgeschwiegen.

derStandard.at: Anderen kritischen Journalisten geht es ähnlich?

Plieva: Ja. Der bekannte Blogger Alan Parastajew zum Beispiel durfte über Russland nicht mehr nach Südossetien einreisen. Seit unsere unabhängige und regierungskritische Zeitung "21st Century" Ende 2011 aus den Kiosks verbannt wurde, gibt es in der Hauptstadt Zchinwali keine freie Presse mehr.

derStandard.at: An ihrem letzten Aufenthaltsort vor Hamburg, der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas, wurden Sie verhaftet. Was ist da genau passiert?

Plieva: Auf dem Hauptplatz fand eine nicht genehmigte Demonstration südossetischer Oppositioneller statt. Ich kam dazu und stand eigentlich nur daneben, aber nach 15 Minuten wurde ich verhaftet und in das Polizeirevier gefahren. Anfangs hat man mir gar keinen Grund genannt, weshalb ich eingesperrt wurde. Dann war es Erregung öffentlichen Ärgernisses, und auf einmal sollte ich die Demonstration organisiert und Polizisten beschimpft haben.

derStandard.at: Wie kamen Sie von dort nach Hamburg?

Plieva: Als ich vorläufig wieder freikam, habe ich "Reporter ohne Grenzen" kontaktiert. Die haben dann das Stipendium in Hamburg für mich organisiert. In Russland läuft aber weiterhin ein Strafverfahren gegen mich.

derStandard.at: Sie mussten vermutlich relativ schnell ausreisen.

Plieva: Ich hatte Zeit, mich telefonisch von Verwandten und Freunden zu verabschieden, aber nicht, sie noch einmal zu besuchen. Kurz nach meiner Abreise aus Wladikawkas haben Polizeibeamte meine alte Wohnung aufgesucht. Es war also gerade noch rechtzeitig.

derStandard.at: Woher kommt eigentlich Ihre Motivation? Schließlich mussten Sie Ihr Heimatland, Ihre Familie und Verwandten zurücklassen.

Plieva: Südossetien hat mehrere Probleme, die es zu lösen gibt: Seine Unabhängigkeit gegenüber Georgien wird kaum anerkannt, es fehlt eine starke Zivilgesellschaft, eine unabhängige Wirtschaft und auch eine gemeinsame zivile und politische Gesellschaft mit Nordossetien. Die südossetische Bevölkerung wünscht sich einen gemeinsamen Staat mit Nordossetien. Da gibt es aber unterschiedliche Vorstellungen: Einige wollen das erreichen, indem man sich Russland anschließt. Andere wünschen sich einen eigenen Staat.

derStandard.at: Aber was ist Ihre persönliche Motivation?

Plieva: Als Kind habe ich Gewalt und Vertreibung miterlebt. Ich habe meine Großmutter 1992 auf dem Land besucht, und da wurden Dörfer vernichtet und Menschen umgebracht. Das will ich einfach nicht mehr haben.

derStandard.at: Was ist Ihr Beitrag zur Lösung dieser Probleme?

Plieva: Neben meiner Arbeit als Journalistin bin ich eine von wenigen Personen, die für das Georgisch-Ossetische Zivilforum aktiv sind. Wir bringen georgische und südossetische NGOs zusammen, um den Konflikt friedlich zu beenden.

derStandard.at: Und wie können Sie von Hamburg aus Ihren Beitrag leisten?

Plieva: Ich schreibe weiterhin meinen Blog und auch für die Homepage des Forums. Mit den Kollegen habe ich Kontakt über Skype, um auf dem Laufenden zu bleiben.

derStandard.at: Haben Sie einen Lösungsansatz für die angesprochenen Probleme?

Plieva: Wir müssen hart arbeiten, um eine eigene Wirtschaft aufzubauen. Eigentlich wäre das relativ einfach, weil Südossetien über die notwendigen Ressourcen verfügt. Allerdings bräuchte man dafür einen Präsidenten, der unabhängig von Russland agiert. Moskau will, dass wir weiterhin abhängig von seinen Hilfszahlungen sind.

derStandard.at: Und wie kann man die Abhängigkeit von Russland beenden?

Plieva: Südossetien war ja bis 2004 relativ unabhängig. Dann wurde Michail Saakaschwili Präsident in Georgien, der sich Südossetien wieder einverleiben wollte. Aus diesem Grund wurde auch der politische Einfluss Russlands in unserem Land wieder größer.

derStandard.at: Das hat im Endeffekt zum Krieg im Jahr 2008 geführt.

Plieva: Genau. Seitdem sind die Grenzen zu Georgien geschlossen, was uns in wirtschaftlicher Hinsicht natürlich schadet. Es kommt zwar Geld aus Russland, aber damit haben wir auch die gleiche Korruption wie in Russland.

derStandard.at: Der neue südossetische Präsident Leonid Tibilow, ebenfalls russlandtreu, wird daran vermutlich nichts ändern können.

Plieva: Ich denke, Tibilow wird genauso wie sein Vorgänger Eduard Kokojty agieren, nämlich abhängig von Moskau. 

derStandard.at: In zwei Jahren finden im russischen Sotschi die Olympischen Winterspiele statt, nicht weit weg von Südossetien. Kann das zu erwartende internationale Rampenlicht auf diese Region etwas ändern?

Plieva: Ich denke nicht, dass sich bis auf die Infrastruktur in Sotschi etwas in dieser Region ändern wird.

derStandard.at: Was werden Sie nach dem Jahr in Hamburg machen?

Plieva: Wenn mein Stipendium Anfang 2013 ausläuft, muss ich zurückkehren.

derStandard.at: Trotz aller Probleme dort?

Plieva: Ja. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 5.7.2012)

Hintergrund

Südossetien hat sich im Jahr 1990 von Georgien losgesagt. Seither ist die Region politisch und wirtschaftlich von Russland abhängig, Moskau hat dort auch Truppen stationiert. Die internationale Gemeinschaft erkennt die Unabhängigkeit Südossetiens bis auf wenige Ausnahmen aber nicht an, völkerrechtlich ist es immer noch ein Teil Georgiens. Im November 2011 kam es zu einer Präsidentschaftswahl, die die frühere Bildungsministerin Alla Dschiojewa gegen den vom Kreml unterstützten Kandidaten Anatoli Bibilow gewann. Das Ergebnis wurde aber vom Obersten Gericht für ungültig erklärt. Bei Neuwahlen im April 2012 setzte sich der prorussische frühere Geheimdienstschef Leonid Tibilow durch, der dem ebenfalls kremltreuen Eduard Kokojty nachfolgte.

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was ist eigentlich mit der vertriebene georgischen und der inguschetischen Bevölkerung?

Dürfen die denn auch im Ossetischen Staat leben oder werden die dauerhaft ausgesperrt? Inguschen wurden beispielsweise 1991 auch aus dem Kernstück ihres Siedlungsgebietes vertrieben, weil Moskau deren Siedlungsgebiet mal den Osseten 1991 für deren Mithilfe geschenkt hat?

Komisch, komisch....... Autonomie für Süd-Osseten ist durch Moskau angeblich erwünscht.....aber die Nord-Osseten haben gefälligst russich zu bleiben?

Und die Georgier und die Inguschen müssen draussen bleiben......

die täter konnten infolge alkoholkonsums noch nicht vernommen werden :DDDD

http://www.georgianjournal.ge/index.php... s&Itemid=8

es geht weiter rund in der region zchinwali

http://pik.tv/en/news/s... m=facebook

schön

zu sehen, dass Putins Netzjünger sich so vehement echauffieren. Da hat der Standard ja mal einen Volltreffer gelandet.

Kleiner Nachtrag zum Info-Block: Die in der regulären ersten Wahl siegreiche Kandidatin konnte bei der Wiederholungswahl nicht antreten, da sie sich im Krankenstand befand. Letzter begann rein zufällig zum selben Zeitpunkt, in dem eine Horde Staatssicherheitsbediensteter in ihr Büro eindrang, um sie zu fragen, wie es ihr so geht.

Unglaublich, wie leicht man in Medien nützliche Idioten findet !

Saure-Gurken-Zeit ?

In Österreich werden unbequeme Internet-Kommentatoren durch Schikanen drangsaliert - vor allem bei Lokalen Foren.

Das CIA-Tusserl ist also verhaftet worden obwohl sie nur so dabei gestanden ist

und gar nichts gemacht hat, eigentlich wollte sie ja nur neue Klunkern kaufen und "zufällig" war da die illegale Demonstration und da haben die pöhsen Russen sie gleich verdächtigt...

Sachen und Zufälle gibts, das glaubt man kaum...

mit verlaub

aber sie sind nicht ganz auf geistiger höhe wenn sie so tatsächlich denken...

Die Foristen-Camarilla tobt mal wieder

Jeder der es wagt, die offiziell paradiesischen Zustände in Südossetien anzuzweifeln, bekommt gleich einmal etwas auf den Schädel, zumindest verbal. Nun kann man gegen das Selbstbestimmungsrecht der von 30.000 Südosseten natürlich nichts einwenden. Warum dürfen die Nordosseten aber nicht unabhängig werden? Dort leben immerhin 460.000 Osseten. Wollen oder dürfen die nicht unabhängig sein? Während russische Truppen in Südossetien über dessen Unabhängigkeit wachen, sorgen sie in Nordossetien dafür, dass dieses nicht passiert.
Ähnlich empfindlich wie die russischen Behörden vor Ort reagieren einige Kadaverforisten, die jegliche Kritik als illegitim erachten und die Dame für ihre Unbotmäßigkeit am Besten vergewaltigt sähen.

Der damalige Völkermord und Angriffskrieg keine Erwähnung ?

Vom Wiederaufbau gezahlt von den Russen auch nicht ?
Vom Bau der Basis zum Schutz vor einem weiteren Stellvetreterkrieg auch nicht ?

Schaut wieder echt nach Propaganda aus.

hmmm meines den Genozid an den Inguschen?

Wie war das mit der Verteuibung der Inguschen aus dem Prigorodnyj Rajon?

Wessen Stellvetreter haben sich denn da bekriegt?

Oder hat da Russland nur mal wieder teile und herrsche unter den Satrapen gespielt?

Schließlich wir Inguschetien und Ossetien von ehemaligen KGB/FSB-Leute regiert?

auf nummer sicher

nach diesen info verdient die frau unterstützung.
aber es ist klar, welcher umstand und welche polarisation es unseren medien innenpolitisch leicht machen, sie zu unterstützen.

doch für europa ist an anderen plätzen der welt noch viel mehr zu gewinnen, wo es keine klare polarisation gibt, wo es nur auf die kunst des wege findens und die rechtschaffenheit ankommt.

grosse projekte auf mehreren ebenen am anlaufen. wenn unsere konzerne sich benehmen, können sie viel erreichen, inklusive glaubwürdigkeit, die heute so wichtig ist.
doch dazu muss man auch folgendes problem wahrnehmen und darf niemals ein teil davon werden:
http://www.interaksyon.com/article/3... ed-species

Werte Putinisten!!

Ihr könnt noch soviel gegen Kritiker posten, es wird nicht viel nützen, denn durch die (relativ ) freie presse hierzulande sind wir über besser über euer -ach so- demokratisches russland informiert als euch lieb ist.
Mit eurer pseudoargumentation macht ihr euch und eure auftraggeber nur noch mehr lächerlich.
Eure verlogenheit fällt auf euch zurück, weil sie immer wieder beweisst, was ihr von freier meinungsäußerung haltet.

"Völkerrechtlich gehört Südossetien noch zu Georgien, de facto ist es aber unabhängig."

Nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker haben die Osseten Anspruch auf Unabhängigket gegenüber Georgien. Zumal Georgien dieses Gebiet seit Auflösung der UdSSR nie beherrscht hatte und Ossetien der versuchte Beherrschung durch Georgien stets widerstanden und widersprochen hatte.

Als die Tschetschenen sich nach dem von Ihnen reklamierten Selbstbestimmungsrecht

für unabhängig erklärten, marschierten die Russen ein. Wo liegt nun der Unterschied? Selbstbestimmung nur für jene Völker, die für Russland sind?

Schwachsinn, die Tschetschen hatten de facto ihre Unabhängigkeit und marschierten selbst in Dagestan ein.

Tja, in solche Länder schieben wir gerne die Ungewollten ab, weil "sichere Drittstaaten" und so.

George Orwell würde sich ärgern das gerade der Westen sein Neusprech verwendet: NGO, Freedomhouse, Stiftung für politisch Verfolgte ...

Offenbar hat die Waffenindustrie, Sparpakt und Euro sei dank, wieder genug Geld für einen Stellvetreterkrieg gesammelt.

Sonst tät die Propaganda nicht loslegen.

Und was die Begriffspervertierung betrifft, hat ja Orwell immer drauf verwiesen "Es kommt die Feuerwehr, gleich brennts", also würds ihn kaum stören.

Was sich hier alles so an Frauenhass unter dem Deckmäntelchen einer Pseudokritk tarnt

Diese Frau hat Mut und Cojones. Und weil es manche eierlose Zeitgenossen nicht aushalten, dass sie selbst so feige und bequem sind, muss ein Label her, damit man seine eigene Schwäche als Denunziation einer mutigen Journalistin unterbringen kann.

Weit haben es einige hier gebracht. Meinungsfreiheit, Opposition zur Regierung, Courage, Kritische Berichterstattung: im Jahre 2012 ist das "Whithousepropagandapress".

Wenn man es genau bedenkt, stimmt das sogar: in den USA werden solche Werte noch hoch gehalten und gegen die Barbaren verteidigt.

in den USA werden solche Werte noch hoch gehalten

Julian Assange und Bradley Manning, 2 Audecker von Kriegsverbrechen.

Putinisten sind hier immer wieder sehr aktiv

Jeder Missstand ist prinzipiell vom Ausland verursacht, fertig. Die russische Politik hat gar keine Wahl, so freie Presse zum Beispiel wär ja nur ein Propagandawerkzeug für die pöhsen ausländischen Mächte, und so weiter.

gegen barem verteidigt

...fand eine nicht genehmigte Demonstration südossetischer Oppositioneller statt. Ich kam dazu...

So ein Zufall aber auch. Selbstverstänbdlich hatte sie mit der Demonstration überhaupt nichts zu tun.

kann ja mal passieren...

es gab doch diesen Vorfall in England. Ein Arbeiter kam von der Arbeit zufällig an einer Deo vorbei. Wurde grundlos von polizisten verprügelt und starb an den Folgen.

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