Tor, Tradition, Technologie

4. Juli 2012, 14:32
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Das International Football Association Board, das seit 126 Jahren über die Regeln wacht, entscheidet in Zürich darüber, ob eine Torlinientechnik zugelassen wird

Zürich - Der Erfolg des Fußballs beruht nicht zuletzt auf seiner Tradition und der Schlichtheit seiner Regeln. Und über die wacht das 1886 von den vier britischen Verbänden gegründete International Football Association Board (Ifab). Der erst 1904 gegründete Weltverband Fifa gestand dem Gremium zu, weiterhin für die Regeln zuständig zu sein. Das Ifab hat acht Mitglieder, je einen Gesandten aus England, Schottland, Wales und Nordirland sowie vier der Fifa. Einem ungeschriebenen Gesetz zufolge kann jeder Brite abstimmen, wie er will. Die Fifa-Gesandten pflegen einheitlich abzustimmen. 75 Prozent, also sechs Stimmen, sind für eine Regeländerung notwendig.

Regeländerungen im Fußball sind nicht gerade inflationär. Beispielsweise gibt es seit 1891 einen Schiedsrichter, seit 1958 sind Auswechslungen erlaubt (ursprünglich nur bei Verletzungen), 1970 wurden die gelben und roten Karten erfunden. Seit 1990 sind Angreifer nicht mehr im Abseits, wenn sie sich zum Zeitpunkt des Abspiels auf gleicher Höhe mit dem Gegenspieler befinden. Seit 1992 darf der Tormann einen Rückpass nicht mehr mit der Hand aufnehmen, es sei denn, er wird mit dem Kopf gesandt. Diese Änderung beschleunigte das Spiel wesentlich.

Heute, Donnerstag, wird das Ifab über die seit Jahren diskutierte Torlinientechnik entscheiden, die eklatante Fehlentscheidungen verhindern soll. Wie zuletzt bei der EURO, als Englands John Terry gegen die Ukraine eindeutig erst hinter der Linie klärte, das Tor aber nicht gegeben wurde. Bei der WM 2010 schossen die Engländer den Deutschen ein Tor, das nicht gegeben wurde. Und legendär ist Englands Wembley-Tor, der Lattenpendler im WM-Finale 1966 gegen Deutschland. Doch damals waren die TV-Bilder noch nicht so scharf und die Technologie, die klärt, ob der Ball mit vollem Umfang hinter der Linie ist, gab es auch noch nicht.

GoalRef und Hawk-Eye

Diesmal stehen zwei Systeme zur Diskussion. Das GoalRef aus Deutschland basiert auf einem Magnetfeld am Tor. Passiert der Ball die Torlinie, wird ein entsprechendes Funksignal dem Schiedsrichter auf dessen Uhr übermittelt. Das Hawk-Eye aus England arbeitet mit Kameras und einer optischen Erkennung der Spielsituation. Allerdings würde die Rückmeldung durch das System nur an den Schiedsrichter erfolgen und wäre im Unterschied zum Hawk-Eye beim Tennis nicht für das Publikum bestimmt.

Aus Fifa-Präsident Joseph S. Blatter ist nach den jüngsten Fehlentscheidungen ein Technologiefan geworden. "Das ist keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit", sagt der Schweizer. Michel Platini, Präsident des europäischen Fußballverbandes Uefa beharrt hingegen auf der menschlichen Entscheidungskompetenz. "Was ist, wenn es ein Handspiel auf der Linie gibt, dann sieht das keine Technik der Welt. Wo sollen wir eine Grenze ziehen? Ich bin nicht nur gegen Torlinientechnologie, sondern gegen Technologie an sich", sagt der Franzose. Sollte das Ifab beide Technologien zulassen, wären die nationalen Verbände und Ligen am Zug. Sie müssten dann entscheiden, auf welches Hilfsmittel künftig gesetzt wird. (dpa, sid, bez DER STANDARD 4.7.2012)

  • John Terry hat das System vielleicht zum letzten Mal ausgetrickst.
    foto: epa/ludbrook

    John Terry hat das System vielleicht zum letzten Mal ausgetrickst.

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