Der Weg von Edward Hopper zu Norman Bates

4. Juli 2012, 17:11
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Die Verbindungslinien des US-Malers Edward Hopper zur europäischen Kunst deckt eine große Werkschau auf

Ob dieser Ansatz gelingt, lässt sich derzeit in Madrid und ab Herbst in Paris überprüfen.

 

Doch, Norman Bates könnte gleich durch die Tür treten. Schließlich war das von Edward Hopper 1925 gemalte House by the Railroad Inspiration für das Haus in Alfred Hitchcocks Filmklassiker Psycho. Das Bild ist zutiefst amerikanisch; doch nun will das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid beweisen, dass das OEuvre des 1968 verstorbenen Hopper europäische Wurzeln hat.

Bis Herbst kann man im Haus am Paseo del Prado (und dann im Grand Palais in Paris) insgesamt 73 Werke, davon 65 von Hopper, begutachten - eine der größten je in Europa gezeigten Übersichten soll nach dem Willen der Ko-Kuratoren Tomàs Llorens und Didier Ottinger Entwicklungslinien Hoppers und seine Verbindung mit Europa aufzeigen.

"Es kommt manchmal zu Missverständnissen bei moderner Kunst - sie wird auf eine Abfolge von Bewegungen reduziert", sagt Llorens. "Wir glauben nicht an diese Bewegungen, sondern an Geschichte, die ineinanderfließt." So will man belegen, welchen Einfluss Hoppers Aufenthalte im Paris des Fin de Siècle noch Jahre später auf ihn hatten.

Was mit unterschiedlichem Erfolg gelingt. Die Gegenüberstellung von Girl on a Sewing Machine aus den frühen Zwanzigerjahren mit den 15 Jahren zuvor entstandenen Nähszenen Félix Vallottons funktioniert auf den ersten Blick. Aus Briefen an seine Eltern weiß man, dass der schweizerisch-französische Maler Hopper beeindruckte, der Vallottons Werke beim Pariser Herbstsalon sah.

Dass ihn der Deutsch-Brite Walter Sickert inspirierte, ist aufgrund seiner transatlantischen Korrespondenz ebenso belegt. Für den Ausstellungsbesucher ist das aber schon schwerer erkenntlich: Sickerts Innenansicht des Pariser Theaters Eldorado und Hoppers The Sheridan Theater haben bis auf das Thema wenig gemein. Während in Ersterem die Ränge zum Bersten gefüllt sind, lehnt bei Letzterem eine einzelne Figur an der Balustrade und evoziert die Hopper eigene Stimmung von Melancholie und Einsamkeit.

Kurator Llorens sieht sehr wohl Parallelen: "Es geht um den Blickwinkel. Der Betrachter ist nicht mehr einfach vor dem Bild, sondern es wird die Illusion erzeugt, dass man als zufälliger Betrachter in der Szene steht, sie wie aus dem Augenwinkel wahrnimmt."

Netter Schlusspunkt

Überraschenderweise spielt diese Suche nach Entwicklungslinien dann aber nur in den ersten drei Räumen eine Rolle - der Rest ist schlicht ein Fest für Hopper-Fans. Morning Sun, Room in New York, Hotel by a Railroad sind nur einige Beispiele.

Sein wohl berühmtestes Bild, Nighthawks, fehlt allerdings in Madrid und wird nur im Pariser Grand Palais sehen sein - aufgrund intermusealer Eifersüchteleien. Der Besitzer, das Art Institute of Chicago, lehnte es ab, das Gemälde nach Madrid zu verborgen. Der Verdacht einer Retourkutsche liegt nahe: Schließlich hatten die Spanier ihrerseits Hotel Room den US-Amerikanern nicht für eine Ausstellung zur Verfügung gestellt.

In Madrid wartet man dafür mit einem netten Schlusspunkt auf. Im letzten Raum findet sich quasi ein Tableau vivant des US-Filmemachers Ed Lachman: Morning Sun kann man durch einen zwei Meter entfernt aufgehängten Rahmen betrachten, um Hoppers Wechselspiel mit dem Medium Film zu erkennen.

Bis zum 1. September sind im Rahmenprogramm Filme von Scarface bis Blue Velvet zu sehen: Sie alle haben Hoppers Motive aufgriffen oder wurden davon beeinflusst - inklusive Psycho. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 5.7.2012)

Bis 16. 9., 10 bis 23 Uhr, montags bis 19 Uhr

  • Die Morgensonne kann man im Thyssen-Bornemisza-Museum in Madrid derzeit 
zweimal betrachten. Edward Hoppers "Morning Sun" hängt an der Wand, Ed Lachmans 
Installation steht im Raum.
    foto: museo thyssen-bornemisza, madrid

    Die Morgensonne kann man im Thyssen-Bornemisza-Museum in Madrid derzeit zweimal betrachten. Edward Hoppers "Morning Sun" hängt an der Wand, Ed Lachmans Installation steht im Raum.

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