Ist es dieser Krieg wert, gekämpft zu werden?

Blog9. Juli 2012, 10:41
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Ein kurzes Interview mit dem Bataillon-Kommandanten: Laut Lieutenant Colonel Daniel ist der Terror noch immer der Hauptgrund für Amerikas Engagement in Afghanistan

Heute kam der Bataillon-Kommandant des dritten Bataillons 509th Regiment (Airborne), Lieutenant Colonel Shawn Daniel, zu Besuch. Der Grund seines zweitägigen Aufenthalts in Zormat war das Taliban-Granatwerferteam, das noch immer in der nähren Umgebung sein Unwesen treibt und fast täglich den Stützpunkt beschießt. Gestern begleitete ich eine Patrouille, die bis auf 400 Meter an das Team herangekommen ist. Wir konnten den Rauch der Granatwerfer bereits sehen, die Taliban waren aber zu schnell und entwischten auf ihren Motorrrädern in ein dicht bewaldetes Wadi.

Daniels erste Anordnung war die Errichtung zweier zusätzlicher Beobachtungstürme und einiger neuer Bunker. Ich durfte kurz mit ihm im Tactical Operations Center des Stützpunktes reden. Da ich schon einige Wochen hier bin, hat sich mir eine elementare Frage aufgedrängt: Ist es dieser Krieg wirklich wert, gekämpft zu werden? John Kerrys berühmtes Statement "How do you ask a man to be the last man to die for a mistake?" fasst für mich die Crux an der Sache zusammen.

Ich fragte Lieutenant Colonel Daniel also direkt, ob das Opfer der Soldaten in seinen Augen gerechtfertigt sei. "Ja, selbstverständlich! Es ist unsere Pflicht", antwortete er. "Ich war Offizier im Rangerregiment und wir kamen im Oktober 2001 mit nur 198 Mann nach Afghanistan 'to kick some ass!'", meinte er nachdrücklich mit starkem Südstaatenakzent.

"Der 11. September und 3.000 tote Amerikaner waren frisch in unseren Gedanken", erzählte er. "Über die Jahre hinweg verwässerte sich aber dieser Kriegsgrund. Die Öffentlichkeit vergisst, dass wir Soldaten wegen des Terrors hier sind. Das ist der Hauptgrund. Ich bin hier, damit meine Tochter nicht Angst haben muss, von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt zu werden, wenn sie in den Vergnügungspark geht."

Dominotheorie

Der Zusammenhang zwischen Terror und Aufstandsbekämpfung ist für mich einfach nicht nachvollziehbar. Ich habe darüber schon in der Vergangenheit geschrieben. Die einfache Wahrheit ist, dass die meisten Afghanen hier "zufallsbedingte Guerillakämpfer" sind. Das Terrorargument ist die Dominotheorie des 21. Jahrhunderts der amerikanischen Außenpolitik.

Ich fragte Daniels, ob denn die Hinterbliebenen der US-Soldaten in dieser Argumentation Trost fänden. Daniels: "Ich war für einige Zeit der Bestattungsoffizier des Regiments. Es war keine leichte Aufgabe. Während meiner Zeit musste ich 15 Familien die Nachricht überbringen, dass ihr Sohn gefallen war. Meine siebenjährige Tochter wusste bereits, dass, wenn das Telefon in der Nacht läutete, jemand vergeblich auf die Rückkehr seines Soldaten gewartet hatte. Es war immer sehr traurig. Doch ich bin noch immer fest von der Richtigkeit unserer Sache überzeugt." Meine Frage blieb also unbeantwortet. Laut icasualties.org sind seit dem Jahr 2001 2.028 Amerikaner in Afghanistan gefallen. Mehr als 15.000 wurden bereits verwundet.

Auf meine Frage, welche Einstellung er zu Afghanistan im Allgemeinen habe, meinte er knapp: "Ich interessiere mich nur so weit für Afghanistan, wie es mit den nationalen Interessen meines Landes und dem amerikanischen Volk zusammenhängt." Eine ehrliche Antwort. (Franz-Stefan Gady, derStandard.at, 9.7.2012)

  • Lieutenant Colonel Shawn Daniel ehrt einen jungen Soldaten für besonderen Mut im Einsatz.
    foto: army.mil

    Lieutenant Colonel Shawn Daniel ehrt einen jungen Soldaten für besonderen Mut im Einsatz.

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