Schmied: "Jeder von uns kann etwas, jeder kann Elite sein"

4. Juli 2012, 10:59
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Zahlennoten, 50 Minuten Frontalunterricht und Schulbeginn um acht Uhr - bei "Zukunft am Wort" forderten Jugendliche, althergebrachte Strukturen zu hinterfragen

Wien - Stolz sollen wir auf sie sein können, sagt Claudia Schmied auf die Frage von STANDARD-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid nach ihrem Wunsch für eine zukünftige Schule.

Die Unterrichtsministerin stellte sich letzten Mittwoch bei der Diskussionsreihe "Zukunft am Wort", die vom STANDARD und dem ORF Wien veranstaltet wird, den kritischen Fragen von Jugendlichen. Diese wurden durch Björn Puhr, Schulsprecher am BG Hollabrunn, und Franz Kien, Schüler der HLT Retz, vertreten. Das Podium wurde vom Politikanalyst Peter Plaikner komplettiert. "Wie sieht die Zukunft der Schulen aus?" war der Titel der angeregten Debatte im Dschungel Wien.

"Sich auf die Vielfalt einzulassen und sie wertzuschätzen, das halte ich für ein Grundprinzip", spricht sich Schmied für die Förderung individueller Stärken aus: "Jeder von uns kann irgendetwas besonders gut, jeder von uns kann Elite sein."

Noten abschaffen

Die jugendlichen Diskutanten sind einverstanden, ihnen ist aber das Beurteilungssystem mit Ziffernnoten ein Dorn im Auge. Kien wünscht sich individuelle, mündliche Beurteilung. So würde den Schülern Spaß am Lernen vermittelt werden. "Viele Schüler lernen kurzfristig und vergessen den Stoff schnell wieder."

Eine gewisse Ineffizienz des Bildungssystems zeigen auch die Zahlen von Plaikner: In Österreich wird verhältnismäßig viel Geld pro Schüler in Bildung investiert, bei der Pisa-Studie werden aber vergleichsweise schlechte Ergebnisse erzielt. Im Gegensatz dazu beruft man sich immer wieder auf die skandinavischen Länder.

Auch Puhr bringt ein Beispiel aus Finnland ein: "Dort können Noten erst ab der fünften Klasse des Gymnasiums vergeben werden. Verpflichtend ist eine Notengebung erst ab der siebten Klasse", spricht auch er sich für ein alternatives Notensystem aus.

Die Bildungsministerin möchte jedoch an den Zahlennoten festhalten. Wir würden in einer Zeit leben, in der man auch nach der Schulzeit, ständig beurteilt werde. "Aber nicht wie in der Schule, wo eine Note allgemeine Gültigkeit hat", konterte Puhr.

Auch forderten beide Jugendlichen, alte Strukturen wie den Unterrichtsbeginn um acht Uhr und die Einteilung der Schulstunden zu überdenken. "Die erste Stunde ist verschwendet", weil sie zu früh beginnt, sagte Puhr. Und: Niemand könne 50 Minuten konzentriert zuhören. Offen für Veränderung ist Schmied beim Konzept des Elternsprechtags. Dieser sollte stattdessen ein "Eltern-Schüler-Lehrer-Sprechtag" sein.

Aus dem Publikum meldeten sich viele Schüler und Lehrer zu Wort. Eine Lehrerin kritisierte die Abschaffung der Leistungsgruppen: "Jetzt sind meine schwachen Schüler negativ und deutlich weniger motiviert." Die Ministerin sprach sich dagegen klar gegen die Einteilung in verschiedene Könnensstufen aus und dafür, zu ermöglichen, "dass Schüler mit unterschiedlichem Wissensstand voneinander lernen".

Politikexperte Plaikner brachte einen weiteren Aspekt ein: "In meiner Generation war die Matura der Schlüssel zu sozialem Aufstieg. Das gilt heute nicht mehr." Er erkennt eine "erschreckende Entwicklung": Ausgerechnet in wirtschaftlich begünstigten Gebieten - etwa in Tourismusregionen - zeichne sich vermehrt Bildungsfeindlichkeit ab: Immer weniger Schüler machen hier Matura. "Da muss man entgegenarbeiten, denn unsere wirtschaftlichen Erfolge sind in der Bildung verankert", argumentierte Plaikner.

Bildungspolitische Blockade

Auch die großen Themen Ganztagsschule und Zentralmatura fanden ihren Platz in der Diskussion. Einhellig gestanden die Diskutanten eine gewisse "Blockade" ein, was bildungspolitische Reformen in Österreich betrifft. Diese liege im ewigen Den-anderen-Schlechtmachen, ist Kien überzeugt. Vonseiten der Politik, aber auch der Medien. Man konzentriere sich rein auf das Negative, nicht auf die Fortschritte.

Daher hob Schmied abschließend die positiven Aspekte der Reformen der letzten Jahre hervor, etwa das verpflichtende Kindergartenjahr. Auch Puhr zeigte sich optimistisch. Es gebe bereits genügend Ideen und Ideale zur Verbesserung der Schule - "aber wir brauchen endlich Wege, um diese auch umzusetzen." (Tarek Diebäcker, Anna Schnabl, DER STANDARD, 4.7.2012)

  • Zwischen den kritischen Fragen der Jugendlichen: Unterrichtsministerin Claudia Schmied.
    foto: standard/urban

    Zwischen den kritischen Fragen der Jugendlichen: Unterrichtsministerin Claudia Schmied.

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